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Autoindustrie:Aus Daimler wird wieder Mercedes-Benz

Coronavirus · Wörth

Bald unabhängig: Auf dem Gelände der Daimler AG im Lkw-Werk Wörth stehen produzierte Lastwagen.

(Foto: Uli Deck/dpa)

Radikaler Schritt: Der Stuttgarter Traditionskonzern will das gesamte Lkw-Geschäft abspalten und sich künftig nur noch auf den Automobilbau konzentrieren - unter dem alten Namen.

Von Caspar Busse und Max Hägler

Was haben denn eigentlich Lastwagen mit Autos zu tun, außer dass sie beide vier Räder haben? Oder weniger flapsig: Wie sinnvoll ist es, diese Fahrzeuge in einem Konzern gemeinsam zu bauen? Der Daimler-Konzern hat nun entschieden: Getrennt soll es besser laufen.

Noch in diesem Jahr will das Dax-Unternehmen aus Stuttgart seine Nutzfahrzeugtochter Daimler Truck AG abspalten und an die Börse bringen, teilte das Unternehmen am Mittwoch überraschend mit. Eine deutliche Mehrheit der seit Ende 2019 bereits rechtlich selbständigen Gesellschaft solle bis Ende dieses Jahres börsennotiert werden, die Aktien werden an die derzeitigen Aktionäre des Dax-Konzerns verteilt. Damit besteht der Konzern künftig aus zwei unabhängigen Unternehmen - nämlich Truck & Bus sowie Pkw & Van. Beide werden ihren Sitz in Stuttgart haben. Die Sparte für Finanz- und Mobilitätsdienste wird auf die beiden dann börsennotierten Firmen aufgeteilt. Der Autoteil soll zudem umbenannt werden und künftig statt Daimler wieder Mercedes-Benz heißen.

"Dies ist ein historischer Moment für Daimler und der Anfang für eine tiefgreifende Umgestaltung des Unternehmens", erklärte Daimler-Chef Ola Källenius. Unabhängig voneinander könnten beide Firmen schneller handeln, mehr investieren und Wachstum vorantreiben: "Das alles macht sie deutlich stärker und wettbewerbsfähiger." Mercedes-Benz sei nach der Trennung keineswegs ein Übernahmekandidat. Er habe wichtige Aktionäre nach der Bekanntgabe angerufen, viele seien begeistert gewesen. Zuletzt hatten zwei Investoren aus China den niedrigen Aktienkurs genutzt und waren bei Daimler eingestiegen.

Daimler Bilanz-Pressekonferenz

"Ein historischer Moment für Daimler", sagt Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender des Konzerns.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Daimler Truck ist bereits einer der weltweit größten Hersteller von Lkws und Bussen, eine halbe Million Fahrzeuge wurden 2019 verkauft. Unter der Führung von Martin Daum arbeiten mehr als 100 000 Mitarbeiter an sieben Marken unter einem Dach: Etwa Bharat-Benz in Indien, Freightliner in den USA, Mercedes-Benz und Setra in Europa. Der Umsatz belief sich im Jahr 2019 auf 45 Milliarden Euro, der Gewinn vor Zinsen und Steuern betrug knapp drei Milliarden Euro. Es sei keine böse Scheidung, sondern eine Trennung im Guten, sagte Daum.

Über die Aufspaltung muss nun eine außerordentliche Hauptversammlung entscheiden, die im Sommer stattfinden soll. Der Börsengang von Daimler Truck soll dann noch in diesem Jahr über die Bühne gehen. Das Unternehmen könnte ein Kandidat für den deutschen Leitindex Dax werden, der demnächst auf 40 Mitglieder erweitert werden soll.

Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren in Stuttgart über solche Aufspaltungen diskutiert, bislang wurde das jedoch immer wieder zurückgewiesen, der frühere Daimler-Chef Dieter Zetsche galt als Gegner eines solchen Schritts. Bisher wurde damit gerechnet, dass, wenn überhaupt, nur ein Minderheitsanteil an die Börse kommt. Nun also die radikale Lösung. Die Daimler-Aktie legte nach der Nachricht um neun Prozent auf fast 65 Euro zu.

Sogar die Vertreter der Arbeitnehmer begrüßen den Schritt

Mit dem grundlegenden Kurswechsel liegt Daimler im Trend. Nicht zuletzt Investoren drängen immer mehr auf eine stärkere Konzentration auf einzelne Geschäfte und auf die Abkehr vom Mischkonzern klassischer Prägung. Oft steigen auch sogenannte aktivistische Investoren bei Traditionsfirmen ein und drängen auf eine Teilung, um dann von einem möglichen Wertzuwachs zu profitieren. Siemens etwa hatte im vergangenen Jahr sein gesamtes Energiegeschäft, einst eines der Kerngeschäfte der Münchner, unter dem Namen Siemens Energy an die Börse gebracht und hält nun nur noch einen relativ geringen Anteil. Das Energiegeschäft wurde immer mehr zu einer Belastung für Siemens, gerade wurde in der Sparte der Abbau weiterer rund 8000 Jobs angekündigt. Die Siemens-Aktionäre honorierten zuletzt aber den Kurs der Trennung.

Bei Daimler sind sie nun zuversichtlich - sogar die Arbeitnehmer: "Damit wir Schritt halten können, müssen wir mutiger und mit schnelleren Entscheidungen Investitionen in Innovationen tätigen", teilte Michael Brecht mit, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Daimler. Die Aufteilung bringe zusätzliche Perspektiven für die Standorte und sichere Beschäftigung. Volkswagen hatte seine Lkw- und Bus-Tochter Traton 2019 auf normalem Weg an die Börse gebracht und behielt eine deutliche Mehrheit an Traton. Die Holding mit den großen Marken MAN und Scania wird damit noch immer voll in der Bilanz konsolidiert.

© SZ
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