bedeckt München 19°

Das deutsche Valley:Das Herzensprojekt

Marc Beise, 
Kol. das deutsche Valley

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise (München), Karoline Meta Beisel (Brüssel), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Miriam Wohlfarth hat mit Ratepay ein Unternehmen im harten Finanzsektor gegründet. Sie begeistert sich auch für das Schulprojekt Start-up Teens.

Linkedin? Brauch ich nicht, hört man selbst unter Kollegen, und in der Tat ist das Silicon-Valley-Unternehmen mit starker europäischer und deutscher Präsenz zunächst mal "ein webbasiertes soziales Netzwerk zur Pflege bestehender Geschäftskontakte und zum Knüpfen von neuen geschäftlichen Verbindungen", wie es bei Wikipedia heißt. Die Online-Enzyklopädie wiederum ist, das hat sich herumgesprochen, auch für den Privatmenschen ganz nützlich, aber Linkedin, wenn ich nun mal keine Geschäftskontakte knüpfen will? Jemand wie Miriam Wohlfarth, eine der Pionierinnen der deutschen Start-up-Szene, ist natürlich immer an Geschäftskontakten interessiert, und trotzdem kann sie ein wunderbares Beispiel beisteuern, wie man gelegentlich selbst beim Networking über den Tellerrand hinaus geführt wird. Denn es war ein Linkedin-Post, der sie im vergangenen Herbst auf ein junges gemeinnütziges Projekt aufmerksam machte, das aus Hamm am nordöstlichen Rand des Ruhrgebiets kommt: Start-up Teens.

Seitdem ist das, sagt sie, ihr "Herzensprojekt", sie ist mittlerweile dort Gesellschafterin, zusammen mit anderen bekannten Digitalunternehmern wie Daniel Krauss, einem der Gründer von Flixbus, von dem der Online-Tipp damals kam. Im Beirat findet sich dann ohnehin fast alles, was Rang und Stimme hat in der Gründerdebatte, von den mehr als 800 Mentoren ganz zu schweigen, die Start-up Teens an der Hand hat, um Schüler zu unterstützen, die gründen wollen.

Denn darum geht es hier: digitales Gründen. Die Rede ist von der nach eigener Aussage reichweitenstärksten digitalen Bildungsplattform in Deutschland, die Schülerinnen und Schülern unternehmerisches Denken und Handeln sowie Coding nahebringen will. Unternehmerische Bildung wird, sagt Hauke Schwiezer, Gründer und Vorstandsvorsitzender des Projekts, am besten von jenen vermittelt, die bereits erfolgreich sind.

Zu ihnen bietet Start-up Teens den Zugang "sozial inklusiv und kostenfrei". Dazu betreibt die Organisation einen Youtube-Kanal, klassische Veranstaltungen ("Events") mit Diskussionspodien, einen sehr ordentlich dotierten Business Plan-Wettbewerb für Schülerinnen und Schüler ("Challenge"), und vermittelt Hilfe zu den bereits erwähnten Mentoren.

Für Miriam Wohlfarth ist diese Initiative das Gebot der Stunde, weil man aufs digitale Gründen im deutschen Bildungssystem bis heute einfach nicht vorbereitet werde. "Als Kind hat man uns geraten, eine Banklehre zu machen. In einem Zeitalter, in dem Banken zunehmend ins Wanken geraten, grenzt das schon an Sarkasmus", sagt die Frau, die ein FinTech mitgegründet hat, das die normalen Zahlungsweisen ins Internet überträgt. Dank Ratepay kann man online nicht nur mit Kreditkarte zahlen, sondern auch per Rechnung oder Lastschrift, oder Raten abstottern.

"Was ist beispielsweise der Bankkaufmann im digitalen Zeitalter? Im Idealfall ein Entrepreneur oder ein Digitaltalent im Unternehmen. Denn die brauchen wir in Deutschland ganz dringend", sagt Wohlfarth und zitiert Stifterverband und McKinsey, wonach in Deutschland alleine bis zum Jahr 2023 mehr als 2,4 Millionen digitale Talente fehlen.

Junge Menschen gründen kaum, weil sie zu Unternehmertum in der Schule nichts lernen

Deutschland rangiert beim Thema unternehmerische Ausbildung in den Schulen auf einem schwachen 36. Platz von 54 untersuchten Ländern (Global Entrepreneurship Monitor 2019/2020 Global Report). Unter den Top Ten befinden sich Staaten wie die Niederlande, Indonesien, Indien, die USA, Katar, Kanada und Luxemburg. Dort überall gibt es nach der Schule signifikant mehr Gründungen, und sie sind nachhaltig erfolgreicher: "Wie kann das sein?"

Demgegenüber möchten nach einer Untersuchung von Transferwise 64 Prozent aller 16- bis 25-Jährigen in Deutschland ein eigenes Unternehmen gründen, wissen aber nicht wie. Es gründen weniger als sieben Prozent mit der Begründung, dass sie zu Unternehmertum und Ideenumsetzung in der Schule nichts lernen und es auch außerschulisch zu wenig Initiativen gibt, sagt Wohlfarth: "Wie wollen wir denn nachhaltig wettbewerbsfähig bleiben, wenn sich nicht endlich etwas tut?" Deutschland brauche deshalb dringend Initiativen, die da ansetzen, wo die Schulen "komplett" versagten: "Schulfächer, die die Anforderungen an junge Menschen in der Zukunft widerspiegeln. Vor allem Wirtschaft, Coding und Gesundheit", sagt Wohlfarth, und weil sie schon dabei ist, fordert sie auch eine tatkräftigere Förderung von Mädchen für Mint-Fächer. "Ein Girl's Day macht noch keinen Unterschied", empört sich die Gründerin, die auf Finanzforen lange Jahre häufig die einzige Frau war. Auch die Politik sei gefordert: Im groß angepriesenen Digitalpakt seien bisher von den avisierten fünf Milliarden gerade mal 20 Millionen Euro bewilligt worden.

In anderen Ländern sei es üblich, dass Wirtschaftsvertreter einige Jahre unterrichteten. Weil das realistischerweise in den deutschen Schulen so gar nicht geleistet werden könne, setzt Wohlfarth auf "außerschulische Entrepreneurship Education Projekte für Jugendliche: Wir brauchen mehr unternehmerische Vorbilder wie Familienunternehmen und Manager". Und: Junge Menschen richteten ihr Verhalten an ihren Vorbildern aus. Das seien in Deutschland überwiegend Sportler, Models oder Musiker. Da kam ihr Start-up Teens gerade recht. Für das sich, wie passend, auch Ex-Fußballstar und Gründer Philipp Lahm engagiert.

© SZ vom 03.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite