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Christine Hohmann-Dennhardt:Verfassungsrichterin heuert bei Daimler an

Geprägt von linksliberalen Geistern, sozial und meinungsstark: Christine Hohmann-Dennhardt, Richterin am Bundesverfassungsgericht, übernimmt einen Managerposten bei Daimler.

Der Automobilkonzern Daimler steht vor einer ebenso überraschenden wie mutigen Entscheidung: Die Richterin am Bundesverfassungsgericht Christine Hohmann-Dennhardt soll das neue Führungsressort "Compliance und Integrität" übernehmen, wie das Manager Magazin berichtet. Konzernchef Dieter Zetsche hatte zwar mehrmals angekündigt, für diese Bereiche Standards setzen und deshalb den Vorstand um ein Mitglied erweitern zu wollen. Aber kaum jemand hatte genug Phantasie entwickelt, um dabei an die als "links" geltende Richterin Hohmann-Dennhardt zu denken.

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Christine Hohmann-Dennhardt geht zu Daimler.

(Foto: Getty Images)

Die 60-Jährige verlässt in wenigen Tagen nach Ablauf ihrer zwölfjährigen Amtszeit das Bundesverfassungsgericht, zu dessen markantesten Persönlichkeiten sie zählt. Sie stand nicht nur für folgenreiche Entscheidungen aus dem Familienrecht, etwa gegen die Benachteiligung lediger Mütter im Unterhaltsrecht, sondern auch für eine dezidiert bürgerrechtliche Haltung. So bildete sie jahrelang gemeinsam mit ihrer Kollegin Renate Jaeger ein meinungsstarkes und einflussreiches Tandem im Gericht. Beide hatten im März 2004 ein spektakuläres Nein, im Gerichtsjargon "abweichende Meinung" genannt, gegen das Urteil ihres Gerichts zum "Großen Lauschangriff" geschrieben. Sie warnten eindringlich vor Gesetzen, die dem Menschenbild einer freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie widersprechen.

Spätestens damals wurde klar, dass SPD-Mitglied Hohmann-Dennhardt auch fünf Jahre nach ihrer Wahl an das Verfassungsgericht keineswegs milder als früher auf den Staat blickte. Immer wieder kritisierte sie vor allem die sozialstaatlichen Defizite. So plädierte sie im Februar 2005 für eine "Reaktivierung des Sozialstaats", da immer mehr Menschen inmitten von steigendem privaten Reichtum in die Armut abgleiten würden. Die öffentlichen Kassen seien auch wegen der "enormen Steuerentlastungen" für Unternehmen leer. Zugleich geißelte Hohmann-Dennhardt die Gier gerade der großen Unternehmen nach immer höheren Kapitalrenditen.

Als Daimler-Vorstandsmitglied wird sie, die auch oft über die anhaltende Diskriminierung von Frauen klagte, nun Gelegenheit haben, auf die von ihr kritisierten Verhaltensweisen eines Konzerns einzuwirken. Und das zu einer Zeit, in der ihr früherer Förderer Hans Eichel längst von der politischen Bühne verschwunden ist. Dem Kabinett des damaligen hessischen Ministerpräsidenten und späteren Bundesfinanzministers gehörte sie von 1991 bis 1999 als Ministerin an, erst für Justiz, dann für Wissenschaft und Kunst. Vorher war sie Direktorin des Sozialgerichts Wiesbaden und Sozialdezernentin der Stadt Frankfurt.

Geprägt wurde die in Leipzig geborene, im Ruhrgebiet und in Schwaben aufgewachsene Richterin durch linksliberale Geister wie Ernst Bloch und Walter Jens. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über ein Thema, mit dem sie künftig noch öfter als in Karlsruhe zu tun haben wird: über Entscheidungsstrukturen im Unternehmen und Arbeitnehmerinteressen. Hohmann-Dennhardt ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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