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Cum-Ex-Prozess:Die Dubai-Connection

Der erste Zeuge im Cum-Ex-Strafprozess weiß viel über die dubiosen Geschäfte. Ausführlich berichtet er über die Vorgänge. Dem deutschen Staat soll dadurch ein Schaden von zehn Milliarden Euro entstanden sein, schätzen Steuerfahnder.

Wenn Darren T. redet, sind das markanteste seine Handbewegungen. Der wahrscheinlich größte Mann im Raum schiebt die Hände während seiner Erzählungen über Dividenden und hohe Gewinne nach links, nach rechts, öffnet sie und zieht sie zu sich, als schiebe er die Transaktionen vor sich auf dem Tisch von A nach B nach C.

Wichtiger als seine Handbewegungen sind an diesem Dienstag aber seine Aussagen. Darren T. ist der erste Zeuge im ersten Cum-Ex-Strafprozess, in dem sich die Ex-Banker Martin S. und Nick D. verantworten müssen. Sie sollen sich der Staatsanwaltschaft zufolge in 33 Fällen der schweren Steuerhinterziehung schuldig gemacht haben, bei einem weiteren Fall soll es beim Versuch geblieben sein. Insgesamt belaufe sich der Schaden laut Anklageschrift auf 447,5 Millionen Euro.

Darren T. ist für das Gericht als erster Zeuge so wichtig, weil er selbst tief in ähnliche Geschäfte verstrickt war, erst bei Macquarie, einer Bank mit Sitz in Sidney und später mit seiner eigenen Firma in Dubai. In anderen Verfahren ist der 45-Jährige mit dem Seitenscheitel und dem schmalen Lächeln sogar als Beschuldigter geführt. Das belastete ihn schwer. Die Strafverfolgung habe dazu geführt, dass er zum Psychiater gehen und 18 Monate lang Medikamente nehmen musste.

Zweifelsohne ist er eine schillernde Persönlichkeit. T. ist einer, der zu Zeiten der ersten Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft in einer Villa in Dubai residierte und der extra für zwei Tage Befragung von dort einfliegt ins kalte Deutschland.

Ein Ex-Angestellter der Deutschen Bank brachte ihm die wichtigsten Kniffe bei

Aufgewachsen ist er in Großbritannien, studiert hat er Anfang 1990er an der britischen Eliteuniversität Oxford Physik. Danach machte er eine Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer und wurde über verschiedene Stationen Trader bei der Investmentbank Macquarie. Da tauchte er tief in die Cum-Ex-Welt ein. Die entscheidende Kniffe lernte er von 2005 an von einem Ex-Angestellten der Deutschen Bank. Dieser weihte ihn ein in den vielleicht größten Steuerbetrug Deutschlands. Nach eigenen Angaben hat er die Geschäfte ab 2007 selbst durchgeführt, bei denen sich Investoren, Banken und vermögende Privatleute absprachen und Aktien mit (cum) und ohne (ex) Dividende über den Dividendenstichtag handelten, sich eine nur einmal gezahlte Steuer mehrmals erstatten ließen und den Gewinn am Ende unter sich aufteilten.

Allein dem deutschen Staat soll dadurch ein Schaden von zehn Milliarden Euro entstanden sein, schätzen Steuerfahnder. T. selbst sei einer der Strippenzieher gewesen, einer, der die Aktiendeals Wochen vorher einfädelte und sich entsprechend auskannte.

Von 2005 an sei der Markt merklich gewachsen. Immer mehr Leerverkäufer, Banken und Investoren stiegen ein. Sie alle wollten von der Steuererstattung in Deutschland profitieren und umgingen die Hürden des Finanzministeriums dabei geschickt. Als dieses 2007 die Vorschriften so änderte, dass der Griff in die Steuerkasse bei Aktiendeals in Deutschland nicht mehr funktionierte, schalteten Banken und Börsenhändler ausländische Stationen dazwischen. Als 2009 bestimmte Geschäfte verboten wurden, erfanden die Cum-Ex-Akteure neue Modelle. Er selbst ging von London nach Dubai, zu einer Firma, die drei seiner Kollegen gegründet hatten, die teils 80 Prozent ihrer Gewinne mit Cum-Ex-Geschäften machte und wo er bis 2017 blieb. Damals musste er schon vor der Staatsanwaltschaft aussagen und packte in großem Stil. Mittlerweile hat er die Firma eigenen Angaben zufolge verlassen und kümmert sich um die Entwicklung von Immobilien. Das Thema Cum-Ex dürfte ihn aber so schnell nicht loslassen.