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Handel:Sisyphos am Nudelregal

Coronavirus - Leeres Supermarktregal

Einzig ein Glas Senf ist übrig: Für die Händler ist es momentan vor allem schwierig, die leergekauften Regale schnell wieder aufzufüllen.

(Foto: dpa)
  • Die Versorgungslage in Deutschland ist nach wie vor gut. Es gebe im Moment keine Probleme mit dem Nachschub, versichern Lebensmittelhändler.
  • Eine Herausforderung ist aber die extrem kurze Taktung für das Wiederbefüllen der Regale, weil die Menschen hamstern.
  • Doch Logistik ist ein komplexes europäisches Geschäft: Bei Grenzschließungen würden zum Beispiel ausländische Lkw-Fahrer fehlen.

Von Markus Balser, Berlin, und Michael Kläsgen

So etwas haben die Aldis und Rewes noch nicht erlebt. In der Finanzkrise von 2008 an fürchtete die Welt einen Bank-Run, einen Ansturm auf die Banken mit verheerenden Folgen. Was die Lebensmittelhändler derzeit wegen des Coronavirus erleben, ist eine Art Food-Run: Leere Regale, vollgestopfte Einkaufswagen, Hamsterkäufer, die nicht genug kriegen. Der Sprecher des deutschen Lebensmittelverbandes will nicht pathetisch wirken, wie er sagt, aber so etwas habe es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht gegeben. Supermärkte, Lebensmitteldiscounter und Drogerien befinden sich im Ausnahmezustand. Aber nicht, weil es zu wenig zu essen gäbe. Es ist zum Glück alles anders als im Krieg. Die Menschen kaufen aus Angst vor dem Virus zu viel ein. Sie befördern damit das Problem, das sie zu verhindern versuchen: die Knappheit bei manchen Lebensmitteln.

Dabei ist die Versorgungslage in Deutschland nach wie vor gut. Es gibt, betonen und wiederholen alle Händler, im Moment keine Probleme mit dem Nachschub, es sind viele Waren auf Lager, ja, auch Toilettenpapier und Nudeln sind noch vorhanden. Die Lieferketten seien intakt, heißt es. Die Grenzschließungen einiger Staaten würden nicht für den Warenverkehr gelten; sie führen derzeit allenfalls zu Verzögerungen, etwa wegen Staus.

Allerdings gibt es eine Einschränkung, und die erinnert abermals an die Finanzkrise ab 2008 und den Krisen-Sprech damals. "Man fahre auf Sicht", sagt der Verbandssprecher. Soll heißen: Niemand weiß so genau, was nächste Woche kommt, wenn sich die Ereignisse weiter so überschlagen, wie sie es in den vergangenen Tagen getan haben. Also doch ein Argument für Hamsterkäufe? Nein, alle Händler sagen unisono, es könnte lediglich zu einzelnen Verzögerungen und vorübergehenden Engpässen bei einzelnen Artikeln kommen.

Immerhin beim Toilettenpapier könnten die Sorgen der Verbraucher eigentlich so schnell verschwinden wie derzeit die Konservendosen aus den Regalen. Der Deutschen momentan liebstes Kaufobjekt wird laut Außenhandelsvereinigung des deutschen Einzelhandels überwiegend in Deutschland hergestellt, darunter die Eigenmarken von Lidl, Aldi und dm. Desinfektionsmittel werden ebenfalls in Deutschland hergestellt oder kommen aus Belgien, Frankreich oder den Niederlanden. Auch hier darf vorerst Entwarnung gegeben werden. Und Nudeln? Sie stammen nicht alle aus Italien, sondern werden gerade für die Discounter auch in Deutschland gefertigt. "Angebotsschocks", also Probleme mit der Belieferung, "kann es, Stand heute, eventuell nachgelagert und zeitverzögert geben, wenn quarantänebedingte Produktionsausfälle nicht aufgeholt werden können sollten", sagt Murat Özdemir, Leiter Außenwirtschaft und Zoll der Außenhandelsvereinigung. Aber davon ist derzeit nichts zu spüren.

Was die Lage für die Händler im Moment so herausfordernd macht, ist die extrem kurze Taktung für das Wiederbefüllen der Regale, weil die Menschen hamstern. Vor allem nach Bekanntgabe der Schulschließungen und der Absage diverser Veranstaltungen räumten viele in zuvor nie gesehenem Ausmaß die Läden leer. Die gesamte Branche befindet sich in einem Nachfrage-Schock. Darüber kann sie sich nur bedingt freuen, wie ein Verbandsvertreter sagt, weil die Käufe nur vorgezogen sind. Nudeln, die heute besorgt werden, verkaufen sich in drei oder vier Wochen nicht noch einmal. Es sei denn, sie werden weggeworfen, wovor Politiker bereits gewarnt haben.

Da die Hamsterkäufe trotzdem nicht wirklich abreißen, rang sich der Bundesverband der deutschen Lebensmittelhändler am Montag zu einer ungewöhnlichen Maßnahme durch, zu einem Appell an die Bundesbürger. "Der Lebensmittelhandel appelliert an seine Kunden, sich mit ihren Mitmenschen solidarisch zu zeigen", teilte der Verband mit. "Verbraucher sollten möglichst bedarfsgerecht und entsprechend ihrer Haushaltsgröße einkaufen." Aldi Süd machte unmissverständlich klar: "Für 'Hamsterkäufe' gibt es keinen Anlass." Übermäßiges Horten kann genau die Engpässe verursachen, die viele Hamsterkäufer befürchten.

Und es beflügelt die Stimmung nicht gerade, was die Verkäuferinnen und Verkäufer ausbaden müssen. Sie arbeiten derzeit unter einer extremen Belastung. Laut Verdi leisten sie "Übermenschliches", und da widerspricht der Gewerkschaft kein Arbeitgeber. Streit schlichten, Kunden beruhigen, die Regale, wie Aldi mitteilt, "unermüdlich" neu auffüllen. Lidl erklärt: "Wir arbeiten Tag und Nacht." Rewe sucht sogar händeringend nach Aushilfen wegen der außergewöhnlichen Belastung. Der Chef des Konzerns wirbt höchstpersönlich dafür. Diejenigen, die schon da sind und an der Kasse sitzen, sind allerdings durch den stetigen Kundenkontakt einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt, moniert Verdi. Wer von ihnen kleinere Kinder hat, muss sich zudem um deren Betreuung kümmern, weil die Schulen und Kindergärten in fast allen Bundesländern geschlossen sind. Und das alles bei nicht übermäßig grandioser Bezahlung. Kein Wunder, dass sich laut der Gewerkschaft viele der Verkäuferinnen von der Politik im Stich gelassen fühlen. Vor allem, weil nun noch längere Öffnungszeiten im Gespräch sind. "Bereits jetzt sind die Beschäftigten absolut an der Belastungsgrenze", sagt ein Verdi-Sprecher.

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Ähnlich ist die Lage bei den Gaststätten. Da der Warenverkehr von den verschärften Grenzkontrollen ausgenommen ist, sieht der Branchenverband Dehoga "nach derzeitigem Kenntnisstand nur geringe Auswirkungen auf die Gastronomie". Weitaus folgenschwerer, "in weiten Teilen existenzbedrohend", sei hingegen die Lage für Deutschlands Restaurants, sagt eine Sprecherin. In der Branche verschärften sich die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise. Denn Betriebe müssen nun am frühen Abend zusperren oder werden sogar ganz von den Behörden geschlossen.

Trotz aller Beruhigung aus dem Handel: Dass die Lager voll sind, heißt allerdings noch nicht, dass die Waren auch dauerhaft zu ihrem Ziel kommen. Denn längst ist die Logistik ein komplexes europäisches Geschäft. Internationale Logistikkonzerne wie die Bahn-Tochter Schenker fahren Waren oft mit Fahrern aus dem Ausland durch den Kontinent - und stoßen nun auf jede Menge Probleme.

Zuletzt warnte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) davor, dass sich die Lage etwa wegen der weitgehend geschlossenen Grenze zu Polen zuspitzen könne. Wenn zum Beispiel Polen die Grenzen vollständig schließe, habe das wegen fehlender Lkw-Fahrer aus dem Nachbarland direkte Auswirkungen auf die Versorgungslage in Deutschland, sagte er. Seine Schlussfolgerung macht klar, auch die Bundesregierung wappnet sich für den Fall, dass es zu noch massiveren Störungen im Warenverkehr kommt. "Wenn wir dann zu Engpässen kommen, kann die Bundeswehr die Versorgung auffangen", sagte Scheuer zum Problem fehlender Fahrer. Das sei aber ein Szenario für den schlimmsten Fall, "so weit sind wir noch nicht".

Das Sonn- und Feiertagsfahrverbot ist bereits gekippt

Polen hat am Sonntag seine Grenzen für die Einreise von Ausländern grundsätzlich geschlossen. Zwar dürfen Lastwagenfahrer die Grenze passieren. Aber es kommt zu stundenlangen Wartezeiten wegen der Kontrollen. Derzeit, heißt es in Regierungskreisen, verhandele die Politik mit Polen, um Arbeitskräfte wieder leichter ans Ziel kommen zu lassen.

Laut Bundesverband Spedition und Logistik kommen die Unternehmen jedenfalls so langsam an ihre Grenzen. Die Pandemie bedrohe Lieferketten und Versorgungssicherheit, heißt es in einem aktuellen Papier des Verbands.

Weitgehend unbemerkt haben Bund und Länder bereits das Sonntags- und Feiertagsfahrverbot gekippt. Lkw können jetzt auch am Wochenende unbegrenzt unterwegs sein. Allerdings gleichen die Regelungen einem Flickenteppich. In Baden-Württemberg gilt die Freigabe bis April, in Rheinland-Pfalz bis Mai, in Hessen bis Juni. Die Politik müsse ihr Vorgehen besser koordinieren, mahnt der Verband an. Europäische Länder müssten mit der gleichen Intensität wie die Gesundheitsbehörden an der Lösung logistischer Probleme arbeiten, um Versorgungsengpässen entgegenzuwirken.

© SZ vom 17.03.2020/vd
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