Kolumne "Das deutsche Valley" Bavaria inside

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Alexandra Föderl-Schmid (Tel Aviv), Christoph Giesen (Peking) und Ulrich Schäfer (München) im Wechsel.

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US-Internetkonzerne tun so, als sei künstliche Intelligenz eine Erfindung aus dem Silicon Valley. Tatsächlich kommt vieles aus Bayern.

Von Ulrich Schäfer

Als Eric Schmidt, der einst mächtigste Mann bei Google, vor ein paar Monaten eine Rede an der Technischen Universität München (TUM) hielt, verteilte er ein wenig Lob an Bayern. Er habe, verriet Schmidt, bayerische Gene im Blut, der Freistaat sei in gewisser Hinsicht seine Heimat, und im Übrigen habe an der TUM Andreas von Bechtolsheim studiert, einer der wichtigsten Investoren im Silicon Valley, der einst den Aufstieg von Google mitfinanzierte. Anschließend setzte Schmidt zu einem längeren Vortrag über künstliche Intelligenz an und welch großartige Möglichkeiten diese Technologie für Google eröffne. Mit keinem Wort erwähnte Schmidt allerdings, dass sein Unternehmen auch auf diesem Feld dem Freistaat Bayern und der TU München viel zu verdanken hat.

Jürgen Schmidhuber, einer der weltweit führenden Forscher im Bereich Künstliche Intelligenz (KI), wundert das nicht. Die amerikanischen Internetkonzerne verstünden es eben, "Propaganda zu betreiben", ja, sie verdrehten gar die Geschichte, wie er spitz formuliert. Die Firmen erweckten den Eindruck, als sei jene moderne Form der künstlichen Intelligenz, die heute in Sprachassistenten, selbstfahrenden Autos und Smartphones steckt, in erster Linie im Silicon Valley erfunden worden. Tatsächlich aber, sagt Schmidhuber, "wurde die moderne KI vor allem in Bayern entwickelt", hier seien schon vor Jahrzehnten wichtige Grundlagen erforscht worden, die heute Maschinen schlau machen.

Schmidhuber weiß, wovon er spricht. Denn der gebürtige Münchner forscht seit drei Jahrzehnten zur künstlichen Intelligenz. Sein Ziel: eine Maschine zu schaffen, die schlauer ist als er. Schmidhuber hat an der TU München promoviert und dort in den 1990er-Jahren und von 2004 bis 2009 gelehrt, als er das Labor für kognitive Robotik geleitet hat. Vorher schon ist er in die Schweiz gegangen und leitet seither in Lugano das Dalle-Molle-Institut für Künstliche Intelligenz (ISDIA). Einige seiner Studenten haben Deepmind mit aufgebaut, jenes angesehene Unternehmen für künstliche Intelligenz, das Google für 600 Millionen Dollar aufgekauft hat - und heute im Mittelpunkt von Googles Programm für künstliche Intelligenz steht.

Die erste Technologie, die Schmidhuber als Beleg dafür anführt, dass die Grundlagen der modernen künstlichen Intelligenz in Bayern geschaffen wurden, ist das autonome Fahren. In der Öffentlichkeit, klagt er, herrsche der Eindruck vor, Google habe das erste selbstfahrende Auto gebaut. Tatsächlich aber hat Ernst-Dieter Dickmanns, Professor an der Bundeswehr-Universität in München, schon Mitte der 1980er-Jahre damit begonnen, mit Roboterautos zu experimentieren, zunächst auf einem stillgelegten Flugplatz in Neubiberg vor den Toren München, später dann im Straßenverkehr. 1994 fuhr Dickmanns mit einer umgebauten S-Klasse, die mit Computern und Kameras vollgestopft war, 1000 Kilometer im dichten Straßenverkehr von Paris, ein Jahr später absolvierte er 1758 Kilometer von München nach Odense in Dänemark und zurück und fuhr bis zu 175 Kilometer pro Stunde schnell - eine Pioniertat. Etliche Autobauer und Zulieferer arbeiteten mit Dickmanns zusammen. Noch heute, sagt Schmidhuber, halte die deutsche Industrie die Hälfte aller Patente für das autonome Fahren.

"Mir liegt es sehr am Herzen, dass Deutschland das nicht vermasselt."

Die zweite Technologie, die Schmidhuber anführt, haben er und Sepp Hochreiter, einer seiner Studenten an der TU München, entwickelt. Es handelt sich um einen Lernalgorithmus namens LSTM, der heute von allen großen Internetfirmen genutzt wird. Er steckt in Amazons Sprachassistenten Alexa, in den Übersetzungsprogrammen von Google oder Facebook oder in den Spracherkennungssystemen von Apple, Google und Microsoft. LSTM steht als Abkürzung für Long Short-Term Memory, für ein langes Kurzzeitgedächtnis. Dieses Gedächtnis ermöglicht es neuronalen Netzen, sich nicht nur an die jüngsten Dateneingaben zu erinnern, sondern auch an Millionen früherer Eingaben und bereits Erlerntes. Diese Rückkopplung ist eine entscheidende Voraussetzung für das sogenannte Deep Learning, das selbständige Lernen von Maschinen.

Die ersten Ansätze für das LSTM formulierte Hochreiter 1991 in seiner Diplomarbeit, die Schmidhuber betreute. Gemeinsam entwickelten sie das Konzept weiter und veröffentlichten es 1997 in einem gemeinsamen Papier. Von da an dauerte es allerdings fast zwei Jahrzehnte, ehe die Technologie sich - auch dank schnellerer Rechner - durchsetzte. Schmidhuber sagt über diese lange Zeit: "Ich habe nie daran gezweifelt. Aber ich habe mich immer gefragt: Warum sieht denn keiner das?"

Heute ist Schmidhuber ein gefragter Referent, der nicht leicht ans Telefon zu bekommen ist, zwischen seinen Vorträgen, mal in Singapur, mal in London, dann in Berlin, wo die Kanzlerin geladen hat, und diese Woche auf der Cebit in Hannover. "Momentan ist die Hölle los", sagt er. Eines liegt ihm dabei besonders am Herzen: Er kämpft dafür, Deutschland auch künftig zu einem Vorreiter in der künstlichen Intelligenz zu machen, und am liebsten seine Heimatstadt: "Wenn München und Bayern das hinbekämen, wäre das toll", sagt er. So wie einst das Label "Intel inside" bei Computern könnte "Bavaria inside" zu einem Qualitätsmerkmal der KI werden.

Doch die Zeit drängt: Andere Länder, allen voran die USA und China, seien schneller und investierten viel mehr Geld. In Peking entstehe gerade für zwei Milliarden Dollar ein Zentrum für künstliche Intelligenz. So etwas müsse auch hierzulande entstehen, so Schmidhuber, damit in Deutschland nicht bloß Grundlagen erforscht, sondern auch industrielle Anwendungen entwickelt werden. "Mir liegt es sehr am Herzen", sagt er, "dass Deutschland das nicht vermasselt."

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