Das Daphne-Projekt:Maltas Passprogramm ist vor allem eine Lizenz zum Gelddrucken

Malta hat als souveränes Land das Recht, seine Pässe auszugeben an wen auch immer. Allerdings betrifft es gleichzeitig jedes andere Land in der europäischen Union: Wenn Geld alleine das Kriterium ist, dann kann sich die EU einen ordentlichen Teil ihrer Geldwäsche- und Sicherheitsanstrengungen sparen - weil Malta jeden in die EU lässt, der ein paar Hunderttausend Euro auf den Tisch legt. Jonathan Cardona und seine Kollegen von Identity Malta versichern, dass jeder Neubürger exzessiv geprüft werde, sie präsentieren ein Modell mit etlichen Sicherheitssäulen und -richtlinien, und natürlich klingt das alles erst mal gut.

Tatsächlich ist das Passprogramm vor allem eine Lizenz zum Gelddrucken. Kälin, der Chef von Henley & Partners, schätzt, dass Malta rund zwei Milliarden Euro eingenommen hat mit den Pässen. Zum Vergleich: Der jährliche Haushalt von Malta liegt bei gerade mal zehn Milliarden. Bei Henley & Partners dürften nach Schätzungen von Insidern alles in allem um 70 bis 100 Millionen Euro angekommen sein, Kälins Firma verdient an jedem verkauften Pass vier Prozent, so geht es aus den Verträgen hervor. Bei Henley spricht man firmenintern angeblich vom "Weihnachtsgeschenk".

Wem aber gehört Henley & Partners, diese so erfolgreiche Kanzlei? Wer profitiert von dem Geschäft?

Die Begünstigte der Firma ist eine Tante von Kälins Frau

In den Panama Papers findet sich ein mit Hand gezeichnetes Organigramm von Henley & Partners - Stand 2013. Demnach gehörte damals ein Großteil der Aktien indirekt zwei Trusts, und die Begünstigte beider Trusts wiederum war laut der Unterlagen eine nahezu unbekannte malaysische Frau. Aus Firmenkreisen erfahren Reporter des Daphne-Projekts, dass es sich dabei wohl um eine Tante von Kälins Frau handelt.

Auf dem Papier ist das Rätsel damit gelöst, aber wer ist diese Frau? Hat sie etwas mit der Firma zu tun? Ist sie eine Strohfrau? Henley & Partners antwortet Reportern des Daphne-Projekts, die Frau spiele inzwischen keine Rolle mehr im Unternehmen, die von den Reportern geschilderte Firmenstruktur sei falsch. Mehr wolle man dazu jedoch nicht Stellung nehmen.

Das maltesische Passprogramm führt noch an anderer Stelle in die Panama Papers. Denn dort findet sich eine panamaische Briefkastenfirma, von der 2015 100 000 Euro in zwei Tranchen an Muscats Stabschef Keith Schembri geflossen sind. Die Offshore-Gesellschaft gehört einem maltesischen Finanzberater, der auch maltesische Pässe an seine Kunden vermittelt. Und das Geld auf dem Konto der Panama-Firma kommt direkt von drei russischen Neubürgern, als Bezahlung für ihren maltesischen Pass. Maltesische Finanzermittler sprechen in einem bislang unveröffentlichten Bericht, der für das Daphne-Projekt eingesehen werden konnte, von der "hochgradig verdächtigen Natur dieser Zahlungen". Waren es Bestechungsgelder? Kickbacks?

Die erstaunliche Erklärung des wohlhabenden Finanzberaters: Die 100 000 Euro seien eine Rückzahlung, weil Schembri ihm das Geld geliehen habe, als er wegen seiner Scheidung Finanzprobleme gehabt habe. Auch Stabschef Schembri sagt auf Anfrage: An seinem Darlehen gebe es "kein Fehlverhalten". Zu den genaueren Fragen, etwa warum das Darlehen über eine Offshore-Firma zurückgezahlt wurde, möchte Schembri nichts sagen. Der Finanzberater will überhaupt keine weiteren Angaben machen.

"Forbidden Stories"

In den vergangenen fünf Monaten arbeiteten 45 Journalisten von 18 Medienhäusern aus 15 Ländern gemeinsam an Geschichten, die Daphne Caruana Galizia vor ihrem Tod recherchiert hatte - das "Projekt Daphne". Koordiniert wurde die Kooperation von der gemeinnützigen Rechercheplattform "Forbidden Stories", die Recherchen von ermordeten oder inhaftierten Journalisten fortsetzen will. "Forbidden Stories" wird vom Omidyar Network finanziert, der Stiftung des E-Bay-Gründers Pierre Omidyar.

Hunderte Russen wurden seit 2013 eingebürgert - das macht viele in Malta nervös

Reporter des Daphne-Projekts treffen Christian Kälin dann tatsächlich auf der Insel, an einem Donnerstag im März. Der Jurist, der halb in Zürich und halb in London lebt, erscheint im dunklen Anzug mit Henley & Partners-Logo am Revers und gibt den gebildeten Weltmann, der durchaus Verständnis hat für Bedenken. "Politisch kann man sich gut auf die Position stellen, dass es so etwas eigentlich gar nicht geben sollte", sagt er den Reportern. Aber: "Malta ist der Goldstandard und mit Abstand das sauberste und transparenteste aller Staatsbürgerschafts-Programme", behauptet Christian Kälin. "Das sind alles ideale EU-Neubürger."

Man kann das auch anders sehen. Die drei Länder mit den meisten Passkäufern sind Saudi-Arabien, China und Russland. Vor allem die Russen machen viele in Malta nervös, Hunderte wurden seit 2013 eingebürgert, darunter sind mindestens problematische Namen wie der Milliardär Arkady Wolosch, Gründer von Yandex, der größten Internet-Suchmaschine Russlands. Wolosch steht auf der schwarzen Liste von Putin-Helfern, die von der US-Regierung im Januar veröffentlicht wurde. Auch neu auf der Insel: der frühere Präsident einer Tochterfirma der russischen Staatsbank.

Kälin und Muscat verbünden sich, um Daphne zu verklagen

Daphne Caruana Galizia bekämpfte das Passprogramm vehement, und zwar so, wie sie immer kämpfte, wenn sie irgendwo Unrecht witterte: laut, direkt, mitunter anmaßend, aber immer gut informiert. Sie warnte, das Programm würde von "chinesischen Aluminium-Milliardären, israelischen Spionage-Software-Magnaten und jordanischen Kameltreibern" missbraucht, und kritisierte die mangelnde Transparenz: Anfangs wurde überhaupt nicht veröffentlicht, an wen maltesische Pässe ausgegeben wurden. Inzwischen geschieht dies zwar, allerdings in einer absurden Liste, in der Neugeborene und Passkäufer wild gemischt werden - sie alle sind ja Neubürger Maltas. Während Daphne die superreichen Neuankömmlinge sehr skeptisch sah, setzte sie sich gleichzeitig für die anderen Neuankömmlinge ein: für die Flüchtlinge, die immer wieder in Malta anlandeten, unterernährt, ohne Lobby, ohne Zukunft auf der Insel.

Am Ende bildet sich eine erstaunliche Allianz gegen Daphne: Im Herbst 2016 spricht sich Christian Kälin mit dem maltesischen Premierminister Muscat und dessen Stabschef Schembri - dem 100 000 Euro-Empfänger aus Pass-Mitteln - per E-Mail darüber ab, wie man juristisch gegen Daphne vorgehen sollte. Kälin schlägt vor, über Großbritannien anzugreifen, wo Klagen mal eben in Millionenhöhe gehen können. Der Premier antwortet, mit seiner privaten Mail-Adresse: "Kein Einwände."

Also bekommt Daphne Post aus London, von einer der großen Kanzleien, die berühmt sind dafür, investigative Journalisten zu attackieren - sie soll Anschuldigungen von ihrem Blog löschen.

Daphne antwortet im Herbst 2017 trocken. "Ich will mich nicht mit Formalitäten aufhalten", sagt sie, und empfiehlt der Anwaltskanzlei wie allen Beteiligten, sich die Briefe und E-Mails an sie "in den Arsch zu schieben". Weiter schreitet die Sache nicht voran. 20 Tage später wird Daphne von einer Autobombe zerrissen.

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