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Daimler:Wut statt Würstchen

Die Hauptversammlung von Daimler wird begleitet von Protesten gegen die Gewinnausschüttung.

Von Max Hägler

Protestveranstaltung zur Hauptversammlung der Daimler AG

„Keine Staatshilfen an Aktionäre“: Protest von kritischen Aktionären gegen die Dividendenpolitik bei Daimler in Berlin.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

In normalen Zeiten gibt es ein hübsches Ritual bei den Treffen der Daimler-Aktionäre: Mittags werden Tausende "Saitenwürschtle" verteilt. In diesem Jahr indes gibt es in der virtuellen Version natürlich keine Würschtle. Und auch sonst ist alles reduziert. Aufgrund der Seuchengefahr sitzen neben Vorstandschef Ola Källenius nur seine fürs Juristische zuständige Kollegin Renata Jungo Brüngger und der Finanzverantwortliche Harald Wilhelm. Auch die üblichen Beurteilungen und Bewertungen der Analysten und Aktionäre fehlen - nur ihre Fragen werden verlesen und schnellstmöglich beantwortet.

Eine kühle, kritiklose Schmalspurvariante einer Hauptversammlung also. Die eingerahmt wird von guten Geschäftsaussichten und der Vorschau auf die elektrische S-Klasse namens EQS. Dabei gäbe es so viel zu bereden. Die Aufspaltung zwischen Autos und Lastwagen beispielsweise, die im Herbst vollzogen werden soll. Oder: Was haben die beiden chinesischen Anteilseigner vor, der Unternehmer Li Shufu sowie der Autobauer Baic, die offiziell knapp zehn beziehungsweise fünf Prozent halten?

Ein kritisches Thema schafft es dann doch deutlich ins Übertragungsstudio, weil so viele Fragen gestellt wurden: Wie hält es Daimler mit den Gewinnen? Im vergangenen Jahr hatte der Stuttgarter Konzern durch Kurzarbeitergeld etwa 700 Millionen Euro eingespart - und erhöht dennoch die Ausschüttungen an seine Anteilseigner um 50 Prozent auf 1,35 Euro pro Aktie. Insgesamt fließen so 1,4 Milliarden Euro an die Aktionäre. Die Interessenvertretung Bürgerbewegung Finanzwende bezeichnete das als "moralisch verwerflich". In Berlin umwickelten Demonstranten einen Mercedes mit weiß-rotem Absperrband und hielten Plakate mit Aufschriften wie "Keine Staatshilfen an Aktionäre" sowie "Lockdown für Dividenden" hoch.

Der scheidende Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff, der sein Amt nach der Hauptversammlung an den ehemaligen VW- und BMW-Chef Bernd Pischetsrieder abgeben wollte, wies die Vorwürfe zurück: "Die Unterstellung, dass die Dividende ausbezahlt würde aus Steuergeldern, die wir als Subventionen in der Krise erhalten haben, ist schlicht und einfach falsch", sagte er. Beim Kurzarbeitergeld handle es sich um eine Versicherungsleistung. Ein paar Minuten zuvor hatte er allerdings noch darauf verwiesen, dass es nicht legitim sei "allein auf die wirtschaftliche Zielsetzung zu achten". Man müsse das Soziale und die Ökologie im Blick behalten, sonst verliere man "die Akzeptanz in der Gesellschaft". Die Börse reagierte am Mittwoch kaum auf die guten Geschäftsaussichten und möglichen Widersprüche: Der Kurs der Daimleraktie lag ein halbes Prozent im Plus bei knapp 76 Euro.

© SZ vom 01.04.2021
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