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Das deutsche Valley:Die aufrechten Sieben

Vor drei Jahren gab es nur ein Start-up in Deutschland, das über eine Milliarde Dollar wert war. Heute sind es sieben.

Im Silicon Valley gibt es sie zuhauf: die Einhörner, die Unicorns. Junge Unternehmen also, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sind. Gut 200 gibt es davon weltweit, die meisten in Kalifornien, und sie werden gezählt, seit die Investorin Aileen Lee vor vier Jahren diesen Begriff prägte. Aber in Deutschland? Da gebe es nur "ganz wenige" dieser besonders wertvollen Start-ups, liest man immer wieder. Aber wie viele sind es wirklich? Die britische Investmentbank G.P. Bullhound, die sich um Tech-Firmen kümmert, hat jüngst nachgerechnet. Und kam auf sieben.

Sieben deutsche Einhörner. Das ist immer noch eine überschaubare Zahl, und je nachdem, welche Kriterien man anlegt, kann man auch auf etwas andere Werte kommen. Und doch verbirgt sich dahinter ein bemerkenswerter Trend. Denn vor drei Jahren gab es nur ein einziges Start-up in Deutschland, das mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet wurde: der Internethändler Zalando. Sechs sind seither hinzugekommen, zusammen sind sie über 27 Milliarden Dollar wert, was die Autoren von G.P. Bullhound zu der Schlagzeile verleitete: "Germany on fire" - Deutschland brennt. Denn nirgends in Europa zeigt die Wachstumskurve derart steil nach oben: in Schweden nicht, wo es ebenfalls sieben Milliarden-Firmen gibt, und auch in Großbritannien nicht, wo es 22 gibt.

Der Aufstieg der deutschen Start-ups war absehbar, denn schon seit einigen Jahren zieht Deutschland immer mehr Risikokapital an, und je mehr die Venture-Capital-Fonds zahlen, umso stärker steigt eben auch der Wert der Unternehmen. Dies lässt sich auch aus dem halbjährlichen Start-up-Barometer der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY ablesen: Allein im ersten Halbjahr 2017 flossen fast 2,2 Milliarden Euro in deutsche Start-ups - mehr als jemals zuvor. Zugleich buhlt Berlin seit geraumer Zeit mit London darum, welche Stadt in Europa das meiste Kapital für Start-ups anzieht; mal liegt die deutsche Hauptstadt vorne, mal die britische.

Deshalb verwundert es auch nicht, dass die meisten deutschen Einhörner, nämlich fünf, in Berlin zuhause sind. Neben Zalando sind dies die Lebensmitteldienste Hello Fresh und Delivery Hero, der Gebrauchtwagen-Händler Auto1 und die Internet-Holding Rocket Internet, die von den Samwer-Brüdern geschaffen wurde. Lediglich die Hotelbuchungsplattform Trivago (Düsseldorf) und die Betreiberfirma des sozialen Netzwerks Xing (Hamburg) stammen nicht aus der deutschen Hauptstadt.

Bemerkenswert ist, wie schnell die deutschen Einhörner an Wert zulegen: So sammelten die drei Gründer von Auto1, Chris Muhr, Christian Bertermann und Hakan Koç, erst im Frühjahr 360 Millionen Euro von mehreren Fonds ein, was die Bewertung ihrer Firma auf 2,5 Milliarden trieb. Vor wenigen Tagen wurde dann bekannt, dass der japanische Softbank-Konzern den drei Jungs weitere 100 Millionen Euro gibt, was den Firmenwert nochmals anhebt. Auto1 erwirbt über seine Plattform "Wir kaufen Dein Auto" jeden Monat Zehntausende von Gebrauchtwagen und veräußert diese dann an Händler. Die Firma beschäftigt 3000 Mitarbeiter, ist in 30 Ländern aktiv und will in diesem Jahr bis zu drei Milliarden Euro umsetzen. Schon wird über einen möglichen Börsengang spekuliert - was die drei Gründer aber bislang nicht bestätigen mögen.

Es gibt sie also auch in Deutschland: die Start-ups, die sehr schnell sehr groß werden. Und weitere werden folgen: Die Firma Lilium Aviation aus Gilching bei München etwa, deren elektrisches Flugtaxi senkrecht starten und landen kann, sammelte vor ein paar Wochen 90 Millionen Dollar ein. Auch digitale Finanzanbieter wie N26 aus Berlin, Kreditech aus Hamburg oder Auxmoney aus Düsseldorf gelten laut G.P. Bullhound als Anwärter auf den Milliardärsklub, ebenso der Berliner Online-Optiker Mister Spex.

Was wirklich zählt, sind nicht Luftblasen, sondern das harte Geschäft

Noch ist keines der europäischen Unternehmen, das GP Bullhound in seinem Report aufführt, so groß wie einer der "Titanen" Uber oder Tesla aus dem Silicon Valley, die sogar mehr als 50 Milliarden Dollar wert sind. Zalando mit seinen fast 14000 Mitarbeitern bringt es immerhin schon auf einen Börsenwert von zehn Milliarden Euro, umgerechnet knapp zwölf Milliarden Dollar. In Europa ist nur der Streamingdienst Spotify aus Schweden noch etwas mehr wert. G.P. Bullhound hält es aber für möglich, dass in den nächsten Jahren auch europäische Unternehmen in den exklusiven Club der Titanen aufrücken können, Zalando müsste dazu - basierend auf dem jetzigen Börsenwert - seinen Umsatz um das Viereinhalbfache steigern.

Andererseits gibt es auch Gründer, die den Hype um die Milliardenbewertungen nicht mitmachen wollen. Dazu zählt zum Beispiel das Münchner Unternehmen Flixmobility, besser bekannt unter seiner Marke Flixbus. Dank der Investitionen von namhaften Fonds wie Silverlake oder General Atlantic ist Flixmobility möglicherweise auch schon ein Einhorn, aber Mitgründer André Schwämmlein schweigt dazu: "Wir kommunzieren weder Bewertungen noch Investitionssummen", sagte er vor ein paar Monaten in einem Interview mit dem Internetportal Ngin Mobility. Denn es sei "kein Erfolg an sich", was ein Unternehmen auf dem Papier wert sei.

Was wirklich zählt, sind also nicht Luftblasen, sondern das harte Geschäft. Schwämmlein formulierte es so: "Ich bin stolz darauf, dass wir jetzt schon 60 Millionen Menschen befördert haben und das ist ein wirklicher Wert. Es geht darum, was wir aufgebaut haben. Wir wollen nur über die richtigen Sachen diskutieren: Wo geht das Unternehmen hin, was sind die Pläne?" Man mag das langweilig finden, aber man muss auch nicht jeden Hype aus dem Silicon Valley mitmachen. Und kann trotzdem erfolgreich sein.