Süddeutsche Zeitung

Automobilindustrie:Daimler will 1100 Führungsstellen streichen

  • Daimler-Chef Ola Källenius ist offenbar wild entschlossen, die Kosten bei dem Autobauer bis zum Anschlag zu senken.
  • Seine Sparpläne treffen alle - von der hochbezahlten Topmanagerin bis zum einfachen Arbeiter am Band.
  • 1100 Führungsstellen sollen wegfallen - und alle deutschen Angestellten auf ihre Tariferhöhung verzichten.

Bislang hat sich Ola Källenius nur sehr vage über seine Sparpläne geäußert. Der neue Vorstandschef des Autoherstellers Daimler sprach zwar stets von dringend nötigen Effizienzsteigerungen. Aber Details seines Konzepts will der Schwede erst am 14. November vor Investoren auf einem Kapitalmarkttag in London präsentieren. Nun sickerten am Freitagmittag erste Zahlen durch. Seitdem wissen die 300 000 Mitarbeiter, was auf sie zukommt: Bei Daimler stehen die Zeichen auf Sturm, der Konzern wollte sich jedoch nicht zu den Plänen äußern.

Ola Källenius scheint wild entschlossen, die Kosten bis zum Anschlag zu senken. Dabei geht er keinem Konflikt aus dem Weg, scheut weder die Konfrontation mit seinen Führungskräften noch mit den Betriebsräten. Seine Sparpläne treffen alle - von der hoch bezahlten Topmanagerin bis zum Arbeiter am Band. Konkret will der 50-Jährige weltweit 1100 Führungspositionen streichen. In Deutschland soll jeder zehnte Leitungsjob wegfallen. Zudem sollen alle Mitarbeiter in Deutschland im kommenden Jahr auf die ihnen zustehenden Tariferhöhungen und auch individuellen Entgeltsteigerungen verzichten. Das ist die Forderung von Källenius.

Der Betriebsrat kündigt allerdings bereits massiven Widerstand an. "Ihr dürft nicht für juristische Streitigkeiten oder Qualitätsprobleme von Zulieferern zur Kasse gebeten werden!", schreibt Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht am Freitag an alle Mitarbeiter in Deutschland in einer Rundmail, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Das Ausrufezeichen am Ende des Satzes steht dort nicht zufällig, denn Brecht ist aufgebracht: "Diese Forderung löst zu Recht Emotionen und hohes Unverständnis aus", sagt der Kfz-Schlosser. Er sehe zwar die "schlechte Finanzsituation" und verstehe, dass Maßnahmen notwendig seien, betont Brecht. Die Forderungen jedoch seien unverhältnismäßig und nützten niemandem. Im Betrieb herrsche "extreme Unsicherheit, teilweise auch Wut", berichtet der 54-Jährige. Dass das Management von der Belegschaft verlange, auf die tariflich garantierten Lohnerhöhungen zu verzichten, habe es seit der Finanzkrise nicht mehr gegeben. Deshalb lehne er diese Idee "kategorisch" ab. Die Lage sei zurzeit "zwar kritischer als erwartet", trotzdem sei sie "keinesfalls" mit der von 2008 vergleichbar.

In seiner Rundmail vom Freitag deutet Michael Brecht zwischen den Zeilen an, dass die Schuld für die Krise nicht bei den Mitarbeitern liege, sondern eher beim Management: Als Grund nennt er unter anderem "die Beseitigung von Altlasten aus juristischen Verfahren". Er spielt damit auf die Abgasaffäre an, die Daimler zuletzt ein Bußgeld von 870 Millionen Euro einbrachte, sowie den Rückruf Hunderttausender Dieselfahrzeuge, weil deren Motoren laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) auf der Straße mehr Schadstoffe ausstoßen als erlaubt. Zudem musste Daimler seine Rückstellungen auf mehr als 18 Milliarden Euro aufstocken.

Eine Einigung ist laut Arbeitnehmer-Vertretern ausgeschlossen

Dieses Geld fehlt nun anderswo. "Wir lehnen reines Kostenschrubben ab", sagt Betriebsrat Brecht. Und fügt hinzu: "Wenn ich Strukturen verändern muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben, dann beginne ich damit oben." Wer Sparrunden ganz unten durchsetzen will, müsse das oben vorleben. Und mit "oben" meine er: "oben".

Da zeichnet sich ein heftiger Konflikt ab zwischen dem Vorstandschef und dem Arbeitnehmervertreter. Die Verhandlungen zwischen Management und Betriebsrat laufen, Brecht beschreibt die Stimmung am Tisch so: "Das ist wie die aktuelle Jahreszeit. Noch nicht gefroren, aber es wird immer stürmischer und die Wolken werden immer dunkler." Immerhin: Temperaturmäßig ist also noch Luft nach unten. Dennoch habe sein Gegenüber, Personalvorstand Wilfried Porth, mitgeteilt, dass er "sehr enttäuscht" sei, weil der Betriebsrat "den Ernst der Lage nicht erkannt" habe, sagt Brecht.

Die Gespräche wurden ergebnislos abgebrochen. Eine Einigung vor dem Kapitalmarkttag am 14. November ist Brecht zufolge ausgeschlossen. Es darf also mit Spannung erwartet werden, welche Maßnahmen zum Thema Personalabbau Ola Källenius in London dann tatsächlich ankündigen wird. Die bereits durchgesickerten Zahlen hatte Källenius Anfang dieser Woche auf einer internen Veranstaltung für Führungskräfte erstmals genannt. Wie und bis wann er die Streichungen von 1100 Führungsstellen umsetzen will, ist noch unklar.

Kommt es wieder zum Streik?

Zusätzlichen Zündstoff birgt der Streit um die künftige Produktionsstätte des elektrischen Antriebsstrangs (EATS) für Pkw. Vor zwei Wochen schockte Källenius bei einer Betriebsrätekonferenz in Sindelfingen die anwesenden 300 Arbeitnehmervertreter mit einer klaren Ansage: Es sei eher unwahrscheinlich, dass der EATS künftig im Motorenwerk Stuttgart-Untertürkheim hergestellt werde, sagte er. In diesem Moment sank die Temperatur im Raum auf einen neuen Tiefstpunkt, berichten Teilnehmer. Denn der Betriebsrat kämpft seit Monaten vehement darum, dass die Zukunftstechnologie EATS nicht weiterhin an externe Zulieferer vergeben wird, sondern in Zukunft im Stammwerk des Konzerns zwischen Neckar und Mercedes-Benz-Fußball-Arena produziert wird. "Der EATS ist für uns ein Synonym für den gesamten Transformationsprozess in der Autoindustrie", betont Michael Brecht. "Wenn der nicht in unserem Motorenstammwerk Untertürkheim hergestellt wird, was wollen wir dann künftig fertigen, wenn nicht das Herz des Autos?" Und: "Wo soll die Belegschaft das Vertrauen hernehmen, dass die Transformation gelingt, wenn der EATS nicht von uns selbst hergestellt wird?"

Alleine im Stammwerk Untertürkheim sind 19 000 Menschen beschäftigt, ihnen würde das Projekt EATS nicht nur Prestige, sondern vor allem auch Perspektive geben. So mancher Arbeitnehmervertreter hat Källenius' Auftritt als "Kampfansage" empfunden. Brecht ärgert sich vor allem, weil Daimler die erste EATS-Generation für das neue Elektromodell Mercedes EQC an den Zulieferer ZF Friedrichshafen vergeben hatte. Mit dieser Vergabe habe der Vorstand zugelassen, dass ein Zulieferer Know-how aufbaut - und damit zum direkten Konkurrenten für das eigene Werk werden konnte. "Jetzt fordert der Vorstand von uns, dass wir aus dem Nichts den Antriebsstrang zum gleichen Preis eins zu eins hinkriegen", berichtet Brecht. "Das kann nicht funktionieren."

Das klingt schwer nach Arbeitskampf. Erst 2017 hatte die Untertürkheimer Belegschaft Überstunden verweigert, um ihre Interessen durchzusetzen. Mit Erfolg. Kommt es nun wieder so weit, dass an Wochenenden die Produktion lahmgelegt wird? Brecht: "Bevor ich von Streik rede, hoffe ich, dass alle vernünftig werden." Die Verhandlungen zu beiden Konflikten (Sparkonzept und EATS) werden fortgesetzt, ein Ende ist noch nicht absehbar.

Ein Daimler-Sprecher wollte zu den Sparplänen und der Rundmail keine Stellung nehmen: "Wir stehen im konstruktiven Dialog mit dem Betriebsrat, über Spekulationen äußern wir uns nicht."

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Quelle:
SZ vom 09.11.2019/evg/vit
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