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Corona und Konsum:Mexiko geht das Bier aus

Mexikanischer Imbiß in München, 2013

¡Salud! Kein Land der Welt exportiert mehr Bier als Mexiko. Die Marke "Corona" hat jetzt nicht nur ein Imageproblem.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Seit einem Monat wird in Mexiko nicht mehr gebraut. Nun sitzt ein Land auf dem Trockenen - und die Schmuggelrouten an der Landesgrenze werden plötzlich andersherum genutzt.

Das Ende ist nah, daran besteht kein Zweifel mehr. Doch statt sich, wie so oft, in die Religion zu flüchten, klagen die Mexikaner im Netz ihr Leid, unter dem Stichwort #LaUltimaChela. Das klingt natürlich nicht aus Zufall wie la ultima cena, auf Deutsch: das letzte Abendmahl. Nur geht es eben nicht ums Essen, sondern um Trinken, statt cena darum chela, ein Wort, das in Zentralamerika umgangssprachlich für Bier steht. Auf gut Bayerisch ist es also die letzte Halbe, die Mexikaner gerade umtreibt, und nicht nur Süddeutsche wissen, dass das ein ernstes Thema ist.

Mexikanische Internetnutzer posten darum auch traurige Bilder von vereinsamten Dosen in ihren Kühlschränken oder - noch schlimmer! - Fotos von leeren Supermarktregalen, die vorherige Kunden schon komplett abgeräumt haben. Wer noch Bier will in Mexiko, der muss zunehmend tiefer in die Tasche greifen, die Preise steigen, der Schwarzmarkt blüht und Besserung oder gar Nachschub ist nicht in Sicht. Mitten im Lockdown und kurz vor dem Sommer geht Mexiko das Bier aus. Weltuntergangsstimmung.

Der Grund für das Desaster ist - natürlich - das Coronavirus. Seit einem Monat wird in dem lateinamerikanischen Land nicht mehr gebraut. Damals war die nationale Bierproduktion von der Regierung als "nicht essenziell" eingestuft worden. Im Kampf gegen Covid-19 mussten die Brauereien ihre Arbeit einstellen. Am Anfang führte das noch zu Witzchen, schließlich traf das Verbot auch die Fabriken der Grupo Modelo, dem Hersteller von Mexikos berühmtester und beliebtester Biermarke "Corona". Ausgerechnet.

Bald kamen dann aber auch Hamsterkäufe dazu und mittlerweile ist allen klar, wie ernst die Lage ist. Denn Mexiko ist nicht nur ein Land der Bierliebhaber: 68 Liter trinkt jeder Einwohner im Schnitt pro Jahr, das sind rund 30 Liter weniger als in Deutschland, global betrachtet aber immer noch Top 30. Die lateinamerikanische Nation ist auch der größte Bierexporteur der ganzen Welt. Mehr als 120 Millionen Hektoliter wurden allein letztes Jahr gebraut, über 40 Millionen davon exportiert, vor allem in die USA, aber auch nach Großbritannien, Australien oder Zentralamerika.

Es geht also um viel Geld, dazu noch um viele Jobs. 55 000 Stellen hängen direkt an den mexikanischen Brauereien, hunderttausende Menschen sind dazu indirekt für ihren Lebensunterhalt auf sie angewiesen, darunter Bauern, aber auch viele kleine Läden im ganzen Land, die einen Großteil ihrer Einnahmen bislang vor allem mit dem Verkauf von Bier bestritten haben - und nun in ernsten Problemen stecken.

Dabei ist vielen Mexikanern nicht ganz klar, warum so eine wichtige Industrie, die noch dazu ein so beliebtes Produkt erzeugt, von der Regierung als "nicht essenziell" eingestuft wurde - zumal Tequila anders als Bier weiterhin produziert werden darf und manche Fabriken für den Export auch weiterhin brauen dürfen. Dazu, sagt der Verband der Einzelhändler, sei Bier ja auch gerade in schwierigen Zeiten ein probates Mittel, um mit Ängsten und innerer Unruhe fertig zu werden.

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Dem kann man sicherlich widersprechen. Mexiko leidet auch in normalen Zeiten schon unter enormer Gewalt, verübt zum großen Teil von rivalisierenden Drogenbanden, aber auch unter aggressiven Ehemännern, Freunden oder Lebensgefährten, die ihre Frauen, Freundinnen oder ehemaligen Lebenspartnerinnen verprügeln. Zehn Frauen starben im Schnitt schon vor Corona in Mexiko pro Tag eines gewaltsamen Todes, in der Quarantäne stehen die Leitungen bei Beratungstelefonen und Behörden kaum noch still. Und weil viele der Gewalttaten eben auch unter dem Einfluss von Alkohol entstehen, haben einige Gemeinden ohnehin den Verkauf von Bier genauso verboten wie den von Wein, Tequila oder anderem Hochprozentigem.

Dass solche Gesetze die Menschen nicht vom Trinken abhalten können, weiß man spätestens seit den Zeiten der Prohibition. Damals wurde Alkohol von Mexiko aus in die USA geschmuggelt. Nun ist es genau andersherum: Angesichts des allgemeinen Bier-Notstands kommen nun zunehmend Sixpacks aus den USA über die Grenze nach Mexiko.

© SZ vom 09.05.2020/mxh
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