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Dallmayr:Endlich allein

Kaffeebohnen im Schaufenster des Dallmayr-Geschäftes in München: Röstkaffee ist der wichtigste Geschäftszweig des Delikatessen-Unternehmens.

(Foto: Christof Stache/AP)

Das Münchner Traditionshaus Dallmayr hat den Partner Nestlé wieder herausgekauft - und ist sehr glücklich darüber. Nun kann die Familie wieder allein entscheiden.

Von Caspar Busse

Neben dem Eingang prangt das bayerische Wappen, darunter steht "Königlich bayerischer Hoflieferant". Diese Zeiten sind für die Firma Alois Dallmayr natürlich lange vorbei. Aber das Delikatessengeschäft in der Innenstadt von München mit seiner malerischen weiß-gelben Stuckfassade und den Verkäuferinnen in blauen Blusen und weißen Schürzen ist noch immer eine Attraktion. Es gilt als größtes Delikatessengeschäft Europas, bis zu 2,8 Millionen Kunden kommen im Jahr. 300 Mitarbeiter arbeiten hier, darunter allein 70 Köche, die in der zweiten Etage das herstellen, was unten verkauft wird.

"Das Delikatessengeschäft ist ganz wichtig für unsere Marke, das ist unser Gesicht nach außen", sagt Florian Randlkofer. Der 47-Jährige ist in fünfter Generation geschäftsführender Gesellschafter und hat erst im Frühjahr die Position von seinem Vater Georg übernommen. Zusammen mit Wolfgang Wille, 75, leitet Randlkofer die Firma. Die beiden treffen längerfristige Entscheidungen gemeinsam. Die Familien Randlkofer und Wille sind zu gleichen Teilen die Haupteigentümer. "Wir sind beide vollhaftende geschäftsführende Gesellschafter, wir machen keine Spielchen. Wir handeln verantwortungsbewusst", sagt Randlkofer der Süddeutschen Zeitung.

Dallmayr ist auch weit mehr als das Delikatessengeschäft in München. Die Familienfirma ist ein kleiner Konzern mit 3500 Mitarbeitern und derzeit rund 900 Millionen Euro Umsatz - die Milliardengrenze ist in Reichweite. Rund 500 Millionen Euro davon entfallen auf das Röstkaffeegeschäft (Marke: Prodomo). In insgesamt 14 Ländern werden zudem 80 000 Automaten betrieben, für Kaffee, aber auch für Kaltgetränke und Snacks aller Art. Kunden sind kleine Kanzleien und Firmen bis hin zu Großunternehmen. Eine Milliarde Getränke werden pro Jahr ausgegeben. Der Gewinn der Firma, betonten die Eigentümer mit traditioneller Zurückhaltung, sei "zufriedenstellend".

Immer wieder interessieren sich internationale Konzerne für Familienunternehmen wie Dallmayr, die einen klangvollen Namen haben und deren Geschäfte gut laufen. Doch Randlkofer und Wille gehen einen anderen Weg. Sie trennen sich gerade von ihrem langjährigen Partner, dem Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé, kaufen die Anteile zurück und wollen in Zukunft lieber völlig eigenständig bleiben - ein nicht alltäglicher Vorgang.

1985 hatten Dallmayr und Nestlé ein Gemeinschaftsunternehmen für das Röstkaffeegeschäft gegründet, in der Rechtsform einer offenen Handelsgesellschaft (oHG). Beide Partner hielten jeweils 50 Prozent, die operative Führung lag von Anfang an bei Dallmayr. Die Geschäfte verliefen sehr erfolgreich, der Umsatz wurde innerhalb von 30 Jahren mehr als versechsfacht. 2003 dann übernahm Dallmayr 25 Prozent, Nestlé behielt noch 25 Prozent. Vor wenigen Wochen kündigten die Münchner nun an, auch die letzten 25 Prozent von Nestlé zurückzuerwerben und damit künftig wieder 100-Prozent-Eigner zu sein.

"Als sich die Chance ergab, dass wir als Familienunternehmen wieder komplett in Besitz des Gemeinschaftsunternehmens kommen können, haben wir zugegriffen", sagt Wille und fügt an : "Wir sind sehr froh, dass uns Nestlé diese Gelegenheit gibt." Der Kaufpreis sei "aus eigener Kraft finanziert, mit Eigen- und Fremdkapital". Über die Höhe macht er keine Angaben, aber es dürfte keine kleine Summe sein. Denn im Röstkaffeegeschäft ist Dallmayr einer der Großen. Hinter den Marktführern Tchibo und Jacobs liegen Dallmayr, Melitta und Aldi etwa gleichauf. 162 Liter Kaffee trinkt jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr, es ist ein lukrativer Markt. Aber er sei auch hart umkämpft, sagt Wille. Die Preise schwanken. Alleine die Preisveränderung von einem Euro pro 500-Gramm-Packung macht bei Dallmayr etwa 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr aus.

Die Philosophie bei Dallmayr lautet also: Wir machen es alleine - ganz in der Tradition, die auch vom Gleichgewicht der beiden Eignerfamilien lebt. In der Familie Randlkofer ist mit Florian bereits die nächste Generation am Ruder. Bei den Willes ist es noch nicht so weit, zwei Töchter und ein Schwiegersohn sind im Unternehmen. "Auch ich habe eine Nachfolgeregelung, aber da ist nichts spruchreif", sagt Wolfgang Wille dazu. Einen kleinen, aber feinen Unterschied immerhin gibt es. Den Randlkofers gehört die prestigeträchtige Immobilie im Herzen Münchens, für die das Unternehmen "marktübliche Mieten" zahlt und in der auch Teile der Verwaltung sitzen. "Unser Geschäft in München ist und bleibt ein Unikat", sagt Randlkofer. "Wir werden keine anderen Standorte eröffnen, auch wenn wir oft Anfragen dazu erhalten", fügt er an und erteilte damit einer deutschlandweiten Expansion eine Absage - ganz anders also als der Münchner Konkurrent Käfer. Der ist bundesweit in der Gastronomie und im Catering aktiv und eröffnet immer wieder Geschäfte. So etwas soll es bei Dallmayr nicht geben, auch wenn es inzwischen sogar einen Online-Shop gibt. Delikatessen und Catering machten zuletzt einen Umsatz von 40 Millionen Euro. Auch von Franchise, also dem Verkauf nur der Marke für andere Produkte nach dem Vorbild von Käfer, hält Randlkofer nicht viel. Der Grund: "Wir haben hier ein Qualitätsniveau, das wir nicht einfach multiplizieren können." Wachstum soll es künftig aber in der Kaffeeproduktion, auch ohne Nestlé geben, ebenso wie im Automatengeschäft, das gleichwohl nicht die "verlängerte Werkbank des Kaffeegeschäftes" sei, wie Wille betont.

Dallmayrs Geschichte ist mehr als 300 Jahre alt. Schon im Jahr 1700 wurde das erste Handelsgeschäft gegründet, 1870 übernahm der Kaufmann Alois Dallmayr und gab der Firma ihren Namen. Der hatte aber keine Erben, deshalb kaufte die Familie Randlkofer die Firma. 1933 kam dann der Bremer Kaufmann Konrad Wille - Vater von Wolfgang Wille - im Alter von damals erst 19 Jahren hinzu und brachte das Kaffeegeschäft ein. Es wurde das zweite Standbein von Dallmayr, das heute mit Abstand wichtigste.

© SZ vom 12.08.2015
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