bedeckt München 17°
vgwortpixel

Coronavirus:Eine neue Finanzkrise ist möglich

Wohnen in Frankfurt wird noch teurer

Was wird aus den Banken? Ein Mann blickt aus dem obersten Stockwerk des One Forty West-Hochhauses auf die Skyline von Frankfurt am Main.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Denn die Banken leiden unter Kursverlusten und Kreditausfällen. Aufseher und Politik debattieren nun, wie sie der Branche Erleichterung verschaffen können.

Es war nur eine Frage von Tagen, bis das Virus auch ganz real bei den Banken in Frankfurt ankommt. Am Dienstag meldete die Deutsche Bank, sechs Mitarbeiter des Konzerns seien positiv getestet worden. Aus Sicherheitsgründen seien die Teams im Handel und in den Infrastrukturbereichen aufgeteilt worden. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) meldete in der Nacht zum Dienstag einen Corona-Fall bei einem Mitarbeiter. Allenfalls ein kleiner Lichtblick: Zugleich verbesserten sich die Aktienkurse von Deutscher Bank und Commerzbank am Dienstag wieder nach ihren enormen Kursverlusten vom Vortag. Der Crash von Montag - der größte Einbruch seit dem 11. September 2001 - kam bei den Bankaktien zum Halten, wenn auch der Dax wieder nachgab.

Ziemlich sicher werden bald deutlich mehr Kredite als erwartet ausfallen

Mehr als ein Durchschnaufen aber dürfte nicht drin sein für die Geldhäuser: Die Corona-Krise ist der erste echte Stresstest seit der Finanzkrise vor zehn Jahren, als auf einmal die Geldströme versiegten. Waren es damals Bilder von Schlangen vor den Geldautomaten, sind es nun die Bilder leergekaufter Supermarktregale und Straßensperren in Italien, welche die Unsicherheit an den Märkten schüren. Und tatsächlich kommt es für die Banken nun von allen Seiten: Unternehmenskunden sagen Börsengänge oder Übernahmen ab und kämpfen mit Umsatzeinbrüchen. Ziemlich sicher werden deutlich mehr Kredite ausfallen. Zugleich müssen die Banken sicher stellen, dass sie ihren Betrieb aufrecht erhalten, wenn im schlimmsten Fall Teile der Belegschaft fehlen.

Wiederholt sich die Geschichte? Droht eine neue Finanzkrise? Tatsächlich ist die Lage nicht ganz vergleichbar, im Guten wie im Schlechten. Einerseits lässt sich sagen: Die Banken haben seit der Finanzkrise Notfallpläne in der Schublade, sollten wissen, wie sie die Geschäfte fortführen, wenn die Hälfte der Mitarbeiter zuhause arbeitet, oder welche Vermögenswerte sie zur Not verkaufen, wenn sie plötzlich Kapital benötigen. Außerdem versorgt sie die Zentralbank in gewissem Umfang mit Liquidität. Anders als 2008 werden sie also nicht plötzlich austrocknen, nur weil sie sich untereinander kein Geld mehr leihen. Außerdem haben die Banken höhere Eigenkapitalpuffer als zur Zeit der Krise. Nicht zuletzt ist der Verschuldungsgrad deutscher Unternehmen vergleichsweise niedrig. Auch das ist ein Puffer.

Andererseits verdienen allen voran Deutsche Bank und Commerzbank seit Jahren unter dem Strich kaum Geld, stecken beide in einem komplizierten Umbau, der knapp kalkuliert ist. "Ihre ohnehin schmalen Gewinne sind vor allem der kaum vorhandenen Risikovorsorge für faule Kredite zu verdanken", sagt Bankenexperte Sascha Steffen von der Frankfurt School of Finance. Die Banken müssten wahrscheinlich deutlich mehr Risikovorsorge bilden: "Das erwischt sie auf dem falschen Fuß." Besonders hart könne es Banken treffen, die ihren Kunden in großem Umfang Kreditlinien gewährt hätten, die nun zahlreich gezogen würden. Zumindest wird es herausfordernd sein, diese Liquidität bereitzustellen. Die Banken müssen in diesen Tagen ihrerseits höhere Zinsen bezahlen, sollten sie Anleihen begeben. Gut möglich, dass Deutsche Bank und Commerzbank 2020 erneut Verlust ausweisen werden. Gerade die Commerzbank hat kleine und mittlere Unternehmen zuletzt fleißig mit Kredit versorgt und muss dies vermutlich teuer bezahlen - und zwar bereits dann, wenn sich die Bonitätsnoten der Kreditkunden reihenweise verschlechtern und die Banken dadurch mehr Eigenkapital für die Darlehen und Anleihen zurücklegen müssen.

Stark betroffen sein dürften aber auch Institute wie die Landesbank Baden-Württemberg, die vergleichsweise viele Kredit an Automobilfirmen und Zulieferer vergeben haben. Diese wiederum leiden unter Ausfällen in ihren Lieferketten. Oder auch Immobilienbanken, deren Kreditnehmer sinkende Mieteinnahmen haben. Zugleich könnte die Kapitalausstattung vieler Banken üppiger sein, auch wenn sie in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Allen voran die Deutsche Bank hat ihre wenigen Gewinne aber lieber in Form von Boni an die Mitarbeiter verteilt. Das rächt sich nun.

Wohin man auch schaut, finden sich krisenverstärkende Effekte an den Finanzmärkten

Wo man hinschaut, finden sich zudem krisenverstärkende Effekte, das wiederum ist eine Parallele zu 2008. So zwingt etwa ein neuer Rechnungslegungsstandard (Fachbegriff: IFRS 9) die Banken, sofort Rückstellungen für erwarteten Verlust von Krediten zu bilanzieren und nicht erst, wenn die Verluste eingetreten sind. Das kann einen Abschwung verstärken, weil Kreditinstitute schon viel früher als bisher Geld für Ausfälle zurücklegen müssen. Außerdem müssen die Banken eigentlich in guten Zeiten (wie wir sie zuletzt hatten), einen so genannten antizyklischen Kapitalpuffer für schlechte Zeiten zu bilden. Kein Wunder, dass man im Finanzministeriums in Berlin und bei den Bankenaufsehern von Bundesbank und Bafin bereits diskutiert, den Puffer zu reduzieren. Der Bundesverband deutscher Banken will der Regierung zudem vorschlagen, die Banken von dem neuen Rechnungslegungsstandard IFRS9 auszunehmen. Auch der jährlich Stresstest könnte ausfallen, heißt es. Den bietet ja nun die Realität.

© SZ vom 11.03.2020
26.02.2020 Waldshut , DEUTSCHLAND , Hamsterkäufe in einem deutschen Discounter , Schweizer Einkaufstourismus (Coronaviru

SZ Plus
Coronavirus und Hamsterkäufe
:Für schlechte Zeiten

Weil sie Angst vor dem Coronavirus haben, räumen Verbraucher derzeit ganze Supermarktregale leer. Noch drohen keine Engpässe. Kommt das Virus dem Handel am Ende gelegen?

Von Michael Kläsgen

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite