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Landwirtschaft:Wer ernten will, muss säen

Viele Bauern in China steigen von Gemüse auf Reis um, weil dafür im Anbau weniger Arbeitskräfte nötig sind.

(Foto: STR/AFP)

Wegen des Coronavirus werden viele Felder in China später bestellt, zudem fehlen Arbeiter. Das könnte auch Deutschland treffen.

Die ganzen Auswirkungen wird man erst in ein paar Monaten spüren, wenn auf den Feldern in China die Ernte ansteht und die Früchte auf den Obstplantagen reif sind. Es könnte ein Desaster werden, so niedrige Erträge, wie seit Jahren nicht. In China, dem größten Lebensmittelproduzenten der Welt, wurde durch den Ausbruch des Coronavirus in vielen Provinzen zu spät mit der Aussaat begonnen.

Einer aktuellen Umfrage der Qufu Normal University in 1636 Landkreisen ergab, dass 60 Prozent der chinesischen Bauern pessimistisch oder gar sehr pessimistisch für die diesjährige Pflanzperiode sind. Was vor allem fehlt, sind die Arbeiter. In China wird in der Landwirtschaft noch immer viel von Hand erledigt, mehr als eine halbe Milliarde Bauern leben in der Volksrepublik. Und viele von ihnen haben in den vergangenen Monaten unter staatlich verordnetem Hausarrest gestanden, konnten nach dem Frühlingsfest nicht zu den Farmen reisen. Etwa zu den großen Gemüse-Farmen des Landes in Guangdong im Süden Chinas. Viele Betreiber haben in der Not umgesattelt. Statt Kohl oder Mais haben sie Reis angepflanzt. Das lässt sich auch mit weniger Leuten stemmen.

Dennoch: Als erste Maßnahme hat Peking den Export von Reis gestoppt, auch Vietnam hat inzwischen die Ausfuhren untersagt - bloß kein Mangel im eigenen Land. Die Folge: Die Preise für thailändischen Reis haben seitdem kräftig angezogen - die Tonne ist so teuer wie seit sechs Jahren nicht mehr und das obwohl nur etwa neun Prozent der weltweit produzierten Reismenge überhaupt international gehandelt werden und keine Spekulation stattfindet. Ganz anders bei Weizen: 23 Prozent wird exportiert und an Kontrakte an den Börsen gehandelt.

China ist auf Soja-Importe angewiesen

Reis und Weizen baut China genug an, um die eigene Bevölkerung zu ernähren. Auf Importe ist die Volksrepublik allerdings bei Soja angewiesen. Nirgendwo auf der Welt wird mehr Soja verbraucht. Die Chinesen dünsten die Bohnen, brauen daraus Soße, sie entwässern den Quark und pressen ihn zu Tofu, sie brauchen die Bohnen für Speiseöl und als Tierfutter. Mehr als 80 Prozent aller Sojabohnen werden importiert, aus Brasilien, Argentinien, vor allem aber aus den Vereinigten Staaten. Alles Länder, denen die schlimmsten Corona-Wochen wohl noch bevorstehen.

Ein Problem ist auch der fehlende Dünger. Hubei ist der größte Düngemittelproduzent der Volksrepublik, jene Provinz also, in der das Virus ausgebrochen ist und die erst seit der vergangenen Woche wieder zugänglich ist. Durch den Produktionsausfall könnten etwa in Chinas Kornkammer in den Nordostprovinzen bis zu 1,3 Millionen Tonnen Dünger fehlen - etwa 40 Prozent des Jahresverbrauchs.

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Das kann sich in Deutschland bemerkbar machen. China und die Bundesrepublik sind im Lebensmittelbereich eng verbunden. Aus der Volksrepublik kommen vor allem Fisch-, Obst- und Gemüsezubereitungen sowie Gewürze. In die andere Richtung werden Milch- und Fleischprodukte transportiert. "Insgesamt importiert Deutschland jährlich Lebensmittel im Wert von 1,3 Milliarden Euro aus China", sagt Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Ernährungsindustrie (BVE). Gemessen am Gesamtwert der Nahrungsmittelimporte macht das knapp drei Prozent der Gesamteinfuhren aus.

Deutsche Lebensmittelhersteller sichern den Nachschub meist langfristig mit Kontrakten ab, aber auch, in dem sie sich nicht auf nur einen Lieferanten verlassen. "Zum Großteil werden die Kontrakte eingehalten", sagt Minhoff. Wie sich der Handel in diesem Jahr entwickelt, hänge auch von der Lage in Europa ab. "Wir können heute nicht mit Bestimmtheit sagen, wie sich die Produktion und der europäische Binnenmarkt mit Voranschreiten der Epidemie entwickeln werden."

Weil es kaum noch Bienen gibt, müssen viele Apfelbäume von Hand bestäubt werden

Dass die Liefereinschränkung Chinas für deutsche Lebensmittelfirmen zu einem großen Problem werden könnten, das sehen Experten derzeit allerdings nicht. "Deutschland ist bis auf Nischenprodukte kaum auf Lebensmittel aus China angewiesen", sagt Christian Janze, Agrarexperte und Partner der Unternehmensberatung Ernst & Young. Schwierigkeiten könnten jedoch nach seiner Einschätzung deutsche Exporteure bekommen: "China war bislang der drittgrößte Abnehmer außerhalb der EU für deutsche Nahrungsmittel." Insbesondere bei Fleisch war die Nachfrage zuletzt hoch. Aber auch für verarbeitete Milchprodukte seien die Ausfuhren nach China von Bedeutung. "Bricht der Export nach China weg, setzt das die hiesige Ernährungsindustrie und Landwirtschaft in diesen Bereichen unter Druck", meint Janze. "Sollte die Corona-Krise noch über Monate andauern und den Export belasten, rechne ich für 2020 auch mit deutlichen Beeinträchtigungen der Exporte nach China im Fleisch- und Milchsektor."

Vor einigen Jahren war China ein wichtiger Lieferant für Safthersteller

Zuletzt legten vor allem die Schweinefleischexporte nach China zu. Grund dafür ist die dort aufgetretene Schweinepest, die dort viele Erzeuger hart traf. Auch die deutsche Lebensmittelindustrie bekam das zu spüren, aufgrund der größeren Nachfrage stiegen die Preise in den vergangenen Monaten erheblich. Werden weniger Fleisch und Milchprodukte geordert, dann kann das deutsche Erzeuger unter Druck bringen. Sie würden dann weniger Geld für ihre Erzeugnisse bekommen.

Vor einigen Jahren war China für kurze Zeit ein wichtiger Lieferant für die deutschen Safthersteller. Als vor gut zehn Jahren die Apfelernte in Deutschland und anderen Ländern in Europa sehr schlecht ausfiel, griffen viele Produzenten zu Apfelsaftkonzentrat aus China. Das sei jedoch der Ausnahmefall, sagt Klaus Heitlinger vom Verband der deutschen Fruchtsaft-Industrie. Dennoch lag 2018 die Importmenge von Apfelsaftkonzentrat aus China bei 14 300 Tonnen, das reicht für 100 Millionen Liter Apfelsaft. Statistisch stammt also der Inhalt jeder siebten Flasche aus China. Ob dort in diesem Jahr tatsächlich so viel geerntet werden kann, wie sonst, ist fraglich. Während in Europa Obstbäume vor allem von Bienen bestäubt werden, ist das in China oft Handarbeit. Wanderarbeiter klettern mit langen Pinseln auf die Bäume und verrichten das Werk der Insekten. Auf vielen chinesischen Plantagen gibt es derzeit allerdings noch immer kaum Personal und leider weit und breit auch keine Bienen.

© SZ vom 01.04.2020/vd
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