Online-Betrug:Razzia im Kosovo

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Im Internet boomt auch der Betrug.

(Foto: Eric Audras/imago images/PhotoAlto)

Schlag gegen organisierten Milliardenbetrug: Erneut gehen internationale Strafverfolger auf Betreiben Bamberger Ermittler gegen kriminelle Trading-Plattformen vor.

Von Uwe Ritzer, Bamberg

Einheimische Quellen berichten, es sei der größte und spektakulärste Einsatz gegen organisierte Wirtschaftskriminalität in der Republik Kosovo seit Langem. Spezialkräfte der örtlichen Polizei stürmten vergangenen Mittwoch im Beisein von zehn deutschen Kollegen der Kripo Neu-Ulm sowie zwei Staatsanwälten der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg ein mehrstöckiges Gebäude mitten in Pristina, der Hauptstadt des Balkanstaates. Zeitgleich wurden 16 weitere Büros und Wohnungen in Priština und Ferizaj im Süden des Landes durchsucht. Mehr als ein Dutzend Verdächtige wurden bei den Razzien festgenommen. Sechs Luxusautos, Computer, Server und mindestens 150 000 Euro in bar wurden beschlagnahmt.

Thomas Goger, Vizechef der bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg angesiedelten Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB), bestätigte die Aktion auf Anfrage und nannte sie "einen großen Erfolg". Es ist der vierte große Schlag binnen weniger Monate in Osteuropa gegen groß angelegten Anlagebetrug im Internet, der auf die Bamberger Strafverfolger zurückgeht. Diese haben sich besonders intensiv dem Kampf gegen massenhaften Betrug auf Plattformen im Internet verschrieben. Abgezockt werden ahnungslose Bürger auf Portalen mit kruden Namen wie Tradecapital, Fibonetix, Nobel Trade oder im vorliegenden Fall Fxcmarkets.

Angelockt mit erfundenen, im Internet gestreuten Geschichten über Prominente wie Thomas Gottschalk, Dieter Bohlen oder Juroren der TV-Sendung "Die Höhle der Löwen", die angeblich auf den Trading-Plattformen großes Geld gemacht hätten, wird Kleinanlegern vorgegaukelt, sie könnten dort ebenfalls investieren. Mit Kryptowährungen, Rohstoffen oder anderer Handelsware ließen sich angeblich traumhafte Renditen erzielen. Millionen Menschen in ganz Europa fallen jedes Jahr auf die Betrugsmasche herein und verlieren nicht selten fünf- oder sechsstellige Euro-Beträge. Der Gesamtschaden geht in die Milliarden. Allein die Bamberger ZCB bearbeitet nach Gogers Angaben aktuell mehr als 2000 Strafverfahren mit mehr als 100 Millionen Euro Schaden. "Und täglich kommen neue Fälle hinzu", sagt er.

In Callcentern agieren speziell geschulte Betrüger

Nach Durchsuchungen und Festnahmen in Bulgarien, Serbien und der Ukraine (die SZ berichtete) richtete sich die jüngste Aktion in Kosovo gegen dort bekannte, große Callcenter-Unternehmen. Von diesen aus agieren speziell geschulte Betrüger mit teilweise exzellenten Fremdsprachenkenntnissen. Sie haben den Auftrag, Anleger in deren Muttersprache sofort zu kontaktieren, sobald diese sich online auf der Trading-Plattform registrieren. Am Telefon geben sie sich dabei als Broker aus und überreden ihre Opfer geschickt, immer mehr Geld anzulegen. Geld, von dem in Wahrheit kein Cent in irgendetwas oder irgendwo investiert wird, sondern das umgehend über weltweit verschachtelte Briefkastenfirmen bei Kriminellen landet.

Die Verdächtigen in Priština wurden von der Polizeiaktion völlig überrumpelt. Die Beamten stießen insgesamt auf etwa 150 Callcenter-Mitarbeiter, die auf drei Stockwerken gerade an den Telefonen saßen. Ihre Personalien wurden festgestellt und Vernehmungen eingeleitet. Auch mutmaßliche Köpfe der weitverzweigten und miteinander kooperierenden Tätergruppen wurden festgenommen. Die einen auf der Basis von internationalen Haftbefehlen, welche die Bamberger ZCB erwirkt hatte. Die anderen auf Betreiben kosovarischer Sicherheitsbehörden, die ihrerseits nach ersten Hinweisen aus Bamberg Ermittlungen aufgenommen und Verdächtige identifiziert hatten.

Auch in Deutschland und Österreich gab es schon Hausdurchsuchungen

"Die Zusammenarbeit mit den osteuropäischen Kolleginnen und Kollegen hat einmal mehr sehr gut geklappt", sagt ZCB-Vizechef Goger. "Grenzüberschreitend vorzugehen ist der einzige Weg, um diesen international operierenden Tätergruppen, mit denen wir es hier zu tun haben, beizukommen." Die Razzia in Priština nannte Goger "auf den ersten Blick sehr ertragreich", was das beschlagnahmte Beweismaterial angehe. Einen ganz entscheidenden Beitrag habe die Kriminalpolizei Neu-Ulm geleistet, so Goger weiter, wo es ebenfalls mittlerweile große Erfahrungen im Umgang mit betrügerischen Trading-Plattformen gebe.

In Kleinarbeit verfolgen die Ermittler Geldströme und andere Spuren, welche die Täter im Netz hinterlassen. Als aufschlussreich erwiesen sich in der Vergangenheit auch immer wieder die Aussagen früherer Beteiligter an den Betrügereien. Was für die Einzelnen nicht ungefährlich ist, wie zwei rätselhafte Todesfälle im vergangenen Jahr zeigten. Nicht alle Täter sitzen freilich in Osteuropa. Auch in Deutschland und Österreich gab es in den vergangenen Jahren immer häufiger Hausdurchsuchungen und auch mehrere rechtskräftige Urteile gegen Täter. Demnächst soll in weiteren Fällen Anklagen erhoben werden.

© SZ/jab
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