Coronavirus:Firmen rufen nach einem Plan C

Wegen Corona-Verdachts gestoppter Zug in München angekommen

Passagiere eines Eurocity aus Venedig tragen Mundschutz: Die Deutschen fahren weiterhin Zug, meldet die Bahn.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Hotels spüren den Corona-Effekt schon, die Bahn im Moment noch nicht: Deutsche Unternehmen fragen sich, wie sehr das Virus sie treffen wird. Könnte die Politik ihnen helfen - und wie?

Von Markus Balser, Michael Bauchmüller, Berlin, Bastian Brinkmann und Jan Willmroth, Frankfurt

Im gläsernen Turm am Potsdamer Platz beobachten sie die Folgen des Virus. Würden die Menschen weniger Bahn fahren und ihre Tickets stornieren, fällt das in der Zentrale der Deutschen Bahn direkt auf. Hier laufen die Daten über das Reiseverhalten des Landes ein. Doch noch sind die Züge voll: "Die Deutsche Bahn hat in den vergangenen sieben Tagen keine Nachfrageeinbrüche verzeichnet", sagt ein Sprecher. "Im Vergleich zum Vorjahr wächst die Zahl der Buchungen im Fernverkehr zurzeit sogar weiter." Allenfalls könne das Wachstum etwas kleiner ausfallen.

Die Bahn steht für die Lage im ganzen Land. Die Firmen befinden sich in besorgter Erwartung, was da heranrollt, auch wenn bei ihnen gerade alles noch im Regelbetrieb läuft. Mitarbeiter schicken einander Whatsapp-Fotos mit leeren Supermarktregalen zu: Nudeln und andere haltbare Lebensmittel sind mancherorts ausverkauft. Firmen und Politik diskutieren, was jetzt zu tun ist, die Debatten kreisen um Absatzprobleme und Lieferengpässe.

"Der Umgang mit den Folgen des Coronavirus hat für die deutsche Wirtschaft erhebliche Auswirkungen", sagt Ilja Nothnagel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. "Nach wie vor ist es die wichtigste Hilfe auch für die Wirtschaft, im Kampf gegen das Virus erfolgreich zu sein."

Manche Branchen spüren schon die ersten Folgen. Hotels berichteten von Stornierungen, weil Großveranstaltungen abgesagt wurden. Die Situation habe sich leider deutlich verschärft, warnt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Seriös ließe sich der Schaden noch nicht beziffern, erste Rückmeldungen aus Betrieben zeigten Einbußen im hohen sechs- bis siebenstelligen Bereich. Die Branche erwarte deshalb politische Unterstützung. Der Verband fordert Liquiditätshilfen und Fördermaßnahmen, "die schnell und unbürokratisch wirken", etwa Steuersenkungen.

Auch die OECD bringt direkte Konjunkturhilfen für Unternehmen wegen des Coronavirus ins Spiel. Vor allem im Finanzsystem müsse angemessene Liquidität sichergestellt sein, heißt es in der neuen Weltwirtschaftsprognose der Organisation. Die OECD schätzt, dass sich das globale Wachstum halbiert, falls das Virus nicht in den Griff bekommen wird. Regierungen sollten entschlossen handeln, unter anderem, "um das finanzielle Überleben der am stärksten betroffenen Unternehmen und Haushalte zu garantieren", sagte OECD-Chefvolkswirtin Laurence Boone. Banken müssten ausreichend Möglichkeiten haben, vor allem kleinen und mittelgroßen Firmen mit kurzfristigen Geldsorgen über die Zeit zu helfen. In besonders betroffenen Regionen wären vom Staat organisierte Erleichterungen denkbar, beispielsweise Subventionen für Energiekosten oder Steuerstundungen.

"Der Dienstleistungssektor ist anfällig", sagt Roland Döhrn vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI. "Messen werden abgesagt, Kreuzfahrten in Asien ebenso." Man müsse aber auch sagen: "Das allein reißt Deutschland nicht in die Rezession".

Der Export nach China ist schon jetzt stark betroffen

Für die Konjunktur problematischer wird China. Das Land hat große Teile der Wirtschaft stillgelegt, um den Virus zu bekämpfen. Die Folge: "Chinas Wirtschaftsleistung im ersten Quartal wird einbrechen - und damit werden auch unsere Exporte eingebrochen sein", sagt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. "Ein Minus von zehn Prozent ist da locker drin." Claus Michelsen vom Wirtschaftsforschungsinstitut DIW schätzt, dass der China-Effekt das deutsche Wachstum 0,2 Prozentpunkte kosten könnte. Das Risiko sei zudem groß, dass der Einbruch größer werde - und das in einem Jahr, für das viele Ökonomen schon vor dem Coronavirus nur ein Wachstum von um die ein Prozent erwartet hatten.

Die Rufe der Firmen nach dem Staat könnten daher erhört werden, Überlegungen dazu gibt es auch innerhalb der Bundesregierung. Kurzfristige Liquiditätshilfen für Firmen existieren schon jetzt, etwa über die Staatsbank KfW. Notfalls ließen sich die Mittel dafür auch aufstocken, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. "Eine Bürgschaft kann das unternehmerische Überleben sichern", sagt Konjunkturforscher Michelsen. "Das lässt sich fallweise gut überprüfen."

"Steuersenkungen wirken schnell, wären aber nicht zielgerichtet"

Zusätzlich würde Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) gerne Pläne forcieren, die schon länger in Arbeit sind. Etwa eine Steuerförderung digitaler Wirtschaftsgüter. Oder steuerliche Verbesserungen für Personengesellschaften, was zurückgestellte Gewinne angeht. Nicht um Konjunkturprogramme gehe es, sagt Altmaier. Man müsse "zu gegebener Zeit" ohnehin geplante Maßnahmen vorziehen, um die Konjunktur zu stimulieren. "Steuersenkungen wirken schnell, wären aber nicht zielgerichtet", sagt Commerzbank-Volkswirt Krämer.

Am Wochenende hatte Finanzminister Olaf Scholz (SPD) ein Konjunkturprogramm in Aussicht gestellt, sollte sich die Lage verschärfen. Allerdings gibt es selbst innerhalb der Wirtschaft Zweifel, ob ein milliardenschweres Paket viel brächte: Es würde den Fachkräftemangel weiter verschärfen, und bei großen Infrastrukturprojekten fehlt es nicht am Geld, sondern eher an Baufirmen.

Möglich wäre auch, dass Firmen ihre Mitarbeiter jetzt Überstunden abbauen und sie später nacharbeiten lassen. Auch Kurzarbeit ist denkbar - sie gilt vielen Volkswirten als Maßnahme, die sich in Krisenfällen bewährt hat.

Die Unsicherheit ist groß. Auch bei der Bahn weiß man, dass sich die Lage schnell ändern kann. Im Konzern tagen regelmäßige Krisenrunden. Man sei "in ständigem Austausch mit den Gesundheitsbehörden, dem Bundesinnenministerium sowie dem Bundesverkehrsministerium". Die hätten weitere Entscheidungen zum Bahnbetrieb in der Hand, sagt ein Bahnsprecher. Bislang gab es keinen begründeten Corona-Verdachtsfall in den Zügen. Die Bahn aber hat Pläne für diesen Fall vorbereitet: Der betroffene Bereich werde gesperrt und nach der Fahrt professionell gereinigt und desinfiziert. Fahrgäste würden vom Zugpersonal informiert, dass sie ihre Kontaktdaten hinterlegen sollten, um von den Behörden bei Bedarf kontaktiert zu werden.

© SZ vom 03.03.2020
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