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Coronavirus:Wie die Krise die Unternehmen trifft

Erneut weniger Unternehmenspleiten in NRW

Ob Filialen oder ganze Unternehmen - die Folgen der Corona-Pandemie treffen die Wirtschaft hart. Die Hypovereinsbank etwa schließt ein Drittel ihrer 337 Standorte.

(Foto: dpa)

Der Touristik-Konzern Tui beantragt Staatsgarantien. Banken und Sparkassen schließen Filialen - bei der Hypovereinsbank ist ein Drittel der Standorte betroffen. Auch die Autobauer legen Kapazitäten still.

Die Verschärfung der Corona-Krise bringt eine ganze Reihe von Konzernen in Bedrängnis. Die Deutsche Telekom hat jetzt die für den 26. März geplante Hauptversammlung auf unbestimmte Zeit verschoben. Das habe der Vorstand beschlossen, so ein Sprecher.

Ein Überblick. Besonders hart trifft es die Tourismusindustrie: Tui stoppt den größten Teil seines Geschäfts und muss nun zur Überbrückung Staatshilfe beantragen. Alle Pauschalreisen und Kreuzfahrten finden wegen der Vorgaben vieler Regierungen zur Eindämmung des Virus vorerst nicht statt, Hotels werden geschlossen. "Wir ergreifen einschneidende Kostenmaßnahmen, um die Auswirkungen auf unser Ergebnis abzumildern", teilte Tui in der Nacht zum Montag mit. Doch das reicht offenbar nicht aus: Um die Umsatzausfälle abzufedern, werde Tui Staatshilfe beantragen, teilte das Unternehmen mit.

Es gehe um Staatsgarantien, bis der normale Geschäftsbetrieb wieder aufgenommen werden könne. Lediglich 1,4 Milliarden Euro habe Tui noch in Form eigener Mittel und Kreditlinien zur Verfügung. Tui wollte zuletzt vom Zulauf von Kunden nach der Pleite des britischen Konkurrenten Thomas Cook profitieren. Auch die Veranstalter Alltours und FTI stellen vorübergehend den größten Teil des operativen Geschäfts ein. Um mittelfristig wieder zum normalen Betrieb zurückkehren zu können, beantragt FTI - wie Tui - Staatsgarantien. FTI hatte zuletzt 4,2 Milliarden Euro Umsatz mit 13 000 Mitarbeitern. "Gesundheit geht ganz klar vor", erklärt FTI-Gründer Dietmar Gunz.

Banken und Sparkassen

Immer mehr Kreditinstitute machen einen Teil ihrer Filialen dicht. Die Hypovereinsbank (HVB) schließt ein Drittel ihrer 337 Standorte, die Commerzbank mehrere Hundert ihrer rund 1000 Filialen. Auch Sparkassen machen Niederlassungen zu. Kunden könnten aber weiterhin die Geldautomaten, das Online-Banking sowie die Telefon- und Videoberatung nutzen. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) empfahl den Kunden, für tägliche Zahlungsvorgänge verstärkt das kontaktlose Bezahlen mit Girocard oder Kreditkarte zu nutzen.

Der Privatbankenverband BdB betonte, dass die Bargeldversorgung gesichert sei. So können Kunden auch an vielen Supermarktkassen Bargeld abheben: "Die Supermärkte haben gerade viel Bargeld im Umlauf und dort kann man sich auch versorgen." Im Gegensatz zu den Konkurrenten will die Deutsche Bank ihre Filialen so lange wie möglich offen halten. "Unsere Filialen in gesamt Deutschland bleiben vorerst geöffnet", erklärte die Bank am Sonntagabend in einer internen Mitteilung an Mitarbeiter. "Wir wollen für unsere Kunden vor Ort präsent sein." Deutschlandweit betreibt die Deutsche Bank rund 500 Filialen, dazu kommen mehr als 800 Niederlassungen der Postbank, die zum Konzern dazugehört. Weltweit arbeiten bei der größten deutschen Geschäftsbank Teams inzwischen aufgeteilt und räumlich getrennt voneinander.

Mode- und Sporthandel

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Die schwedische Modekette H&M schließt in etlichen Ländern ihre Geschäfte. Während der harte Konzernumbau auf vollen Touren laufe, würden jetzt alle Aktivitäten mit Blick auf Kosten und Risiken auf den Prüfstand gestellt, um die mit dem Virus verbundenen negativen Auswirkungen so weit wie möglich abzumildern, kündigte H&M an. Die Schweden sind der weltweit zweitgrößte Modehändler hinter der spanischen Inditex-Kette, zu der etwa Zara gehört. Am Wochenende hatten bereits die Sportartikelhersteller Nike, Lululemon Athletica und Under Armour Ladenschließungen in den USA, in Europa und anderen Ländern angekündigt. Die Modekette GAP reduziert Öffnungszeiten in den USA und Kanada und schließt über 100 Filialen. Urban Outfitters mit den Marken Anthropologie und Free People gab bekannt, dass die Geschäfte weltweit bis mindestens 28. März geschlossen blieben.

Lkw-Bauer

"Alle wichtigen Konferenzen werden nur noch per Skype gemacht. Es werden keine Delegationen mehr empfangen, so gut wie alle Dienstreisen sind abgesagt und auf Eis gelegt", sagt ein Sprecher des Münchner Lkw-Herstellers MAN. In Einzelfällen müssten diese vom Vorstand genehmigt werden. Vor allem der regelmäßige Austausch mit dem Lkw-Unternehmen Scania aus Schweden, mit dem MAN eng unter dem Dach der VW-Tochter Traton zusammenarbeitet, finde quasi nur noch digital statt. Wo möglich, vor allem im Verwaltungsbereich, habe man die Mitarbeiter ins Home-Office geschickt. Noch, heißt es in München, sei die Produktion nicht unterbrochen: "Wir fahren da aber auf Sicht." MAN unterhält Produktionsstandorte unter anderem im österreichischen Steyr und im polnischen Krakau.

Autoindustrie

In der vergangenen Woche erklärten viele Hersteller noch, dass sie ihre Jahrespressekonferenzen einfach ins Internet verlegen. BMW etwa hält es so in dieser Woche. Der von Vorstandschef Herbert Diess geführte Volkswagen-Konzern wird ebenfalls aufs Telefon ausweichen, um die wichtigsten Jahreszahlen zu diskutieren. Die einzelnen Marken des VW-Konzerns sagten ihre jeweils eigenen Jahrespressegespräche dagegen komplett ab. Man könne derzeit nicht über einen Marktausblick für 2020 und danach diskutieren, heißt es etwa bei der Marke VW. Auch Audi wird wahrscheinlich auf seine Telefonkonferenz verzichten. Immer mehr Pkw-Werke in Europa müssen bereits schließen. VW fährt die Produktion von Seat im spanischen Martorell und im VW-Werk in Navarra herunter. Das VW-Werk bei Lissabon drosselt die Produktion um 16 Prozent. Grund ist dort ein Mangel an Arbeitern, nachdem die portugiesische Regierung die Schließung aller Schulen angeordnet hat. Ein VW-Sprecher sagte, die Versorgung der Werke mit Teilen werde durch die Grenzschließung in Europa immer schwieriger. Auch die Produktion in den USA werde in Mitleidenschaft gezogen. Fiat-Chrysler teilte mit, in den italienischen Fabriken werde bis 27. März nicht gearbeitet. Die Produktion im serbischen Kragujevac und das polnische Werk Tychy würden geschlossen. Die Aussetzung ermögliche es dem Autobauer, auf die gesunkene Pkw-Nachfrage zu reagieren. Auch Ferrari und Lamborghini pausieren. Die französischen Konzerne Renault und PSA, zu dem Opel gehört, lassen die Produktion in Europa ruhen. In Deutschland sind die Standorte Rüsselsheim und Eisenach betroffen. Erst Einbrüche bei den Exporten nach China und Italien, jetzt das wegfallende heimische Gastronomiegeschäft: Viele der 1500 deutschen Brauereien stellt die Coronavirus-Pandemie vor große Probleme. "Auch wenn die getroffenen behördlichen Maßnahmen nachvollziehbar und gerechtfertigt sind, verschärft sich die wirtschaftliche Situation für die Gastronomie und damit auch die Brauereien von Tag zu Tag", sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, Holger Eichele, zu Reuters. Die Absage Tausender Veranstaltungen sei schlecht, die Auswirkungen für die Getränkebranche dramatisch.

© SZ vom 17.03.2020
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