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Coronavirus:Ein Test für die moderne Arbeitswelt

Coronavirus · Homeoffice

Wer im Home-Office arbeiten kann, gehört in der aktuellen Krise zu den Privilegierten unter den Erwerbstätigen.

(Foto: dpa)

Viele Deutsche arbeiten plötzlich im Homeoffice, andere müssen trotz der Viruskrise vor die Tür. Wichtig ist für all diese Menschen jetzt, dass Arbeitgeber, Kunden und Kollegen verantwortungsbewusst handeln.

Die meisten Menschen hierzulande kennen Deutschland ausschließlich als - im Großen und Ganzen jedenfalls - funktionierendes Land. Gewiss, in der Finanzkrise schien zeitweise alles möglich zu sein. Auch die Flüchtlingskrise war eine Zäsur, und der Mauerfall hat viele Lebensentwürfe durcheinandergewirbelt. Doch selbst in diesen Situationen verlor der Alltag für die Mehrheit der Bürger seine gewohnte Gestalt nie vollständig. Die Grundpfeiler hatten Bestand: Die Kinder gingen in die Schule und den Kindergarten, die Eltern zur Arbeit, das Leben seinen Gang. Das ist jetzt alles anders.

Spätestens seit dieser Woche stehen die Deutschen vor den kläglichen Resten ihres gewohnten Alltags und fragen sich, wie sie das um Himmels willen schaffen sollen. Dass alles derart aus den Fugen geraten zu sein scheint, liegt auch am Stellenwert der Arbeit. Sie bestimmt den Rhythmus, in dem das Land sich bewegt, und derzeit sind alle aus dem Takt.

Einigermaßen eingeübt ist noch, dass Konzerne und Industriebetriebe derzeit ihre Leute in Kurzarbeit schicken, weil nicht nur die Nachfrage nach ihren Produkten zusammengebrochen ist, sondern auch die Lieferkette. Dank der jüngsten Turbogesetzgebung gelten für die Kurzarbeit nun auch wieder die Regeln aus der Finanzkrise; die Unternehmen werden enorm entlastet. Jenseits der Kurzarbeit aber beginnt unbekanntes Terrain, vor allem weil jetzt 15 Millionen Schul- und Kitakinder zu Hause sind.

Wer nun im Home-Office sitzt, dem stehen zwar in nächster Zeit eine Menge, nun ja, interessanter Erlebnisse bevor. Das Zusammenfallen von Telefonkonferenz und Wutanfall des Kleinkindes dürfte der Bedeutung des Wortes "Interessenkonflikt" eine ganz neue Facette hinzufügen. Trotzdem sind die Heimarbeiter in der aktuellen Krise die Privilegierten unter den Erwerbstätigen. Denn es sind meist die Gutverdiener, die von zu Hause aus arbeiten können. Die Jobs, in denen das unmöglich ist, sind dagegen die mit den kleinen Gehältern. Verkäuferinnen, Paketboten, Kellner, Putzfrauen, Hausmeister, Handwerker - mit Kindern haben sie jetzt alle ein gewaltiges Problem. Denn rein rechtlich steht ihnen ihr Gehalt nur wenige Tage lang weiter zu, wenn sie ihre Kinder betreuen, statt zu arbeiten.

Hart trifft die Krise auch Freiberufler, Künstler, Selbständige mit kleinen Betrieben, Büros oder Läden. Ihnen brechen Aufträge weg, und die verbliebenen können sie wegen der fehlenden Kinderbetreuung nur leidlich erfüllen.

Zum einen muss sich jetzt bewähren, worauf Wirtschaft und Gewerkschaften hierzulande immer so stolz sind: die Tarifpartnerschaft, dass also Arbeitgeber und Arbeitnehmer miteinander nicht nur die Löhne, sondern auch die Arbeitsbedingungen aushandeln und dass diese Beziehung konsensorientiert ist. Zum anderen aber kommt es jetzt, genau wie beim Umgang mit der Infektionsgefahr, auf jeden Einzelnen an. Es gibt Arbeitnehmer und kleine Selbständige, die ihr Geld schlicht nicht von zu Hause aus verdienen können, die unter keinen Tarifvertrag fallen, die keine mächtige Industriegewerkschaft im Rücken haben. Damit diese Gesellschaft, die in hohem Maße eine Arbeitsgesellschaft ist, nicht auseinanderfällt, muss auch der Chef, den kein Tarifvertrag zu irgendetwas zwingt, verantwortungsbewusst handeln und nach Lösungen suchen, vom kulanten Überstundenabbau bis zu flexiblen Arbeitszeiten für Eltern. Und die Arbeitnehmer? Auch sie müssen Einschnitte akzeptieren; etwa, so bitter das ist, dass ein Teil des Jahresurlaubs für die Corona-Ferien draufgeht.

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Jene, die nun vom Küchentisch aus arbeiten, sind darüber hinaus Teil eines nationalen Experiments. Das, was sonst unter dem Label "Zukunft der Arbeit" läuft, ist nun quasi über Nacht übers Land gekommen. Dezentrales Arbeiten kann, das zeigt sich jetzt, die Lösung für so manches Problem rund um Familie und Beruf sein. Aber nur, und das wird sich erst noch zeigen, wenn die Arbeitnehmer damit verantwortungsvoll umgehen. Wenn sie also Freiheit nicht mit Freizeit verwechseln.

Im Geist der sozialen Marktwirtschaft wolle man sich treffen, sagte die Kanzlerin vergangene Woche vor dem Gespräch der Regierung mit Wirtschaft und Gewerkschaften. Dieser Geist aber kann nur teilweise herbeiregiert werden. Kurzarbeitergeld und Liquiditätshilfen sind eine wichtige Sache, und vielleicht wird noch ein staatliches Corona-Geld hinzukommen, für jene, die von den bisherigen Hilfen genauso wenig haben wie vom Home-Office.

Wie sehr das Land jedoch beim Thema Arbeit in Zeiten der Krise auf den guten Willen aller angewiesen ist, zeigt der Appell des Arbeitsministers. Inständig bat er die Arbeitgeber, angesichts der Schul- und Kitaschließungen großzügig zu sein - mit der Lohnfortzahlung und auch sonst. Dass die Regierung in dieser Sache bitten muss, weil sie nichts befehlen kann, kann man als Ausdruck der Hilflosigkeit werten - oder aber als Auftrag und Ansporn. Und das wäre dann Teil der Lösung.

© SZ vom 17.03.2020
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