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Massenarbeitslosigkeit in den USA:"Wie eine Naturkatastrophe"

Outbreak of the coronavirus disease (COVID-19) in California

Autos stehen in einer Schlange, um an einer Regional Food Bank per Drive-Through Lebensmittel zu laden. Die Regional Food Banks entsprechen in etwa den deutschen Tafeln.

(Foto: PATRICK T. FALLON/REUTERS)

In den USA wurden binnen eines Monats durch die Corona-Krise mehr Jobs vernichtet, als in den elf Jahren seit der Finanzkrise neu entstanden waren. 26 Millionen Menschen sind jetzt ohne Arbeit - viele verlieren mit dem Job auch den Schutz einer Krankenversicherung.

Man stelle sich vor, das alles passierte in Deutschland: Die Erwerbslosenquote durchbricht die 20-Prozent-Marke, binnen Wochen verzehnfacht sich die Zahl der Arbeitslosengeldempfänger, Millionen stehen vor den Trümmern ihrer beruflichen Existenz. Unmöglich? In den USA ist das im April 2020 bittere Realität - und dabei steht das Land in der Corona-Krise immer noch ziemlich am Anfang.

Am Donnerstag gab die Regierung in Washington bekannt, wie viele Menschen in den letzten Tagen einen Erstantrag auf Arbeitslosenhilfe gestellt haben. Dazu muss man wissen, dass die Zahl jahrelang bei etwa 220 000 pro Woche dahindümpelte. Diesmal waren es 4,4 Millionen. Rechnet man die Antragsteller aus den vergangenen vier Wochen hinzu, dann sind es seit Mitte März nunmehr 26 Millionen. Damit wurden im Laufe eines guten Monats mehr Jobs zerstört, als die Unternehmen in den elf Jahren nach Überwindung der Finanzkrise von 2008 neu geschaffen hatten.

"Die US-Wirtschaft blutet in puncto Jobs in einer Geschwindigkeit und in einem Umfang aus, wie es das noch nie gegeben hat", sagt Scott Anderson, Chefvolkswirt der Bank of the West. "Es ist wie eine Naturkatastrophe." Tatsächlich haben in den vergangenen Wochen Millionen Menschen nicht nur über Nacht ihre Stelle verloren, sondern oft auch die zugehörige Krankenversicherung. Arbeitslosengeld wird nur für wenige Wochen gezahlt, und neue Jobs gibt es, wenn überhaupt, fast nur im Einzelhandel, in Apotheken, bei Speditionen und Lieferdiensten. Viele andere Firmen haben Einstellungsstopps verhängt.

Die Folgen lassen sich allerorten beobachten: Die Menschen stehen stundenlang an, um einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe auszufüllen, und vor den Essensausgabestellen der Städte und Gemeinden stauen sich die Autos zu Tausenden. Es sind Bilder, wie man sie im reichen Westen bisher nur aus Katastrophenfilmen kannte.

Und es bleibt nicht bei den direkt Betroffenen, den Modeverkäufern, Kellnern, Friseuren, Reisekaufleuten und Industriearbeitern: Weil sie ihre Jobs verloren haben, können viele ihre Miete, ihren Auto- oder Hauskredit nicht mehr bezahlen und stürzen damit Wohnungsbaufirmen, Leasinggesellschaften und Banken mit in Turbulenzen. Diese reagieren und entlassen ihrerseits Mitarbeiter - es ist eine Abwärtsspirale, die sich kaum stoppen lässt.

Die Arbeitslosenrate lag mit 20,2 Prozent viereinhalb Mal so hoch wie offiziell ausgewiesen

In den offiziellen Zahlen wird die ganze Dramatik der Lage noch gar nicht deutlich. Die bis dato letzte Arbeitslosenquote etwa, die die Regierung veröffentlichte, ist jene für den März - sie lag bei 4,4 Prozent. Mit der Realität hat das längst nichts mehr zu tun, wie ein Projekt der Ökonomen Alexander Bick und Adam Blandin zeigt: Sie wollen mithilfe repräsentativer Online-Umfragen erreichen, dass Arbeitsmarktdaten künftig praktisch wochenaktuell zur Verfügung stehen. "Um effektive politische Entscheidungen fällen zu können, sind zeitnahe und akkurate Daten zum Ausmaß des wirtschaftlichen Abschwungs unabdingbar", so die Wissenschaftler.

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Bereits ihre erste Erhebung in der vorvergangenen Woche förderte verheerende Zahlen zutage. Demnach brach der Anteil der Erwerbsfähigen, die tatsächlich arbeiten, in der ersten April- im Vergleich zur zweiten Märzwoche von 73 auf nur noch 61 Prozent ein. Die Arbeitslosenrate lag mit 20,2 Prozent viereinhalb Mal so hoch wie in der offiziellen Statistik zuletzt ausgewiesen. Und selbst viele derer, die ihren Job noch haben, kämpfen mit Problemen. 21 Prozent der Befragten etwa berichteten, dass der Arbeitgeber ihr Gehalt teils deutlich gekürzt habe. In einem Land, in dem viele Bürger fast keine Ersparnisse, dafür aber umso mehr Auto-, Haus- und Kreditkartenschulden haben, stellt selbst eine mäßige Einkommensminderung ein viel gravierenderes Problem dar, als viele Deutsche sich das vielleicht vorstellen können.

Das gilt umso mehr, als die Bevölkerung ja nicht gleichmäßig von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie betroffen ist. Im Gegenteil: Wie so oft in einer Krise trifft es die, die es finanziell ohnehin schwerer haben als andere, am härtesten. In den USA sind das unter anderem Hispanics, Schwarze, Geringqualifizierte und Frauen. So gaben in einer Untersuchung des Pew-Forschungszentrums 61 Prozent der Befragten mit lateinamerikanischen Wurzeln an, dass sie selbst oder jemand in ihrem Haushalt den Job oder einen Teil des Einkommens verloren habe. Bei Schwarzen waren es 44, bei Weißen 38 Prozent.

Präsident Donald Trump und der Kongress haben zwar schon mehrere Programme beschlossen, um Firmen und Beschäftigten zu helfen - das jüngste, fast 500 Milliarden Dollar schwere Paket sollte am Donnerstag vom Repräsentantenhaus verabschiedet werden. Herr werden aber lässt sich der Massenarbeitslosigkeit mit derlei Notmaßnahmen nicht. Vieles von dem, was Trump angekündigt hat, ist deshalb Kosmetik - man könnte auch sagen: Show. Dazu zählt etwa sein Erlass, die Ausgabe von Arbeitsvisa für 60 Tage zu stoppen, um die Amerikaner vor ausländischen Jobsuchern zu schützen. De facto stellen die US-Auslandsvertretungen aber schon seit Wochen praktisch keine Visa mehr aus: Wegen Corona sind die Konsulate vielerorts für den Publikumsverkehr geschlossen.

© SZ vom 24.04.2020/mxh
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