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Impfstoff gegen Corona:Wer ist Biontech?

Biontech - Labor

Ein Labor von Biontech. Das Unternehmen arbeitet an Impfstoffen gegen das Coronavirus.

(Foto: Stefan Albrecht/Biontech)

Bislang kannte kaum einer das Unternehmen aus Mainz. Biontech ist nun die erste deutsche Firma, die Impfstoffkandidaten gegen das Coronavirus klinisch testen darf.

Von Elisabeth Dostert

Der Aktienkurs ist zumindest für viele Investoren das Maß für den Erfolg eines Unternehmens. Mitte der Woche ging der des Mainzer Biotechnologiekonzerns Biontech an der US-Technologiebörse Nasdaq bis auf fast 56 Dollar in die Höhe. Das waren ein Plus von mehr als 30 Prozent an einem einzige Tag.

Biontech, bislang weitgehend unbekannt, macht gerade Furore, denn als erstes deutsches Unternehmen dürfen die Mainzer mit klinischen Tests für vier Impfstoffkandidaten gegen das Coronavirus beginnen. Biontech entwickelt unter anderem auf Basis der Boten-Ribonukleinsäure Impfstoffe gegen Krebs. Auf der gleichen Technologie baut nun der Impfstoff gegen das Virus. Lightspeed, also Lichtgeschwindigkeit, heißt das Corona-Programm von Biontech. Nach Angaben des Verbandes forschender Pharma-Unternehmen sind seit Jahresanfang weltweit "mindestens 96 Impfstoffprojekte" angelaufen. In die klinische Phase haben es erst wenige gebracht.

Für Biontech ist das ein großer Erfolg im harten Geschäft der Biotechnologie. Die Firmen brauchen viel Zeit und viel Geld bis die Forschung in Produkten mündet, die dann einen langen Zulassungsprozess durchlaufen. Die Ausfallraten sind hoch. Jetzt in der Corona-Pandemie sind Firmen wie Biontech die Hoffnung auf Immunität und auf Heilung. Es hat lange gedauert, bis sie es in die Schlagzeilen schafften.

Biontech wurde 2008 von dem Ehepaar Uğur Şahin und Özlem Türeci sowie Christoph Huber gegründet. Alle sind noch an Bord. Şahin ist Vorstandschef, Türeci die Chefärztin im Vorstand (als Chief Medical Officer), Huber sitzt im Aufsichtsrat. Im Januar las Şahin, so erzählte er es dem Manager Magazin, in der britischen Fachzeitschrift Lancet zum ersten Mal über das unbekannte Virus und den Ausbruch in der chinesischen Stadt Wuhan. "Im April sind bei uns die Schulen dicht", sagte Şahin damals zu seiner Frau. Da hatte er sich getäuscht, es ging alles schneller.

Mit Biontech hat er dagegen Erfolg. Das Geld für die Gründung kam damals maßgeblich von den Zwillingen Andreas und Thomas Strüngmann, 69. Die Gründer und der Investoren kannten sich schon von der Mainzer Firma Ganymed. Auch die haben Şahin und Türeci gegründet, auch in Ganymed steckte das Geld der Zwillinge. Sie wissen, wie Pharma geht. Sie sind die Gründer des Generikaherstellers Hexal und haben mit dem Verkauf ihrer Firma 2005 an den Schweizer Pharmakonzern Novartis 5,6 Milliarden Euro erlöst. Vom Geschäft mit Medikamenten wollen die Zwillinge nicht lassen. In den vergangenen Jahren haben sie über ihre Beteiligungsgesellschaft Athos rund 1,3 Milliarden Euro in Biotechnologiefirmen gesteckt, allein 250 Millionen Euro flossen an Biontech.

Seit Oktober 2019 ist Biontech an der Nasdaq notiert. Athos-Chef Helmut Jeggle, er ist auch Aufsichtsratschef von Biontech, sagt der Welt, hinsichtlich der Forschungsqualität könne Deutschland zwar im internationalen Vergleich mithalten. Aber nur in den USA gebe es solche Finanzierungsmöglichkeiten und genügend Interesse und Verständnis von Investoren, die sich auf diese sehr innovativen Technologien spezialisiert haben.

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Der Börsenwert hat sich in den vergangenen Wochen vervielfacht

Biontech hat bislang kein einziges Medikament auf dem Markt, aber zehn Produktkandidaten in klinischen Studien. Die Impfstoffkandidaten gegen Sars-CoV-2 sind da nicht mit eingerechnet, die klinischen Studien laufen erst an. Insgesamt 1300 Mitarbeiter beschäftigt die Firma. Im Geschäftsjahr 2019 setzte Biontech rund 109 Millionen Euro um. Die Verluste summierten sich auf fast 180 Millionen Euro.

Der Emissionspreis von Biontech lag bei 15 Dollar. Das entsprach einer Marktkapitalisierung von gut drei Milliarden Dollar. Inzwischen ist die Firma an der Börse gut zwölf Milliarden Dollar wert. Den Höchstwert erreichte sie Mitte März mit fast 21 Milliarden Dollar. Da meldete Biontech erst, dass man rasche Fortschritte bei der Entwicklung eines Impfstoffes mache. Dann verkündete Biontech den Einstieg des chinesischen Pharmakonzerns Fosun mit weniger als einem Prozent. Gemeinsam wollen die Firmen klinische Studien für den Corona-Impfstoff in China machen und im Erfolgsfall darf Fosun den Impfstoff exklusiv in China vertreiben. Bis zu 135 Millionen Dollar gibt es auch. Den Rest der Welt erschließt Biontech mit dem US-Konzern Pfizer, der sich ebenfalls beteiligt sich und Biontech zunächst 185 Millionen Dollar zahlt, im Erfolgsfall fließen bis zu 563 Millionen Dollar mehr. Die Strüngmann-Brüder halten immer noch die Hälfte des Kapitals von Biontech. Von ihrer Beteiligung an Ganymed haben sie sich bereits 2016 getrennt. Die japanische Firma Astellas zahlte für die ganze Firma gut 422 Millionen Euro mit der Aussicht auf mehr, falls Wirkstoffe Erfolg haben. Biontech ist heute schon mehr wert. Die Adresse in Mainz passt schon mal: An der Goldgrube 12.

© SZ vom 24.04.2020/mxh/cat
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