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Schweizer Großbank:Credit Suisse versenkt Milliarden im Archegos-Debakel

FILE PHOTO: the logo of Swiss bank Credit Suisse is seen in Bern

In die Nacht, dies leere Nichts, dorthin sind vielleicht die Milliarden der Credit Suisse verschwunden.

(Foto: Arnd Wiegmann/Reuters)

Die Schweizer Großbank muss teuer dafür bezahlen, dass sie einem US-Hedgefonds enorme Summen geliehen hat. Alle Geschäftsführer verlieren ihren Bonus - und manche gleich ganz ihren Job.

Von Isabel Pfaff, Bern

Für Credit Suisse lag Ostern in diesem Jahr günstig. Die Feiertage verschafften der Schweizer Bank wenigstens ein paar Tage Zeit, um sich mit ihrem jüngsten Fehltritt auseinanderzusetzen. Seit Dienstagmorgen ist es öffentlich: 4,4 Milliarden Franken - knapp vier Milliarden Euro - kostet Credit Suisse wohl ihr Engagement mit einem US-Hedgefonds, bei dem es sich nach übereinstimmenden Medienberichten um den Fonds Archegos des umstrittenen Investors Bill Hwang handelt.

Hwang hatte sich mit einigen Aktien im großen Stil verspekuliert - und damit mehreren Banken heftige Verluste beschert, die ihm Geld für seine Geschäfte geliehen hatten. Von keinem anderen Institut allerdings sind höhere Verluste bekannt als von Credit Suisse, der zweitgrößten Bank der Schweiz. Für das erste Quartal 2021 erwartet sie wegen dieser enormen Summe einen Vorsteuerverlust von ungefähr 900 Millionen Franken. Noch nicht eingerechnet sind dabei die Schäden aus der Pleite von Greensill Capital, eines britisch-australischen Finanzkonglomerats, dessen Lieferketten-Fonds die Bank an ihre Kunden verkauft hatte.

Jetzt stehen die Konsequenzen aus diesem zweifachen Fiasko fest: Die beiden Hauptverantwortlichen in der Geschäftsleitung, Risiko- und Compliance-Chefin Lara Warner sowie Brian Chin, Chef der Investmentbanking-Sparte, müssen ihre Posten abgeben und verlassen die Bank. Weiterhin streicht der Verwaltungsrat die kurzfristigen Boni-Programme für 2020 und die langfristigen für 2021 - für alle Mitglieder der Geschäftsleitung. Auch Verwaltungsratspräsident Urs Rohner, der nur noch wenige Wochen im Amt ist, verzichtet auf knapp ein Drittel seines Jahresgehalts, das sich normalerweise auf fast fünf Millionen Franken belaufen hätte. Im Sinne ihrer Kapitalquote stoppt die Bank außerdem ihr Aktienrückkaufprogramm und wird der Generalversammlung am 30. April eine von 29 auf zehn Rappen reduzierte Dividende vorschlagen. Die Entlastung von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung entfällt und soll erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.

Lara J. Warner

Nicht mehr Mitglied der Geschäftsleitung: Lara Warner.

(Foto: Unternehmen)

Zusätzlich wird sich die Bank auch im Rahmen zweier Untersuchungen, durchgeführt "von externen Stellen", mit der Greensill-Pleite und dem Archegos-Debakel auseinander setzen. Diese Untersuchungen sollen sich nicht auf die unmittelbaren Folgen dieser Ereignisse beschränken, "sondern werden auch weitergehende Auswirkungen und relevante Erkenntnisse thematisieren", so Credit Suisse.

Damit erfüllt die Bank gerade so die Erwartungen von Beobachtern. Dass Warner und Chin gehen müssen, war erwartet worden, und auch dass die Boni in Frage gestellt werden, galt als ausgemacht. Die drei Männer, die nun übergangsweise die Bereiche Risikomanagement, Compliance und Investmentbanking übernehmen, sind etablierte Credit-Suisse-Banker und damit nicht unbedingt die Erneuerer, die es nach Meinung von Analysten nun braucht.

Die Rufe nach tieferen Einschnitten bei dem skandalgeplagten Geldhaus werden deshalb lauter. "Es gibt keinen Zweifel: Credit Suisse hat die Risiken nicht im Griff", schreibt die wirtschaftsnahe NZZ. Statt bei ihrem "One-Bank-Modell" zu bleiben, solle sich Credit Suisse auf ein "einfacheres, risikomäßig besser beherrschbares Geschäftsmodell" konzentrieren. Viele sehen die Lösung in einem Ausstieg aus dem risikoreichen Investmentbanking. Das linke Onlinemedium Republik fordert gar, "Banken wie die Credit Suisse gleich ganz zu zerschlagen und aus den Stücken einzelne Banken zu bilden. Weniger komplexe, weniger riskante, bescheidenere Banken." Tatsächlich zeigen die jüngsten Vorfälle wieder einmal, wie gefährlich Großbanken wie Credit Suisse oder UBS der vergleichsweise kleinen Schweizer Volkswirtschaft werden können: Geraten sie in Schwierigkeiten, zittert das ganze Land, schließlich übersteigen ihre Bilanzsummen die jährliche Wirtschaftsleistung der Schweiz deutlich. Sie sind eigentlich zu groß, um im Zweifelsfall von einem Kleinstaat gerettet werden zu können.

© SZ
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