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Cyberkriminalität:Ein Wolf und ein rätselhafter Todesfall

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Die Sondereinheit der österreichischen Polizei nahm in Tirol den Deutschen Uwe L. fest. Das Bild zeigt eine Übung.

(Foto: M. Gruber/imago)

Mutmaßlich 124 000 Deutsche wurden bei Online-Anlagegeschäften geprellt. Es ist ein Riesen-Internetbetrug.

Von Uwe Ritzer

Zwei Tage bevor in Wien der Prozess gegen Gal B., den "Wolf von Sofia", begann, wurde Uwe L. in Saarbrücken tot aufgefunden. Am Montag voriger Woche lag der ehemalige Sponsor des 1. FC Köln leblos in seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis. Sein überraschender Tod gibt Rätsel auf. "Bislang konnten weder Hinweise auf ein Fremdverschulden erlangt werden, noch ließ sich die Todesursache klären", so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Saarbrücken.

Uwe L., 56, und Gal B., 33, gelten als Drahtzieher im bislang größten Fall von Internetbetrug in Europa. Ermittler halten den Deutschen und den Israeli für die Köpfe eng kooperierender, internationaler Banden, die mutmaßlich Hunderttausende Anleger über Online-Plattformen mit Namen wie "Option888", "ZoomTrader", "xTraderFX", "GoldenMarkets" oder "SafeMarkets" um ihr Geld gebracht haben. Allein bei drei Uwe L. und seinen Komplizen zugerechneten Portalen waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft Saarbrücken 124 000 deutsche Nutzer registriert. Weil eine Registrierung mit Einzahlungen von 250 Euro aufwärts verbunden ist, dürfte der Schaden bei mehreren Hundert Millionen Euro liegen.

Kunden wurden geködert, indem im Netz erfundene Geschichten verbreitet wurden

Nicht selten geködert durch massenhaft im Netz verbreitete, erfundene Geschichten über Prominente, die auf solchen Portalen angeblich fetten Reibach gemacht haben, pumpten die Opfer Geld in fingierte Online-Handelsgeschäfte. Doch statt die in Aussicht gestellten, sagenhaften Renditen einzubringen, landet es in den Taschen der Betrüger. Die Wiener Anleger-Organisation Efri schätzt den jährlichen Gesamtschaden auf bis zu zwölf Milliarden Euro. Gal B. und Uwe L. wurden nach internationalen Ermittlungen im Januar 2019 verhaftet. B. wurde in der bulgarischen Hauptstadt Sofia dingfest gemacht; Uwe L. zogen Beamte der österreichischen Polizei-Sondereinheit Cobra in Neustift im Stubaital aus seinem blauen Bentley (die SZ berichtete). Im Oktober 2019 wurde der Sauerländer, der mit Online-Glücksspielfirmen reich geworden war und den 1. FC Köln gesponsert hatte, nach Deutschland ausgeliefert. Ihm sollte in Saarbrücken der Prozess gemacht werden.

Das Verfahren gegen Gal B. startete bereits am Mittwoch voriger Woche am Landesgericht in Wien. Die Zentrale Staatsanwaltschaft zur Verfolgung von Wirtschaftsstrafsachen und Korruption in Österreich wirft dem in der Szene als "Wolf von Sofia" bekannten B. gewerbsmäßig schweren Betrug und Geldwäsche vor. Der Angeklagte bestreitet alle Vorwürfe. In bisherigen Vernehmungen gab er an, den Kunden der Online-Plattformen sei erklärt worden, dass es weder um klassische Anlage- noch um Handelsgeschäfte gehe, sondern um Wetten. Und wer wette, gehe naturgemäß das Risiko ein, sein Geld zu verlieren. Beim Prozessauftakt machte sein Verteidiger die Geschädigten für ihre Verluste verantwortlich. "Die Kunden wollten nun einmal den Thrill", zitierte ihn die Kronenzeitung.

Doch dieser Version widersprechen Opfer und Strafermittler vehement. "Es war alles nur Täuschung, Lüge und Manipulation, also Betrug", hielt der Anklagevertreter entgegen. Die Staatsanwaltschaft listet exemplarisch 1330 Geschädigte in Österreich auf, ein Bruchteil der tatsächlichen Opfer. Man habe bei den Ermittlungen niemanden gefunden, der bei den Cybertrading-Geschäften mit angeblichen Kryptowährungen oder binären Optionen "einen tatsächlichen Gewinn erzielt und diesen auch ausbezahlt erhalten hätte", so die Anklage.

Nach wie vor gibt es Hunderte solcher kriminellen Plattformen im Internet, betrieben von zig Tätergruppen. Die Abzocke verläuft stets nach dem gleichen Muster. Wer sich als Anleger auf einem der Portale registriert, erhält umgehend einen Anruf von einem angeblichen Börsenbroker, der in Wahrheit Mitarbeiter in einem Callcenter ist. Solche speziell geschulte Verkaufsspezialisten animieren mit allerhand falschen Versprechen und Psychotricks, im Lauf der Zeit immer mehr Geld auszugeben; in Einzelfällen mehrere Hunderttausend Euro. Während der Kunde glaubt, auf seinem Computerbildschirm in Echtzeit die Renditentwicklung seines Investments zu verfolgen, verschwindet seine Einlage in den Taschen der Täter.

Im Fall Gal B. soll das Geld der Anklage zufolge über Zahlungsdienstleister wie Wirecard oder Payvision, aber auch über als seriös geltende Banken, zunächst auf Konten der Betreibergesellschaften der Cybertrading-Portale auf Samoa oder auf den Marshallinseln gelandet sein. Gal B. habe diese Briefkastenfirmen kontrolliert, so die Staatsanwaltschaft. Im nächsten Schritt sei das Geld mit Hilfe von Scheinrechnungen für angebliche, mutmaßlich aber nie erbrachte Marketing- oder Management-Dienstleistungen an andere Gesellschaften unter anderem auf den britischen Jungferninseln transferiert worden. Schließlich landete es bei Briefkastenfirmen in Hongkong.

Es soll sogar eine "Training Academy" gegeben haben

Bei den Gesellschaften und den Transaktionen soll Gal B. maßgeblich seine Finger im Spiel gehabt haben. Zudem habe er Callcenter betrieben, aus denen heraus den Opfern das Geld aus der Tasche gezogen worden sei, so die Anklage. Angesiedelt sind solche "Boiler-Rooms", wie sie im Fachjargon heißen, bevorzugt in Balkanländern, Israel, der Ukraine und Georgien. Gal B. soll auch die Firma E&G betrieben haben, in denen die Callcenter-Mitarbeiter geschult wurden. Sogar eine "Training Academy" habe es gegeben. Selbst die Firma, von der die Software für die mutmaßlich fingierten Computer-Simulationen kommt, soll er kontrollieren. Während Gal B. angibt, von monatlich 2000 bis 3000 Euro netto zu leben und ohne Vermögen zu sein, stießen Fahnder "in seiner privaten Sphäre" auf "Geldflüsse in Millionenhöhe". Gal B. habe die Geldströme gesteuert, heißt es.

Die Vorwürfe gegen Gal. B. kommen jenen gegen Uwe L. sehr nahe. Beide kannten sich gut und sollen eng zusammengearbeitet haben. Nach dem rätselhaftem Tod von L. ermittelt die Staatsanwaltschaft in Saarbrücken noch gegen 13 Beschuldigte, von denen einer in Albanien in Auslieferungshaft sitzt. "Die Anzahl der Geschädigten und die Höhe des Schadens lassen sich bislang nicht abschließend feststellen", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Allein bei 271 Opfern liege der Schaden bei 15,8 Millionen Euro. "Die sehr umfangreichen Ermittlungen dauern an", so der Sprecher, ein Ende sei noch nicht absehbar.

Letzteres gilt auch für ein von Gal B. und Uwe L. unabhängiges Verfahren, das die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg führt. Wie berichtet, gab es in diesem Zusammenhang Anfang April Razzien und Verhaftungen vorwiegend in Bulgarien und Serbien. Nach einigem juristischen Hin und Her wurden vor wenigen Tagen zwei Beschuldigte, ein Deutscher und ein Bulgare, aus Sofia nach Deutschland überstellt. Sie sitzen in Untersuchungshaft.

© SZ vom 17.07.2020

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