Das Daphne-Projekt:Eine Welt, in der Superreiche konkurrieren, wer die meisten Pässe besitzt

Wer zu den Geschäften mit den Pässen recherchiert, stößt auf eine sechsstellige Zahlung, die über eine Panama-Papers-Firma an den Stabschef des Premierministers gelangt, auf eine erstaunliche Anzahl russischer Neubürger, auf eine geheimnisvolle Frau aus Malaysia und - allgegenwärtig - auf Premierminister Joseph Muscat, der bis heute unablässig die Werbetrommel für das Passprogramm rührt. Als etwa im Europäischen Parlament eine Schweigeminute für Daphne Caruana Galizia abgehalten wird, ist Muscat auf dem Weg nach Dubai, um für maltesische Pässe zu werben.

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Der Passhandel steht stellvertretend dafür, wie auf der Mittelmeerinsel seit der Wahl des Labour-Kandidaten Muscat ins Amt des Premierministers 2013 eine kleine Clique von Politikern und Geschäftsmännern das Land in ihre Hand gebracht hat.

Über das internationale Geschäft mit den Pässen hat kaum jemand so viel recherchiert wie die New Yorker Journalistin und Autorin Atossa Abrahamian. Drei Jahre arbeitete sie an ihrem Buch "The Cosmopolites: Die Geburt des Globalen Bürgers" und traf dafür etliche der wichtigen Akteure dieser speziellen Nische. Eine Nische übrigens, die gar nicht so klein ist: Bloomberg schätzt den Marktumfang auf zwei Milliarden US-Dollar. Auf der Terrasse eines Hotels auf den Cayman Islands, wo sie einen Vortrag über ihr Buch gehalten hat, erzählt Abrahamian von einer irren Parallelwelt, in der Superreiche darum konkurrieren, wer die meisten Pässe besitzt. Vor allem auch solche aus Aserbaidschan, Russland oder dem Iran, deren Vermögen möglicherweise nicht ganz sauber entstand - oder die fürchten, durch internationale Sanktionen in ihrer Mobilität eingeschränkt zu werden. Da hilft dann: ein zweiter Pass.

In der Branche nennt man ihn meist schlicht "den Passkönig"

Natürlich kennt Atossa Abrahamian auch das maltesische Pass-Programm. "Da haben sich die Macher große Mühe gegeben, es als eine Art 'Premium-Produkt' wirken zu lassen", sagt sie. Zum einen, erklärt Abrahamian, weil es eines der teuersten sei, zum anderen weil Malta viel Wert darauf lege, wie aufwendig der Bewerbungs- und Zulassungsprozess sei. Der Ruf Maltas, meint Abrahamian, sei vergleichsweise gar nicht so schlecht.

Angestoßen wurde das Pass-Programm in Malta durch die Kanzlei Henley & Partners mit Sitz in Jersey. Deren Chef, der Schweizer Staatsbürger Christian Kälin, der selbst nicht nur diesen einen Pass besitzt, gilt als einer Männer, die das Passgeschäft weltweit groß gemacht haben. Atossa Abrahamian nennt ihn "the man who sold the world" - "den Mann, der die Welt verkauft hat". In der Branche nennt man ihn meist schlicht "den Passkönig".

Kälin, der selbst lieber von Staatsbürgerschaften spricht, verkaufte anfangs Pässe für ein paar eher schattige Finanzplätze, er hatte vor allem Länder wie St. Lucia oder St. Kitts und Nevis im Angebot, später auch Grenada, Zypern oder Antigua. Der Pass von Malta ist sehr viel wertvoller, denn sein Halter darf ohne Visa in 160 Länder reisen, da Malta in der EU, im Schengenraum und auch im Commonwealth Mitglied ist.

Kälin arbeitet mit der Mutterfirma von Cambridge Analytica zusammen

Der Weg von Henley & Partners zum Passprogramm in Malta führt über eine Firma, die seit einigen Wochen weltweit einen phänomenal schlechten Ruf hat: Strategic Communications Laboratories (SCL), die Muttergesellschaft von Cambridge Analytica, jener Firma also, die im Zentrum des Facebook-Skandals steht. Über Cambridge Analytica sollen 87 Millionen Personendaten ohne Wissen der jeweiligen Nutzer aus Facebook abgeflossen sein.

Henley-Chef Christian Kälin kannte die Mutterfirma von Cambridge Analytica schon länger, Mails aus dem Jahr 2010 zeigen, wie Kälin und die Firma versuchen, im karibischen Saint Vincent dem Oppositionsführer Arnhim Eustace zum Wahlsieg zu verhelfen. Zwar beschwört Kälin öffentlich, er mische sich nicht in Wahlkämpfe ein, aber die E-Mails, die dem Team des "Daphne Projekts" vorliegen, deuten darauf hin, dass er sich auch nicht wirklich heraushält. So verspricht er vor der Wahl dem Oppositionsführer, es gebe einiges, "was wir im Falle eines Wahlsiegs für Sie tun können", er habe Investoren für allerlei Großprojekte, Einkaufszentren, Flughäfen und so weiter. In einer E-Mail an SCL fällt das Wort "Propagandakrieg".

Auf Anfrage erklärt Henley & Partners Reportern des Daphne-Projekts, Kälin könne sich an die Umstände nicht erinnern, in denen angeblich das Wort gefallen sei - der Vorfall liege ja auch acht Jahre zurück. Im Übrigen sei das keine Einmischung in den Wahlkampf, man interagiere lediglich regelmäßig mit Regierungen und Parteiführern.

Wem gehört Henley & Partner, diese so erfolgreiche Kanzlei? Wer profitiert von dem Geschäft?

Investigation Into The Murdered Journalist Daphne Caruana Galizia

Blumen und Ehrungen zu Ehren von Daphne Caruana Galizia, die einer Autobombe zum Opfer fiel. Die Hintermänner des Attentats sind bis heute nicht gefasst.

(Foto: Dan Kitwood/Getty Images)

Wenig später bringt ein ehemaliger Mitarbeiter von SCL Kälin mit Joseph Muscat zusammen, damals noch Oppositionsführer. Der Mann bietet im Sommer 2011 in einer E-Mail an Kälin an: "Ich kann Dich dem Oppositionsführer vorstellen." Muscat sei "jung, sehr zielstrebig und sehr aufgeschlossen gegenüber internationalen Investitionen". Kälins Antwort: "Gute Idee." Als Muscat gewinnt und das von Kälin maßgeschneiderte Passprogramm startet, wird dessen Firma zum exklusiven Partner der Regierung - der Lohn dafür, Muscat überhaupt erst auf diese einfache und lukrative Masche gebracht zu haben.

Es läuft so: Wer einen maltesischen Pass haben möchte, muss 650 000 Euro bezahlen und 150 000 Euro in Investmentfonds packen, außerdem eine Wohnung für 350 000 Euro kaufen oder dauerhaft anmieten. Letzteres mit der absurden Folge, dass Wohnungen zwar pro forma angemietet werden, dann aber oft ungenutzt bleiben. Weil ein wohl ordentlicher Anteil der reichen Neu-Malteser an Malta nicht wirklich interessiert ist, sondern nur am Pass. Die Regierung und Henley sind wiederum nicht an den Neu-Maltesern interessiert, sondern nur an ihrem Geld. Win-win, könnte man sagen - wenn nicht einige ganz besonders profitieren würden, und der Rest Europas hinnehmen muss, dass europäische Pässe verschachert werden.

Das Programm ist vorerst auf 1800 Pässe beschränkt, aber wer weiß, was kommt? Henley & Partners wird zu Diensten sein.

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