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Das deutsche Valley:Stanford auf bayerisch

Die TU München bringt mehr Gründer hervor als jede andere Hochschule in Deutschland. Denn sie maß sich schon früh mit dem Silicon Valley.

Als Helmut Schönenberger vor zwei Jahrzehnten seine Diplomarbeit schreiben wollte, hatte er einen mächtigen Fürsprecher: den bayerischen Ministerpräsidenten. Edmund Stoiber reiste damals ins Silicon Valley, schloss ein Kooperationsabkommen zwischen dem Freistaat und der Stanford-Universität ab, und ein Passus darin beschäftigte sich auch mit der Arbeit des Studenten Schönenberger. Dieser wollte die amerikanische Elite-Hochschule mit seiner Alma Mater, der Technischen Universität München (TUM), vergleichen, einem Beamten aus Stoibers Staatskanzlei gefiel die Idee, und so bekam er dank Stoiber den gewünschten Zugang zu Daten und Mitarbeitern in Stanford.

Die Diplomarbeit hat Schönenbergers Leben verändert. Er zeigte darin auf, woran es in München fehlt, und entwarf einen Plan, wie man auch an der TUM den Gründergeist der Studenten fördern kann. Er dachte an ein kleines Entrepreneurship Centre mit vier, fünf Mitarbeitern, ähnlich groß wie in Stanford. Heute, 16 Jahre später, hat die Unternehmer-TUM, die Start-up-Fabrik der Technischen Universität, etwa 180 Mitarbeiter, wächst stetig und lockt Gründer aus aller Welt an: Amerikaner und Australier, Briten und Franzosen, Brasilianer und Chinesen. Sie alle wollen, ebenso wie die Studenten der TU München, von dem profitieren, was Schönenberger und sein Team in Garching vor den Toren Münchens geschaffen haben. Sie erhoffen sich konkrete Hilfe beim Aufbau eines Start-ups, besuchen Workshops, entwickeln Geschäftspläne und lassen sich inspirieren von Gründern, die ebenfalls das Programm durchlaufen haben und nun erfolgreiche Firmen führen.

Ausweislich des Start-up-Monitors, der größten Datenerhebung über deutsche Gründer, kommen inzwischen von keiner deutschen Hochschule so viele Jungunternehmer wie von der TU München. Über 70 Start-ups bringt die Universität mittlerweile Jahr für Jahr hervor, darunter Erfolgsgeschichten wie der Fernbusbetreiber Flixbus, die Bahntechnikfirma Konux, der Thermoanbieter Tado oder der Flugtaxi-Hersteller Lilium Aviation. "Es gibt auf der Welt nur wenige, die die gleiche Schlagkraft haben wie wir", sagt Schönenberger. Das liegt vor allem daran, dass die Unternehmer-TUM aus einer Hand anbietet, was Gründer brauchen und anderswo oft zersplittert ist: einen Inkubator zur Entwicklung der ersten Ideen; einen Akzelerator, um den Firmenaufbau zu beschleunigen; einen Makerspace, in dem die Gründer die ersten Prototypen bauen können; und dazu einen Venture-Capital-Fonds, der das Startkapital liefert und bei weiteren Finanzierungsrunden hilft. Gerade erst wurde auch ein Zentrum für künstliche Intelligenz gegründet.

Hochschulen sind der entscheidende Ort für Gründer. Das war schon im Silicon Valley so: Ohne Stanford gäbe es das Technologie-Tal südlich von San Francisco vielleicht nicht. Frederick Terman, der damalige Dekan, ermunterte in den 1930er-Jahren seine Studenten, sich selbständig zu machen, er schuf einen Industriepark für Gründer und gilt als entscheidender Pionier des Silicon Valley. Die Gründer von Hewlett-Packard, Google oder Netflix: Sie alle haben in Stanford studiert.

"Hochschulen machen Gründer": Dieser Satz steht auch im Start-up-Monitor. Demnach haben in Deutschland 81 Prozent aller Gründer einen Hochschulabschluss, meist ein Diplom oder einen Master. Nur knapp neun Prozent gaben als höchsten Abschluss eine Ausbildung, die Realschule oder Hauptschule an. Will man also in Deutschland noch mehr Start-ups hervorbringen, dann muss man es so machen wie an der TU München.

Gründergeist und exzellente Wissenschaft passen zusammen - wenn man es nur will

Zwei Menschen waren es vor allem, die die Entwicklung an der TUM vorantrieben. Zum einen Wolfgang Herrmann, Präsident seit 1995: Er wollte schon früh eine der führenden Gründer-Hochschulen in Europa schaffen. Zum anderen Susanne Klatten: Die BMW-Eigentümerin war begeistert, als Schönenberger damals seine Diplomarbeit im Hochschulrat der Uni vorstellte. Sie gab das Geld, um im Jahr 2002 die Unternehmer-TUM zu gründen, ein sogenanntes An-Institut, eine hochschulnahe Einrichtung in privater Hand. Als Eigentümerin der Unternehmer-TUM, einer gemeinnützigen GmbH, wirbt Klatten seither in der Wirtschaft um finanzielle Unterstützung für die Gründer und hält den Draht zur Politik. Vor ein paar Jahren kam sogar Kanzlerin Angela Merkel nach Garching, um sich das bayerische Stanford anzuschauen.

Auch andere Unis in Deutschland bringen inzwischen viele Gründer hervor, etwa das KIT in Karlsruhe oder die RWTH in Aachen. Viele mussten aber auch immer wieder erfahren, wie schwer sich das Konzept der Unternehmer-TUM übertragen lässt. Vielerorts gibt es Berührungsängste mit der Start-up-Welt. Auch die Finanzierung durch die Wirtschaft stößt immer wieder auf Missfallen. Schönenberger weiß von Fällen zu berichten, wo vermögende Unternehmer bereit waren, einer Universität sehr viel Geld zu schenken, die Hochschulen aber dankend ablehnten: Sei leider nicht vermittelbar.

Im Silicon Valley gibt es solche Bedenken nicht. Wer über den Campus von Stanford läuft, findet an vielen Gebäuden die Namen großer Firmengründer: Sie haben Geld gespendet und Lehrstühle finanziert. Doch der Qualität der Lehre hat das nicht geschadet, im Gegenteil. Stanford rangiert in internationalen Ranglisten weit vorne, meist auf Platz eins, egal ob es um die Innovationskraft geht, die Dichte an Nobelpreisträgern oder die Zahl der Start-ups. Es geht also beides zusammen, Gründergeist und exzellente Wissenschaft - wenn man dies nur will. Nur wollen das in Deutschland viele Vertreter der reinen Lehre immer noch nicht.