Beschluss der Aktionäre:Daimler spaltet sich auf

Lesezeit: 3 min

Mercedes-Benz Media Preview At IAA Frankfurt Auto Show

Der Stern von Daimler: Das Logo dürfen beide Unternehmen nach der Trennung weiter verwenden.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Es ist ein historischer Schritt: Die Nutzfahrzeugsparte des mehr als 100 Jahre alten Traditionsunternehmens wird ausgegliedert. Künftig gibt es einen Luxusauto-Hersteller und eine Lastwagenfirma.

Von Caspar Busse

Auf die Geschichte sind sie bei Daimler besonders stolz: Im Jahr 1886 meldete Carl Benz ein "Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb" zum Patent an: Ein Dreirad-Wagen, der wie eine Kutsche ohne Pferd aussah, gilt als das erste Automobil der Welt - es begann seinen Siegeszug. 1896 kamen dann die ersten Daimler Motor-Lastwagen auf die Straße. Seit deutlich mehr als hundert Jahren produziert Daimler nun Luxusautos, Busse, große und kleine Lkws. "Es ist eine beeindruckende Geschichte", sagt Daimler-Chef Ola Källenius. Doch diese gemeinsame Geschichte ist nun zu Ende.

Daimler ist mit rund 290 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 154 Milliarden Euro eines der größten Industrieunternehmen - aber nicht mehr lange. Denn an diesem Freitag stimmten die Daimler-Aktionäre der Aufspaltung des Traditionsunternehmen mit überwältigender Mehrheit von 99,9 Prozent zu. Künftig wird es zwei voneinander unabhängige Firmen geben: Auf der einen Seite die Mercedes-Benz AG, die Autos produziert, auf der anderen Seite die Daimler Truck AG für das Lkw- und Bus-Geschäft. "Es ist ein historischer Schritt", sagte der neue Aufsichtsratsvorsitzende Bernd Pischetsrieder zu Beginn der digital abgehaltenen außerordentlichen Hauptversammlung. Aber der Schritt sei notwendig angesichts der grundlegenden Veränderungen in der Branche.

Mercedes-Benz Lkw-Werk der Daimler AG

Daimler-Lkws auf einem Parkplatz im Werk Wörth: Die Truck-Sparte geht im Dezember als eigenständige Firma an die Börse.

(Foto: Uli Deck/dpa)

"Der Mut, neue Wege zu gehen, zeichnet dieses Unternehmen aus. Von Anfang an", sagte Källenius zu den Aktionären, rechts hinter ihm sind bei seiner Rede glänzende Mercedes-Fahrzeuge zu sehen, links ein großer Lkw. Die Aufspaltung des Konzerns sei intensiv geprüft und vorbereitet worden. Er sei überzeugt, dass der Schritt sinnvoll ist. "Er schafft Mehrwert für alle Seiten", so Källenius. Und er verspricht: "Dieser Stern leuchtet künftig zweimal, und das so hell wie nie zuvor." Er würde auch künftig für "die besten Autos und Nutzfahrzeuge der Welt" stehen. Beide Unternehmen können auch in Zukunft den Stern als Logo nutzen, das sei so vereinbart worden.

Die neue Daimler Truck AG soll schon im kommenden Jahr in den Dax

Getrennt könnten die beiden Unternehmen stärker auf Kundenbedürfnisse eingehen, warb der Daimler-Chef, Partnerschaften könnten gezielter eingegangen werden, und es würden Jobs gesichert. Es sei richtig, die Neuaufstellung jetzt zu vollziehen, "selbstbestimmt und aus einer Position der Stärke". Källenius meint: "Trucks und Pkw sind zwei völlig unterschiedliche Geschäfte." Das stimmt: Während Mercedes aggressiv auf Elektrofahrzeuge setzt, werden Technologien wie Brennstoffzellen und autonomes Fahren eine größere Rolle im Lkw- und Logistiksektor spielen. Auch Martin Daum, der designierte Vorstandsvorsitzender der neuen Daimler Truck AG, warb deshalb sehr für die Teilung.

Das Lkw-Geschäft wird den Plänen zufolge schon im Dezember an die Börse gebracht, der bisherige Daimler-Konzern soll dann in Mercedes-Benz Group AG umbenannt werden. Die neue Daimler Truck AG werde voraussichtlich im ersten Quartal 2022 in den Dax-40 aufgenommen, teilte Daimler mit. Die Mercedes-Benz Group wird wohl auch im Dax bleiben. Die Aktionäre erhalten für jeweils zwei Daimler-Aktien einen Anteilsschein von Daimler Truck. Daimler will so 65 Prozent der Daimler-Truck-Papiere verteilen, fünf Prozent gehen an den eigenen Pensionsfonds. Insgesamt wird Mercedes einen Anteil von 35 Prozent an der Lkw-Sparte behalten. Den Aufsichtsrat der neuen Daimler Truck wird der ehemalige Siemens-Chef Joe Kaeser leiten.

Daimler

Der Prototyp eines neuen windschnittigen Lkw von Daimler Trucks.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Kaeser selbst hatte im vergangenen Jahr bereits Siemens aufgespalten: Das Energiegeschäft wurde ausgegliedert und agiert mittlerweile als eigenständiges Dax-Unternehmen, auch die Medizintechniksparte wurde unter dem Namen Healthineers abgespalten und ist heute Dax-Mitglied. Der Börsenwert aller drei Unternehmen ist seit der Spaltung angestiegen. Auch andere deutsche Unterhemen sind zuletzt diesen radikalen Weg gegangen, etwa der Handelskonzern Metro oder das Energieunternehmen RWE.

Investoren begrüßten den Schritt von Daimler. Die Lkw-Sparte sei "nun vom Korsett der Pkws befreit", sagte Deka-Fondsmanager Ingo Speich. Das Management müsse die neuen Freiheiten nutzen und verloren gegangenes Vertrauen am Kapitalmarkt zurückgewinnen. "Die Truck-Sparte hat über Jahrzehnte ein Schattendasein geführt. Für eine Premiummarke sind die Margen viel zu niedrig. Die Kosteneinsparprogramme haben in der Truck-Sparte keine Wirkung entfaltet und lediglich der Pkw-Sparte geholfen", kritisierte Speich. Die Profitabilität müsse endlich gesteigert werden.

"Synergien zwischen Pkw und Nutzfahrzeugen gibt es so gut wie keine", sagte Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Das Pkw-Geschäft sei margenstärker, aber derzeit unterbewertet. Allerdings sei das Lkw-Geschäft in schlechten Pkw-Zeiten "eine Art Versicherung" gewesen. "Davon hatten die Pkw in der Vergangenheit schon öfter mal profitiert", sagte Dudenhöffer, das falle nun in Zukunft weg. Zudem mache die Abspaltung Daimler anfälliger für aktivistische Attacken oder Übernahmeversuche, so Fondsmanager Speich: "Wir hoffen nicht, dass der Stern zukünftig nur bei chinesischen Aktionären aufgehen wird." Schon jetzt gibt es Großinvestoren aus China.

Die Aufspaltung des Konzerns ist der größte strategische Schritt von Daimler seit der (später gescheiterten) Fusion mit dem US-Autobauer Chrysler vor fast 25 Jahren. Gewinn und Aktienkurs von Daimler schwächelten bereits unter Källenius-Vorgänger Dieter Zetsche, zuletzt gingen die Zahlen aber deutlich nach oben. Der neue Chef Källenius, seit 2019 im Amt, entschied sich zu tiefgreifenden Veränderungen. Daimler habe nach der Ankündigung des Abspaltungsplans eine "sehr positive Reaktion" der Großaktionäre erhalten, so Källenius. Beide Sparten aber kämpfen derzeit vor allem mit der weltweiten Chipkrise. Da Halbleiter fehlen, kann nicht wie geplant produziert werden, obwohl die Nachfrage der Kunden hoch ist. An diesem Problem wird sich auch durch die jetzt beschlossene Aufspaltung nichts ändern.

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