bedeckt München 10°
vgwortpixel

Coronavirus:Eine Gefahr für das weltweite Finanzsystem

Illustration: Stefan Dimitrov

Alle starren auf die Aktienmärkte. In der abgelaufenen Woche machten aber vier ganz andere Kurven die Notenbanken nervös. Ein Blick in den Maschinenraum des Finanzsystems.

Vielleicht muss man bloß etwas von ordinärem Toilettenpapier verstehen, um zu begreifen, in welch angespannter Lage sich das weltumspannende Finanzsystem befindet. Vielleicht muss man all die hochspeziellen Winkel des Bankwesens nicht kennen, seine komplizierten Wort-Ungetüme wie "Libor-OIS-Spread" oder "Cross-Currency-Basis-Swaps" nicht verstehen. Um zu begreifen, warum viele Bankprofis in den abgelaufenen zwei Wochen täglich neue orange Warnlichter blinken sahen, reicht es, wenn man in der vergangenen Woche einmal auf der Suche nach Toilettenpapier war.

Jeder, der sich in diesen Tagen trotz Corona-Meldungen in den Supermarkt traute, weiß: Die "rettenden Rollen" waren einfach nicht zu bekommen. Normalerweise sind die Regale voll mit den Toiletten-Packs. Vier Rollen, acht oder gleich sechzehn? Das spielt normalerweise keine Rolle, Toilettenpapier ist einfach da. Eigentlich fällt das Papier mit den Blümchenmustern erst auf, wenn es plötzlich weg ist. Denn irgendwann braucht man es dann doch dringend.

Die Toilettenpapier-Krise ist ein ziemlich gutes Sinnbild für die Lage am Finanzmarkt. Denn um, äh, Geschäfte im internationalen Finanzsystem abzuwickeln, braucht es vor allem eines: Geld, Cash, Penunzen - und davon meistens harte Dollars. Man könnte sagen: Die grünen Geldscheine aus Amerika sind das Toilettenpapier des Finanzwesens. Es wird eben problematisch, wenn man sie schwieriger auftreiben kann. Denn der Fluss an Dollars ist für das Finanzsystem zentral.

Dass die Corona-Krise in der Welt des Geldes die Börsen beben lässt, das lässt sich jeden Abend kurz vor der Tagesschau sehen. Dann, wenn die Kamera auf die schwarz-weiße Kurstafel im Handelssaal der Frankfurter Börse zoomt - und der Lauf des Deutschen Aktienindex wieder von einem Kurs-Kollaps kündet. Dass in der vergangenen Woche auch andere schwerwiegende Verwerfungen im internationalen Finanzsystem offenbar wurden, davon bemerkte die breite Öffentlichkeit jedoch kaum etwas. Doch viele Banker schlugen Alarm.

Es war am Dienstagvormittag um genau 10.05 Uhr deutscher Zeit, als Dollars außerhalb der USA plötzlich offenbar ziemlich knapp wurden. Währungshändler Klaus Hoffmann konnte das auf seinem Bildschirm beobachten. Gerade arbeitet er wegen des Coronavirus von zu Hause aus, manchmal scharwenzelt sein Hund um ihn herum und bellt. An diesem Dienstag gab es allen Grund, Alarm zu schlagen: Wer sich als Finanzprofi Geld in Euro geliehen hatte und das für drei Monate mit speziellen Finanzkontrakten in Dollar tauschen wollte, musste dafür plötzlich eine stattliche Risikoprämie zahlen . Warum? "Weil Banken und Unternehmen plötzlich Dollars horten", sagt Hoffmann, der den Devisendienstleister Giroxx gegründet hat. "Das ist eine Flucht in die globale Leitwährung."

Es ist wie mit dem Toilettenpapier: Viele brauchen plötzlich dringend Dollar. Unternehmen, die eilige Rechnungen bezahlen müssen. Finanzprofis, die mit Aktien Verluste gemacht haben und nun Nachschussforderungen von ihren Banken bekommen haben. Und auf der anderen Seite stehen Fondshäuser und Unternehmen, die in unübersichtlichen und turbulenten Zeiten lieber ein bisschen mehr Dollar als nötig auf die Seite legen. Man weiß ja nie.

Devisenprofi Hoffmann versteht das nur zu gut, denn kaum jemand kennt beide Seiten des Währungsmarkts so genau wie er. Mit seinen Rechnern ist er einerseits an die Devisensysteme der Profis angeschlossen. Auf der anderen Seite hat er regen Kontakt mit mittelständischen Unternehmen im ganzen Land. Und die bewegen schließlich Unsummen an Dollar rund um den Globus, jeden Tag: Rund die Hälfte aller Güter, die Firmen in die EU importieren, zahlen sie in der Weltleitwährung. Und auch in den Währungsgeschäften der Finanzprofis am Devisenmarkt steht bei 88 Prozent aller Transaktionen der Dollar auf einer der beiden Seiten.

Im Maschinenraum des Finanzsystems schmiert der Fluss an Dollars also nicht nur Geschäfte zwischen Finanzprofis, sondern hält auch globale Handelsströme am Laufen. Gerät der Fluss an Dollar im finanziellen Rohrleitungssystem zwischen Banken, Unternehmen und Devisenhändlern auf einmal ins Stocken, lässt das viele nervös werden - so wie am Dienstag.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail oder Push-Nachricht

Alle Meldungen zur aktuellen Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso. In unserer Nachrichten-App (hier herunterladen) können Sie den Espresso oder Eilmeldungen auch als Push-Nachricht abonnieren.

Doch schon einen Tag später machte sich im Londoner Finanzzentrum, in den zugigen Schluchten zwischen den türkisgrün schimmernden Wolkenkratzern, noch eine Angst breit: Was ist, fragten sich viele, wenn das Coronavirus im Herzen des Finanzsystems den Betrieb lahmlegt?

Gerade für den Devisenmarkt ist das nicht zu unterschätzen. Denn die großen Devisenhandelssysteme haben ihren Sitz in London, auch viele Währungshändler arbeiten dort. 43 Prozent der weltweiten Devisengeschäfte laufen inzwischen über die Londoner "City", wie die Hochburg der Geld-Gilde im Finanzersprech heißt. Was also wäre, fragten sich viele, wenn man die Handelsetagen dort dicht machen müsste? Rein aus Schreck verkauften Devisenprofis ganze Berge riskanterer Währungen und flüchteten sich in den vermeintlich sicheren Dollar. Nur für den Fall, dass morgen schon der Handel darniederliegen würde.

Harte Dollars waren scheinbar das einzige, was Unternehmer und Anleger noch besitzen wollten. Nicht einmal US-amerikanische Staatsanleihen, die sonst als sicherer Hafen gelten, waren unter den Finanzprofis noch etwas wert. Ein Frankfurter Banker, der im Handelssaal seiner Bank mit Anleihen handelt, hat das hautnah miterlebt. Er hat gesehen, wie die internationalen Anleger selbst diese Papiere aus ihren Depots schmissen. Mit seinem Namen will er nicht in der Zeitung auftauchen, zu sensibel ist das Thema. "Vergangene Woche war es schlimm", sagt der Händler. "Die Wucht kam einfach sehr geballt."

Denn plötzlich wollten nicht mehr alle in den Markt für Staatsanleihen hinein. Als hätte jemand einen Sicherungsschalter umgelegt, versuchten sie auf einmal rauszukommen. Im Zweifel sind die Geldmanager kompromisslos und verkaufen selbst sichere Staatsanleihen, wenn sie so an harte Dollars kommen können.

Der Abverkauf am Anleihemarkt ist auch ein Lehrstück über den modernen Finanzhandel, der Papiere in Millisekunden um den Globus schickt. Und in dem längst nicht mehr Menschen das Sagen haben, sondern häufig schon Maschinen. Die 180-Grad-Wende am Anleihemarkt hat viele automatisierte Programme aufgeschreckt, denn die Renditedaten der Papiere, die sonst vor sich hindümpeln, schossen auf einmal wild nach oben.

Dieses Finanzbeben löste gewissermaßen ein weiteres Beben aus. Denn manche automatische Handelssysteme reagieren inzwischen nicht mehr primär auf Kurse, sondern auf deren Schwankungen. Wird es am Markt allzu wild, werden die Systeme vorsichtig. Hypervorsichtig. Und schlagen am Ende auch sichere Staatsanleihen aus ihren Depots. Weil viele Finanzprofis aber ähnlichen Computeralgorithmen folgen, verstärkt sich der Effekt: Kursschwankungen, so komisch es klingt, bringen noch stärkere Ausschläge hervor. So wild, dass sich die Anleihen immer schwieriger handeln ließen, dass Verkäufer sehr viel verlangten - und Käufer nur wenig boten. Einer Fieberkurve ähnlich, zeigen Daten des Finanzdienstes Bloomberg, wie der Markt deswegen auszutrocknen begann .

Doch mit den Verwerfungen am wichtigsten Anleihemarkt der Welt, dem US-amerikanischen, verloren viele Finanzprofis gleichsam ihren Kompass. Normalerweise zeigt die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen wie eine Kompassnadel Norden an, sie ist eine zentrale Orientierungsmarke. Sie beantwortet die Frage: Wie viel Rendite bekomme ich für verhältnismäßig wenig Risiko? Doch plötzlich sprang die Kompassnadel hin und her: Die wichtigsten Anleihen der Welt verloren damit ihre Aussagekraft - und die Anleger ihren Kompass.

Das spürte auch der anonyme Frankfurter Anleihehändler sofort: Auf seinen Bildschirmen leuchteten zum Beispiel für Anleihen der corona-gebeutelten Lufthansa zwar noch Preise auf. Wollte man dann aber verkaufen, ging das nicht. "Da fehlte einfach der Markt", sagt der Banker.

Noch schlimmer traf es hochriskante Schrottanleihen und Junk-Kredite , die Anleger sowieso nicht mehr haben wollten. Auch ihre Kurse krachten plötzlich in die Tiefe. Wo die Verluste aufschlagen, wenn Kurse einbrechen und Unternehmen Kredite schuldig bleiben, kann keiner belastbar sagen. Klar, die Banken werden es spüren. Aber welche? Das ist die große Frage.

Diese Unsicherheit wiederum ließ eine vierte Fieberkurve des Finanzsystems wie einen Seismografen ausschlagen - eine Kurve, die anzeigt, wie sehr sich Banken untereinander vertrauen . Oder besser gesagt: wie wenig.

Wenn sich Banken über drei Monate Geld von anderen Finanzinstituten leihen wollten, dann mussten sie dafür plötzlich einen deutlich höheren Risikoaufschlag zahlen. Immer noch deutlich weniger als zu Zeiten der Finanzkrise. Aber bereits so wahrnehmbar, dass manche Banker auf Twitter den Slogan #GFC2 ventilierten. Great Financial Crisis 2. Auf deutsch: Finanzkrise, Nummer zwei.

Das hat selbst Notenbanken hellhörig gemacht. Die Geldhüter rund um den Globus holten das raus, was viele Börsenexperten "Bazooka" nennen. Die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank Federal Reserve kaufen nun massiv Anleihen, um den Markt wieder in die Gänge zu bringen. Und um den globalen Dollarmarkt zu beschwichtigen, haben die amerikanischen Geldhüter Abkommen mit ihren Kollegen beschlossen: Die können zum Beispiel Euros verkaufen, damit im Gegenzug Dollar Richtung Europa fließen. Erleichterungen für Banken sorgen außerdem für mehr Zuversicht im System. Das Vertrauen kommt vorsichtig zurück, so sehen das viele Banker Ende der Woche.

Es ist wie mit dem Klopapier in vielen deutschen Supermärkten. Wenn wieder Nachschub kommt, lässt bei den Menschen die Panik nach.

© SZ vom 21.03.2020
Geldanlage und Finanzen Panik ist ein schlechter Ratgeber

Coronavirus

Panik ist ein schlechter Ratgeber

Nichts wie weg hier! Das ist der erste Impuls von Anlegern bei einem Börsen-Crash. Dabei sollte man erkennen, welche Gelegenheit dieser Einbruch Privatanlegern bietet.   Kommentar von Harald Freiberger

Zur SZ-Startseite