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Flugverkehr:Coronavirus trifft die Luftfahrtbranche hart

Coronavirus. Desinfektion eines Flugzeugs von Korean Air

Sicher ist sicher: Arbeiter auf dem Weg zu einem Flugzeug von Korean Air, um es zu desinfizieren.

(Foto: Suh Myoung-Geon/dpa)

Einige Airlines erwägen schon Kurzarbeit, immer mehr Flüge werden gestrichen. Die großen Konzerne spekulieren allerdings darauf, dass die kleineren Konkurrenten zuerst einbrechen.

Henrik Hololei ist noch nicht überzeugt. Die International Air Transport Association (IATA), der Weltverband der Fluggesellschaften, hatte den Generaldirektor der Europäischen Kommission für Transport gebeten, eine für die Branche äußerst wichtige Regel außer Kraft zu setzen. Die Regel, der zufolge eine Airline an verstopften Flughäfen ihre Start- und Landezeiten zu mindestens 80 Prozent nutzen muss, um sie im folgenden Jahr wiederzubekommen. IATA wollte ihren Mitgliedern für den Sommerflugplan maximale Flexibilität verschaffen, Flüge zu streichen, ohne sich um den künftigen Marktzugang Sorge machen zu müssen.

Doch Hololei, ein für die Branche wichtiger Mann, ziert sich noch. "Ich brauche solide Daten, und die habe ich noch nicht", sagte er am Rande einer Tagung in Brüssel. Da geht es ihm wie den europäischen Fluggesellschaften selbst. Auch diese tun sich noch schwer, einzuschätzen, wie tief die Einschnitte sein werden, die sie wegen der Verbreitung des Coronavirus vornehmen. Und noch mehr tappen sie im Dunkeln, wenn es darum geht herauszufinden, wie lange die Krise anhalten wird.

"Ich bin zuversichtlich, dass wir in einer relativ kurzen Zeit durchkommen", glaubt Air-France-KLM-Chef Ben Smith. "Wir erwarten, dass sich die Lage in einigen Wochen stabilisiert, aber es ist schwer einzuschätzen", glaubt Willie Walsh, Chef der British Airways-Muttergesellschaft International Airlines Group. "Es gibt aber keinen Zweifel, dass die Nachfrage sich erholen wird." Und Ryanair-Chef Michael O'Leary geht sogar davon aus, dass die Nachfrage nur in den kommenden zwei bis drei Wochen schwach sein wird. "Dann werden die Leute gelangweilt sein, in den Nachrichten von Covid-19 zu hören", glaubt er. "Die Buchungen für den Sommer sind einigermaßen solide."

Die Airline-Chefs versuchen mit ihren Äußerungen, Ruhe zu verbreiten und die Lage nicht noch schlimmer zu machen, als sie schon ist. Denn gleichzeitig haben sie massiv Flüge gestrichen: Ryanair fliegt derzeit nur 75 Prozent ihrer sonst üblichen Frequenzen, Lufthansa hat ebenfalls Kürzungen von bis zu 25 Prozent im Europageschäft angekündigt und erwägt Kurzarbeit. Am Mittwoch stutzte der Konzern seinen Flugplan kurzfristig um die Kapazität von rund 150 Flugzeugen. Es handele sich um einen rechnerischen Wert über den gesamten Konzern, der mit seinen Gesellschaften wie Austrian, Swiss, Brussels und Eurowings über gut 750 Passagierflugzeuge verfüge, sagte ein Sprecher.

Der Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) weist darauf hin, dass die Ticketpreise gestrichener Flüge zwar erstattet werden oder diese umgebucht werden, die in den EU-Regularien festgelegten zusätzlichen Entschädigungen nicht gezahlt werden. Es handele sich um außergewöhnliche Umstände. Besonders betroffen sind Flüge nach Norditalien.

Die Krise hat offenbar bei der britischen Fluggesellschaft Flybe zu einem Insolvenzantrag veranlasst. Europas größte Regionalfluglinie, die schon zuvor angeschlagen war, erklärte am Donnerstag, sie habe den durch die Pandemie verursachten Rückgang der Reisenachfrage nicht länger verkraften können. "Alle Flüge bleiben am Boden, und das Geschäft ist mit sofortiger Wirkung eingestellt", erklärte Flybe. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY werde die Abwicklung übernehmen. Die Pleite gefährdet rund 2000 Arbeitsplätze

Ryanair-Chef O'Leary und seine Kollegen gehen davon aus, dass die aktuelle Krise zu einer regelrechten Pleitewelle führen könnte. "Konsolidierung ist unvermeidlich", findet er. Auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr findet, diese sei "überfällig". Willie Walsh glaubt, dass viele finanziell schwache Fluggesellschaften, die sich sonst noch länger gehalten hätten, in den nächsten Monaten vom Markt verschwinden werden. "Die Starken werden profitieren", sagt er voraus.

Unter anderem, weil die Großen indirekt vom Verschwinden kleinerer Konkurrenten zu profitieren hoffen, sprechen sie sich vehement gegen staatliche Hilfen aus. "Einige Airlines werden Covid-19 als Ausrede für Staatshilfen vorschieben. Dem sollte widerstanden werden," fordert O'Leary. "Die Regierungen sollten sich fernhalten", so Walsh.

China bietet Airlines Subventionen an

In anderen Ländern tun sie das explizit nicht. China hilft schon jetzt den heimischen, sowieso zumeist staatlichen Airlines. Die Provinz Hainan stützt den kollabierenden HNA-Konzern, zudem auch 19 Fluggesellschaften gehören. Nun bietet der Staat allen Airlines, die Flüge nach China wiederaufnehmen, Subventionen an. Der Inlandsverkehr, der anfangs um 80 Prozent eingebrochen war, ist mittlerweile wieder auf 50 Prozent des normalen Niveaus gewachsen, vor allem, weil der Staat dies so angeordnet hat. Aber von internationalen Verbindungen ist China immer noch weitgehend abgeschnitten.

Weil das Land befürchtet, dass die ausländischen Fluggesellschaften kaum bald Flüge wieder aufnehmen, ist China dem Vernehmen nach auch dagegen, die Slotregeln außer Kraft zu setzen. Hololei allerdings schließt nicht aus, dem Sektor doch noch massiv unter die Arme zu greifen und eine Ausnahme zu machen. Allerdings will er mit der Entscheidung bis mindestens April warten, denn dann sei besser einschätzbar, wie viele Flüge wirklich über einen längeren Zeitraum gestrichen werden.

© SZ vom 05.03.2020/vd
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