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Autoindustrie:Pischetsrieder wird neuer Aufsichtsratschef bei Daimler

Bernd Pischetsrieder

Bernd Pischetsrieder soll den bisherigen Daimler-Chefaufseher Manfred Bischoff ablösen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Zurück in die Zukunft: Der Stuttgarter Autobauer macht überraschend den früheren BMW- und Volkswagen-Chef zum obersten Kontrolleur. Dabei war bis zuletzt über ganz andere Namen spekuliert worden.

Von Caspar Busse und Max Hägler, München

Überraschung in Stuttgart: Bernd Pischetsrieder soll neuer Chef des Aufsichtsrats beim Autobauer Daimler werden. Das teilte das Unternehmen am Donnerstagmorgen mit. Der bisherige Chefaufseher Manfred Bischoff scheidet altersbedingt zur Hauptversammlung Ende März kommenden Jahres aus, er ist bereits 78 Jahre alt und hat das Amt seit 2007 inne. Pischetsrieder ist bereits seit 2014 Mitglied des Daimler-Aufsichtsrats, zuvor war er von 1993 bis 1999 bei BMW und von 2002 bis 2006 bei Volkswagen als Vorstandsvorsitzender tätig. Bei beiden Konzernen schied er im Unfrieden aus.

Für einen Generationswechsel bei Daimler steht er jedenfalls nicht: Der gebürtige Münchner feiert im kommenden Februar bereits seinen 73. Geburtstag. Die Berufung könnte vielmehr unter dem Motto stehen: Zurück in die Zukunft. Denn Pischetsrieder steht für viele doch irgendwie für die alte Autowelt, ein traditioneller "car guy" eben.

Überraschend ist die Berufung Pischetsrieders auch, weil zuletzt spekuliert worden war, dass Noch-Siemens-Chef Joe Kaeser den Posten des Chefaufsehers übernehmen könnte. Er scheidet Anfang Februar 2021 offiziell als Vorstandsvorsitzender von Siemens aus, hätte somit Zeit und einen Blick von außen auf die Autoindustrie - und verfügt darüber hinaus über gute politische Kontakte, vor allem nach China. Gerade das könnte bei Daimler wichtig sein, haben sich doch zuletzt zwei chinesische Investoren bei dem Autobauer eingekauft. Andere hatten gehofft, dass möglicherweise jemand ganz von außen kommen und für frischen Wind sorgen könnte - ähnlich wie bei Siemens, als 2018 der langjährige SAP-Chef Jim Hagemann Snabe die Führung des Aufsichtsrats übernahm.

Auf den neuen Aufsichtsratschef kommt jedenfalls viel Arbeit zu, denn es ist viel im Umbruch bei Daimler. Rund um die Besetzung dieses wichtigen Postens gibt es schon länger Querelen, zu lange war die Personalie offen. Noch-Amtsinhaber Bischoff hatte eigentlich fest vor, den langjährigen Daimler-Chef Dieter Zetsche zu seinem Nachfolger zu machen. Zetsche war 2019 aus dem Amt des Vorstandschefs geschieden und hatte an Ola Källenius übergeben. In Zetsches Amtszeit gab es mehr Fahrzeuge, mehr Umsatz. Doch nach seinem Abgang wurde auch klar: Daimler steckt in einer ordentlichen Krise. Die Kritik daran, dass Zetsche beaufsichtigen soll, was er mit eingebrockt hat, wuchs. Er hatte schließlich im Sommer, halb geschoben, halb gezogen, per Zeitungsinterview die Reißleine gezogen: "In letzter Konsequenz habe ich mich entschieden, dass ich das nicht will."

Dieter Zetsche auf einer Daimler-Hauptversammlung

Dieter Zetsche war bis 2019 Daimler-Vorstandschef und sollte nach zwei Jahren Abkühlzeit an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln, doch daraus wurde nichts.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Nun wäre es zudem nicht gerade besonders gute Unternehmenspolitik gewesen, so schnell vom Vorstandsvorsitz in den Aufsichtsratsvorsitz zu wechseln. Aber es gibt auch Sachgründe für den Rückzug, die zwar mit Zetsche zu tun haben, gleichzeitig aber auch die Arbeitslast für Bernd Pischetsrieder aufzeigen. Daimler hat sein Produktportfolio in den vergangenen Jahren zu langsam auf Elektromobilität umgestellt, jetzt müht sich das Unternehmen, die CO₂-Grenzwerte einzuhalten - sonst drohen Strafzahlungen. Die Verbrennerlastigkeit ist dem Image zudem nicht besonders zuträglich: Wie alle deutschen Premiumhersteller verliert auch Daimler Marktanteile an Tesla, und das schon seit Jahren. Die Strukturen in Stuttgart sind komplex, zu komplex selbst für einen großen Industriekonzern - und hinzu kommt noch der Strukturwandel.

In der Folge rutschte Daimler in den vergangenen Monaten sogar in die roten Zahlen, baut derzeit Tausende Mitarbeiter ab. Und schließlich laboriert der Konzern immer noch am Dieselskandal. Gut läuft hingegen schon jetzt wieder das Geschäft im Luxussegment: Mit Wagen deutlich über 100 000 Euro will Daimler wieder in die Gewinnzone. Das aktuelle Projekt ist, die G-Klasse - eigentlich ein Grenzschützer-Wagen - zur Nobelkarre umzurüsten. Startpreis 156 078 Euro. Abnehmer dafür erhofft sich Källenius vor allem in China, wo die Wirtschaft nach Corona nun schon wieder wächst.

Pischetsrieder gilt nicht als der laute Anführer, sondern eher als freundlicher, zurückhaltender Moderator

China ist zugleich das herausforderndste, heikelste Thema für Pischetsrieder: Mit Li Shufu und dessen Geely-Volvo-Gruppe ist ein starker chinesischer Anteilseigner an Bord. Aber auch der dortige Joint-Venture-Partner BAIC schickt sich angeblich an, größter Anteilseigner zu werden. Wie viel Asien ist nötig für die Schwaben? Wann wird es zu viel? Und wie lassen sich alle Wünsche in Einklang bringen? Bernd Pischetsrieder könnte dabei seine Kernkompetenz ausspielen: Er gilt nicht als der laute Anführer, sondern eher als freundlicher, zurückhaltender Moderator.

"Seine Expertise und sein Erfahrungsschatz sind für die Daimler AG von herausragender Bedeutung", teilte Bischoff zur Personalie Pischetsrieder mit. Er habe die Entscheidungen, den Konzern zu digitalisieren und das Produktportfolio zu elektrifizieren und damit neu auszurichten, intensiv begleitet. Als neue Mitglieder für das Kontrollgremium wurden zudem die Cisco-Managerin Elizabeth Centoni, Shell-Chef Ben van Beurden und BASF-Chef Martin Brudermüller nominiert.

© SZ/vit
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