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Impfstoff-Hersteller:Curevac-Aktien bringen Bundesregierung 1,6 Milliarden Euro in New York

CureVac im Nasdaq

Curevac-Chef Franz-Werner Haas läutet die Schlussglocke an der New Yorker Börse Nasdaq - aber wegen der Pandemie nur in der Videoprojektion am Times Square, nicht in echt.

(Foto: dpa)

Zum Schnäppchenpreis hat sich der Bund an Curevac beteiligt. Nun ist die Aktie des Impfstoffherstellers so rasant gestiegen, dass der Anteil viel mehr wert ist - allerdings nur auf dem Papier.

Von Elisabeth Dostert

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sammelt Bücher. Er hat sich sogar ein eigenes Exlibris machen lassen, eine Marke, die er in die Bücher klebt und ihn als Eigentümer ausweist. Es sind nicht die einzigen Marken, die der Minister setzt. Als Börsenprofi hat Altmaier bislang allerdings nicht von sich Reden gemacht. Zu Unrecht? Womöglich. Zumindest könnte sich eine von ihm orchestrierte Beteiligung an der Tübinger Firma Curevac, die einen Impfstoff gegen das neue Coronavirus Sars-CoV-2 entwickelt, als geniales Investment erweisen.

Mitte Juni erwarb der Bund über die staatliche Förderbank KfW rund 23 Prozent an Curevac, für 300 Millionen Euro. Aus heutiger Sicht war das ein ziemliches Schnäppchen. Seit Freitag ist das Unternehmen an der US-Technologiebörse Nasdaq notiert. Für 16 Dollar je Stück platzierte das Unternehmen insgesamt 13,3 Millionen Aktien. Beim Börsengang sammelte es gut 210 Millionen Dollar ein. Schon die Erstnotiz lag bei 44 Dollar, der Schlusskurs am Montag bei 77,20 Dollar. Die KfW hat sich an der Kapitalerhöhung im Zuge des Börsengangs nicht beteiligt. Sie halte nun "knapp 17 Prozent" des Kapitals, teilte das Wirtschaftsministerium mit. Und dieses Aktienpaket ist, Stand Montag Handelsschluss, 1,94 Milliarden Euro wert. In den Büchern entspricht das einem Gewinn von rund 1,6 Milliarden Euro.

So schnell dürfte sich der Bund aber nicht trennen. Laut Börsenprospekt haben sich die Altaktionäre zu einer Haltefrist von 180 Tagen verpflichtet. Ein Verkauf der Aktien wäre damit erst Ende Januar 2021 möglich. Ohnehin betrachtet der Bund die Beteiligung als "strategische Investition". Sie sei nicht auf eine kurzfristige Veräußerung angelegt. "Es handelt sich um eine mittelfristige Beteiligung", heißt es aus dem Ministerium. Wenn man die Bewertung der Konkurrenten Biontech und Moderna zugrundelege, erscheine der Emissionspreis von Curevac "deutlich zu günstig". Curevac sei ein "Schnäppchen" gewesen, sagt Kai Brüning, Portfoliomanager der Fondsgesellschaft Apo Asset. Mittlerweile hält er Curevac im Vergleich etwa zu Biontech als "relativ fair" bewertet.

"Als Steuerzahler freut man sich über den Kursgewinn", sagt Achim Wambach, Präsident des Mannheimer Forschungsinstituts ZEW und Vorsitzender der Monopolkommission: "Der öffentliche Haushalt ist allerdings keine Spekulationskasse. Gewinn und Verlust sind nicht das Maß für den Erfolg einer Beteiligung." Der Staat beteilige sich an Unternehmen in der Krise und um Industriepolitik zu betreiben. Wambach bezweifelt, dass die Beteiligung an Curevac diesen Zielen dient.

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Gerade der Börsengang zeige, dass Curevac durchaus andere Möglichkeiten habe, sich Kapital zu beschaffen. Industriepolitisch wäre es besser gewesen, die Finanzierungsmöglichkeiten für die gesamte Biotechbranche zu verbessern, etwa in Form eines Fonds, statt selektiv eine einzelne Firma zu stärken mit der Gefahr, den Wettbewerb zu verzerren. Start-ups klagen seit Jahren darüber, dass in Deutschland finanzkräftige Investoren fehlen. Dietmar Hopp, Großaktionär von Curevac, und die Brüder Andreas und Thomas Strüngmann, die bei Biontech investiert sind, gelten als Ausnahmen.

Die Nasdaq ist der Lieblingsplatz von Biotech-Firmen aus aller Welt, allein im Biotech-Index sind mehr als 200 Firmen gelistet. Auch Biontech, Centogene und Immunic. "Die US-Investoren sind risikoaffiner als die europäischen", sagt Portfoliomanager Brüning: "In Deutschland liegt das meiste Geld immer noch auf den Sparbüchern."

© SZ vom 19.08.2020
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