Das deutsche Valley Weltmarktführer

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Alexandra Föderl-Schmid (Tel Aviv), Christoph Giesen (Peking) und Ulrich Schäfer (München) im Wechsel.

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Magazino baut rollende Roboter für die Lager der großen Versandhändler. Die Firmen Zalando und Siemens haben bereits in das Start-up aus München investiert.

Von Ulrich Schäfer

Das "Modell Merkel" war noch ein Roboter der einfacheren Art. Frederik Brantner und seine Kollegen haben ihn schnell zusammengeschraubt. Denn sie benötigten ein vorzeigbares Produkt, als die Kanzlerin vor drei Jahren die UnternehmerTUM besuchte, die Gründerschmiede der Technischen Universität München. Das "Modell Merkel" vermochte Bücher zu greifen und sie von einem Stapel auf einen anderen zu legen - und es funktionierte tadellos, bis Angela Merkel den Roboter in Augenschein nahm. Dann hakte es im ersten Versuch - Vorführeffekt! -, erst der zweite klappte.

Heute ist das "Modell Merkel" ein Ausstellungsstück, es steht in einem Gründerzentrum in München-Laim. Direkt daneben ist ein weiterer Roboter aus der Anfangszeit des Start-ups Magazino zu sehen: eine riesige Maschine, die in einer Apotheke die Medikamente einlagert und sie wieder auswirft, wenn man sie benötigt. Auch dieser Roboter ging nicht in Serie. Denn der deutsche Markt mit Zehntausenden Apothekern, die alle nur eine einzige Niederlassung betreiben, erwies sich als viel zu kleinteilig für ein Start-up, das sehr schnell wachsen will.

Magazino hat sich - wie der Name schon andeutet - darauf spezialisiert, mit hochintelligenten Robotern Magazine zu automatisieren, also die großen und kleinen Warenlager von Unternehmen. Die rollenden Gefährte sind ausgestattet mit Lasertechnik und vielen Kameras, um die Umgebung ganz genau zu erkennen und den richtigne Weg zu finden. Zudem verfügen die Roboter über kleine, mit Saugnäpfen bestückte Greifer. Diese können Kartons aus Warenregalen ziehen, auf dem autonom fahrenden Roboter platzieren und sie anderswo wieder ablegen und stapeln. Kameras an den Greifern lesen die Strichcodes der Kartons ein und speichern sie in der Cloud. So weiß der Rechner im Hintergrund selbst in einem Lager mit Millionen Kartons immer ganz genau, wo sich jeder einzelne befindet - und jeder Roboter kann diese Daten permanent abrufen.

Magazino vereint damit Fähigkeiten aus dem Maschinenbau, dem Cloud Computing und der künstlichen Intelligenz - und hat eine erstaunliche Wachstumsgeschichte hingelegt. Vor vier Jahren begannen Brantner und seine beiden Mitgründer in einem 16-Quadratmeter-Zimmer, das ihnen ein Professor der TU München zur Verfügung gestellt hatte, heute erstreckt sich ihr Firmenquartier über mehr als 1000 Quadratmeter und mehrere Etagen und wächst ständig weiter. Auch der Bankkredit von 25 000 Euro, den Brantner einst aufgenommen hatte, um seine GmbH zu gründen, ist abgelöst; stattdessen haben namhafte Investoren wie der Industriekonzern Siemens oder der Versandhändler Zalando viel Geld in das Münchner Start-up gesteckt. Allein in der letzten Finanzierungsrunde flossen 20 Millionen Euro. Brantner und seine Mitgründer besitzen aber weiter die Mehrheit.

"Wir sind die Ersten, die solche mobilen Roboter im Echteinsatz haben", sagt er nicht ohne Stolz. Sein Entwicklerteam, sagt er, sei eines der größten Advanced-Robotics-Teams in Europa. Gut 50 Roboter, Stückpreis 55 000 Euro, hat Magazino bereits im Einsatz, vor allem bei großen Versandhändlern. Denn Amazon, Otto, Zalando und Co. haben Mühe, genug Mitarbeiter zu finden, um ihre wachsenden Lager zu betreiben und die Pakete für den Versand zusammenzustellen. Die Roboter können, anders als Lagerarbeiter, rund um die Uhr arbeiten und auch am Wochenende eingesetzt werden, weshalb Brantner ein großes Potenzial für sie sieht.

"Wir galten als die drei Verrückten, die keine Ahnung haben", sagt Frederik Brantner

Noch allerdings können die Magazino-Roboter nur Schuhkartons oder ähnlich große Kisten transportieren; doch Geräte, die mehr können, sind in der Entwicklung. Schrittweise will Magazino die Produktion ausbauen. Auch mit Auftragsfertigern ist man im Gespräch, denn mehr als 100 Stück pro Jahr will das Start-up nicht selber herstellen, dazu fehlt der Platz.

Warum konnte das Start-up so schnell wachsen und solch eine komplexe Technologie entwickeln?

Der erste Grund: pure Neugier. Brantner kam auf die Idee für seine Roboter, als eine Freundin ihre Apotheke neu organisieren wollte. Sie brauchte eine Maschine, die das Lager aufräumt. Deshalb starteten er und seine beiden Mitgründer mit Robotern für Apotheken. "Die meisten haben mich für bescheuert erklärt", sagt er, "wir galten als die drei Verrückten, die keine Ahnung haben."

Der zweite Grund: Hilfe vom Staat. Gleich am Anfang stiegen nicht nur zwei Business Angels bei Magazino ein, sondern auch der teils von der Bundesregierung getragene Hightech-Gründerfonds. Er investierte einen sechsstelligen Betrag. Zudem überließ die Stadt München dem Unternehmen in ihrem Gründerzentrum viel Platz zu einer sehr günstigen Miete.

Der dritte Grund: Mut zu Big Data. "Wir sind sehr datengetrieben", sagt Brantner. Von Anfang an wollte er keine Roboter bauen, die immer nur am gleichen Schweißpunkt ansetzen und nichts anderes können, sondern intelligente Maschinen, die dank künstlicher Intelligenz immer schlauer werden. Magazino hat deshalb mit seinen Kunden vereinbart, dass das Start-up alle Daten, die die Roboter sammeln, in seiner Cloud speichern und auswerten darf; so kann es die Maschinen immer besser trainieren und effizienter machen.

Dass Magazino diese Daten nicht teilt und seinen Kunden überlässt, hat noch einen Grund: Mögliche Wettbewerber haben es so weitaus schwerer, in den Markt einzudringen und den Vorsprung des Münchner Start-ups einzuholen. "Wir sind", sagt Frederik Brantner selbstbewusst, "bereits Weltmarktführer in einer Nische, und wir wollen auch in den nächsten Jahren weiter wachsen."