Daphne-Projekt Wo die Mafiaclans ihre Millionen vermehren

In der Altstadt von Valetta, der Hauptstadt von Malta, findet sich keine Spielstätte. Das Land gilt indes als Casino-Hochburg Europas.

(Foto: Jochen Tack/imago)

Italienische Kriminelle haben jahrelang den maltesischen Glücksspielsektor unterwandert. Sie konnten so gewaltige Geldsummen verdienen und waschen - und die Behörden schauten zu.

Von Cecilia Anesi und Matteo Civillini, Rom, und Jan Willmroth, Frankfurt

Malta ist weit weg, viereinhalb Flugstunden von Berlin, für die meisten hierzulande höchstens ein Reiseziel im Mittelmeer. Aber Malta ist sehr viel näher, als viele glauben, in den besten Lagen deutscher Städte, im deutschsprachigen Internet, überall dort, wo virtuelle Casinos und Anbieter von Sportwetten ihr Geld machen. In der Münchner Allianz-Arena, wo zu Spielen des FC Bayern der Name der maltesischen Wett- und Casinofirma Tipico zu lesen ist. Im Fußballfernsehen, auf den Trikots von Hertha BSC, wo Bet-at-home als Hauptsponsor wirbt. Denn Malta ist die Casino-Hochburg Europas.

Auf der Insel gibt es nur vier physische Spielstätten und weniger sichtbare Wettshops als in Deutschland, aber fast dreihundert Glücksspielfirmen: Online-Casinos, Sportwett- und Lotterieanbieter, sie alle bedienen Kunden im Ausland, vor allem in anderen EU-Staaten. Malta war im Jahr 2004 der erste europäische Staat, der den Online-Glücksspielsektor regulierte, und schuf damit die Grundlage für ein lukratives Geschäftsmodell, das Anbieter reich machte, Glücksspielgesetze von Ländern wie Deutschland untergrub und heute mit 1,2 Milliarden Euro zwölf Prozent zur maltesischen Wertschöpfung beiträgt.

Das Milliarden-Geschäft mit Pässen aus Malta

Ein paar hunderttausend Euro kostet der maltesische Ausweis und damit der Zugang zur EU. So wurden schwerreiche Russen eingebürgert. Die ermordete Journalistin Daphne Caruana Galizia bekämpfte das Geschäft. Von Lena Kampf, Mauritius Much, Frederik Obermaier, Bastian Obermayer, Holger Stark und Fritz Zimmermann mehr ...

Maltas niedriges Steuerregime zog private Glücksspielfirmen an wie ein Magnet. Mit ihrer Lizenz von der Insel machen die Unternehmen Geschäfte in allen 28 Mitgliedstaaten und berufen sich dabei auf die im Lissabon-Vertrag verbrieften Grundfreiheiten. Die anderen EU-Länder müssen sich stets darauf verlassen, dass Malta den Sektor effektiv überwacht.

Genau daran hatte die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia immer gezweifelt, bis sie im vergangenen Oktober durch eine Autobombe starb. Im Bestreben, das Zentrum der europäischen Glücksspielindustrie zu werden, habe Malta dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet: So hatte es Caruana Galizia geschrieben. Eine Gruppe von 18 Medien, darunter die SZ, hat sich nach ihrer Ermordung zum Daphne-Projekt zusammengetan, um ihre Recherchen fortzusetzen, koordiniert von der gemeinnützigen Rechercheplattform "Forbidden Stories". Die Erkenntnisse über den Glücksspielsektor und die Aufsichtsbehörde, die Malta Gaming Authority (MGA), zeichnen ein beunruhigendes Bild der Lage in Malta.

Seit einem Jahrzehnt sind italienische Ermittler mehreren Mafiaclans auf der Spur, die Maltas Glücksspielsektor für ihre Zwecke ausgenutzt haben sollen, zum Verdienen und Waschen gewaltiger Geldsummen. Mehrfach stellten sie fest, wie die Mafia den Sektor systematisch unterwandert hat, begünstigt durch eine lückenhafte Kontrolle seitens der MGA. Neueste Ermittlungen zeigen, wie Mafiaorganisationen sich die lukrativen Lizenzen sogar untereinander weitergaben oder ganz ohne Lizenz Geschäfte machten.

Es gibt kaum bessere Werkzeuge als Online-Casinos, um illegal verdientes Geld zu verstecken

Theoretisch wird die Branche streng kontrolliert, das ist Teil der Selbstbeschreibung der maltesischen Aufsicht. Glücksspielfirmen dürfen nur Zugang zu Webseiten bieten, auf denen Spieler sich in eigene Accounts einloggen und ihr eigenes Geld direkt verspielen. In der Praxis gibt es kaum bessere Werkzeuge als Online-Casinos, um illegal verdientes Geld zu verstecken, wie jüngste Erkenntnisse von Anti-Mafia-Einheiten in der sizilianischen Hauptstadt Palermo zeigen. Im Februar zerschlugen sie ein Netzwerk aus maltesischen Online-Casinos, das den Ermittlern zufolge von der Cosa Nostra genutzt wurde.

Das oberste Anti-Mafia-Gericht Italiens ersuchte die maltesischen Behörden um Hilfe, aber es dauerte Monate, bis auf der Insel Untersuchungen angeordnet und Konten von Beschuldigten eingefroren wurden. Reporter des Daphne-Projekts können belegen, dass Online-Casinos weiterbetrieben wurden, obwohl ihnen die Lizenz entzogen worden war. In mindestens einem Fall bekamen die Mafiosi dabei Hilfe von einem früheren Mitarbeiter der MGA, der heute als Berater arbeitet und sie mit einer Strohmannfirma versorgte.