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Coronavirus-Krise:Die Weltwirtschaft braucht Austausch jetzt mehr denn je

Verband Deutscher Reeder

Die Globalisierung hat zu gewaltigen Wohlstandsgewinnen geführt, die man nicht ohne Not gefährden sollte.

(Foto: dpa)

Die Globalisierung hat zu gewaltigen Wohlstandsgewinnen geführt, die man nicht ohne Not gefährden sollte. Wer nun Abschottung fordert, verkennt ihre Verletzlichkeit.

Die Coronavirus-Krise ist eine unwillkommene, aber passende Gelegenheit, vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen. Dabei findet sich manche Überraschung. So müssten dieser Tage eigentlich viele Praktiker den Politikern Abbitte leisten. In Wirtschaftskreisen ist ja der Reflex verbreitet, Regierende wahlweise für unfähig oder für unwillig zu erklären. Sie seien uninformiert und vorurteilsbehaftet, reagierten regelmäßig zu spät oder zu halbherzig und ließen eigentlich alles vermissen, was ein guter Unternehmer und Manager so drauf hat: So hört man das am Stammtisch und bei Standortkonferenzen.

Im Einzelfall mag das stimmen, als Typisierung ist es ungerecht, weil diese Sichtweise die unterschiedliche Struktur beider Welten verkennt: hier der demokratische Mehrheitsprozess, dort das unternehmerische Kommandoprinzip. Beides kommt übrigens gelegentlich an seine Grenzen. Der frühere Bundesfinanzminister und Finanzkrisenmanager Peer Steinbrück konnte sich immer wunderbar echauffieren über Banker, die Politiker erst für dumm erklären, sich dann aber ultimativ von ihnen retten lassen wollen. "Wir sind es doch, die dann auf Bananenkisten vor aufgebrachten Bürgern stehen und unsere Rettungspolitik verteidigen müssen", hat er ihnen bei einem SZ-Wirtschaftsgipfel wutschnaubend entgegengeschleudert. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, wie nachdrücklich Industriepräsident Dieter Kempf die Bundesregierung für ihr Coronavirus-Krisenmanagement lobt. Und man kann am Ende dieser Woche mit wuchtigen wirtschaftspolitischen Beschlüssen nur sagen: wohl wahr.

So viel Lob in einem Wirtschaftskommentar, das mag überraschen, werden hier doch sonst gerne die Versäumnisse der Regierenden in der Steuer- und Sozial-, Energie- und Umweltpolitik und beim Abbau von Bürokratie beklagt. Alles richtig und bestimmt bald wieder Thema, aber: Als Krisenmanager agieren die Politiker besser, als man es beim einen oder anderen Manager in Erinnerung hat, der unvermittelt in eine Krise geriet.

Eine Deglobalisierung würde gewaltige Erschütterungen nach sich ziehen

Umgekehrt wird aber eine andere Gewissheit gerade zu Unrecht aussortiert, nämlich dass die Globalisierung eine gute Sache ist. Man sehe ja nun, wohin die internationale Vernetzung geführt habe, widerrufen sogar früher glühende Anhänger der internationalen Arbeitsteilung und betonen passend zu den Grenzschließungen, wie wichtig es sei, sich mehr auf die nationale Scholle zu besinnen.

Aus China kam das Virus, und ist die Abhängigkeit von China nicht ohnehin schon zu groß geworden? Dass jetzt die Lieferketten der deutschen Unternehmen reißen, dass Atemmasken und Medikamente vor allem in China produziert werden und hier fehlen, das sei ja wohl der beste Beweis dafür, dass in Zukunft wieder jedes Land selbst für seine Versorgungssicherheit verantwortlich sei. Von hier bis zu einem umfassenden Protektionismus ist es nicht mehr weit, und das trifft den Nerv manches Populisten. Der Mann im Weißen Haus hat auf dem Schlagwort "America first" seine ganze Präsidentschaft aufgebaut.

Donald Trump aber und all die anderen verkennen das Wesen der Globalisierung. Abgesehen davon, dass sie weit fortgeschritten ist und eine Deglobalisierung gewaltige Erschütterungen nach sich zöge: Sie hat zu gewaltigen Wohlstandsgewinnen geführt, die man nicht ohne Not gefährden sollte. Die Weltwirtschaft ist komplex und verletzlich. Sie braucht keine Abschottung, sondern internationale Absprachen und Austausch, je mehr und je offener, desto besser. Auch das Coronavirus übrigens lässt sich nicht nur mit geschlossenen Grenzen besiegen, es braucht schon den grenzüberschreitenden Austausch auf allen Ebenen.

© SZ vom 14.03.2020/vit
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