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Arbeitswelt:Zurück bei den lieben Kollegen

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Die kalte Architektur ihrer Bürohäuser – hier in Frankfurt – haben die meisten Arbeitnehmer wohl noch nie so stark vermisst wie derzeit.

(Foto: Foto: Alex Kraus / Bloomberg)

Deutschland lockert, und immer mehr Firmen holen ihre Mitarbeiter aus dem Home-Office. Aber das von manchen vermisste Büro wird so oder so nicht mehr das alte sein.

Nachdem sich Bund und Länder auf Lockerungen im öffentlichen Leben verständigt haben, arbeiten viele Unternehmen an Rückholplänen für ihre Beschäftigten. Dabei geht es vor allem um die Umsetzung von Hygienekonzepten und Abstandsregeln, die verpflichtend sind.

"Wir leben weiter in der Pandemie, deshalb müssen nicht-erforderliche Kontakte in der Belegschaft und mit Kunden vermieden werden, allgemeine Hygienemaßnahmen umgesetzt und die Infektionsrisiken bei erforderlichen Kontakten durch besondere Hygiene- und Schutzmaßnahmen minimiert werden", heißt es in dem Beschluss, auf den sich die Bundeskanzlerin mit den Länderchefs am Mittwoch verständigt hat - genau darum geht es jetzt in den Planungsstäben der Firmen. Unterstützung kommt von den Berufsgenossenschaften und von den Unfallversicherungsträgern, die später auch kontrollieren, ob die Vorgaben eingehalten werden.

"Mit Kurzarbeit sichern wir Arbeitsplätze, und mit dem Arbeitsschutz schützen wir die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und fahren Beschäftigung wieder hoch", sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) der Süddeutschen Zeitung. "Wir haben wochenlang in nie dagewesener Einigkeit die Gesundheit unserer Bevölkerung verteidigt. Jetzt müssen die Unternehmen die Gesundheit am Arbeitsplatz sichern. Unsere Arbeitsschutzstandards sind dafür die Grundlage", so Heil.

Bereits am 23. April hatte das Bundesarbeitsministerium mit den Sozialpartnern, Ländern und der gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) ein Konzept mit den wesentlichen Regeln vorgelegt. Außerdem wurde ein "Corona-Arbeitsschutzstab" eingerichtet, der einmal wöchentlich tagt. Damit soll ein kontinuierlich hohes und einheitliches Schutzniveau für Beschäftigte erreicht werden, die wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Das ist die Maßgabe für alle Firmen.

Beim Autobauer BMW heißt es, man habe "alle technischen und organisatorischen Maßnahmen getroffen, um den Betrieb sukzessive wieder hochzufahren". Zurzeit würden Führungskräfte und Mitarbeiter intensiv geschult - die Regieanweisung dafür hat 89 Seiten und heißt "Handbuch zum Betrieb unter Corona-Rahmenbedingungen". In den Fluren und auf den Treppen sind "Einbahnstraßen" abgeklebt, damit sich die Menschen nicht zu nahe kommen.

Zurzeit sind bei BMW 30 Prozent der Büromitarbeiter physisch in den Büros und Abteilungen. Es gilt das Prinzip der "rollierenden Anwesenheit" - ein Teil des Teams bleibt im Home-Office, ein anderer Teil kann ins Büro gehen. "In den kommenden Wochen wollen wir stufenweise die Anwesenheitsquote im Betrieb erhöhen", so eine Sprecherin. Nur so könne man "unsere organisatorischen und technischen Maßnahmen überprüfen und sukzessive anpassen, bevor der Normalbetrieb zu 100 Prozent wieder aufgenommen werden kann".

"Sukzessive" gehen sie auch bei Osram vor, wie Vorstandschef Olaf Berlien am Donnerstag ankündigte. In der Produktion sei die Arbeit größtenteils weitergelaufen, betroffen vom Home-Office waren bisher in erster Linie Bürojobs. Zuletzt hatten 95 Prozent der Büromitarbeiter von Osram von zu Hause aus gearbeitet, nur fünf Prozent waren da noch am Arbeitsplatz. Kurzfristig sieht der Osram-Plan nun vor, dass ein Drittel der Angestellten wieder regelmäßig ins Büro kommt. Bei Siemens will man sich dagegen noch Zeit lassen. 130 000 Siemensianer weltweit arbeiten in diesen Tagen statt im Büro von zu Hause aus, während man in den Werken den Betrieb mit strengen Sicherheitsvorkehrungen weitgehend aufrechterhalten konnte. Auch die Münchner Zentrale sei noch weitgehend leer. Wichtig sei hier, so ein Sprecher, dass es zu keinen großen Menschenansammlungen komme und man "nicht zusammen mit dem Lift" fahre.

Immer mehr Beschäftigte wollen wieder in der Firma arbeiten und nicht mehr daheim

Bei Metro gibt es bereits einen konkreten Zeitplan. Von Montag an lockert der Handelskonzern seine Regeln. Das gilt für die gut 2000 Beschäftigten in der Zentrale in Düsseldorf, die Mitte März nach dem Bekanntwerden eines Coronafalls ins Home-Office geschickt wurden. Unternehmenschef Olaf Koch sagte am Donnerstag in einer Telefonkonferenz: "Wir fahren die Präsenz graduell wieder hoch." Von nächster Woche an soll die physische Anwesenheit im Büro wieder bis zu 30 Prozent erreichen. Dies geschehe aber nur auf der Basis von Freiwilligkeit. Viele Mitarbeiter seien ausgenommen: solche mit Kindern, Vorerkrankungen oder diejenigen, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen seien. In der Zentrale seien viele Hygienevorkehrungen getroffen worden. Alle Meetingräume blieben weiterhin geschlossen. Zur "neuen Normalität" gehöre, dass Sitzungen weiter per Videokonferenz abgehalten werden. "Wir haben unglaublich viel dazugelernt", sagte Koch. Möglichst viel wolle Metro davon in die Zeit nach Corona mitnehmen. Der Anteil der digitalen Arbeit werde, so die Erwartung der Konzernsitze, im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit dauerhaft deutlich zunehmen.

Viele Beschäftigte zieht es inzwischen wieder in die Büros. Der Anteil derer, die nicht von zu Hause aus, sondern in der Firma arbeiten wollen, steigt. "Mehr und mehr unserer Leute wollen das", sagte Puma-Chef Björn Gulden. "Die Leute kommen von selber."

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Die Deutsche Bank hat nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg fast die Hälfte ihrer Filialen bereits wieder geöffnet. Auch bei den deutschen Regionalbanken haben die Planungen begonnen, wie eine Umfrage von Bloomberg zeigt. Die hessische Landesbank Helaba will Teams von Abteilungen aufteilen und abwechselnd in der Bank beziehungsweise im Home-Office einsetzen. Bei der genossenschaftlichen DZ Bank soll die Arbeit im Home-Office bis zum 18. Mai verlängert werden. Derzeit arbeiten etwa 90 Prozent der Mitarbeiter daheim. "Wir beschäftigen uns natürlich mit der Rückkehr", sagte eine Sprecherin. Diese dürfte schrittweise erfolgen. Auch die Deka-Bank hat nach eigenen Angaben einen stufenbasierten Plan zur Rückkehr der Mitarbeiter. Bei der Norddeutschen Landesbank arbeiten sie ebenfalls daran, wie der Gang zurück in die Normalität vonstattengehen kann, erklärte ein Sprecher. Und die BayernLB will ihr Konzept den Mitarbeitern Mitte oder Ende Mai vorstellen. "Das A und O dabei sind Abstandsregeln im Büro", hieß es.

Firmen sollen die Arbeit im Home-Office weiter ermöglichen, wenn dies machbar sei, heißt es in dem jüngsten Beschluss der Bundeskanzlerin und der Länderchefs. Das jedoch ist nicht in jedem Job möglich. Freddy Adjan, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), sorgt sich deshalb um die Gesundheit der Beschäftigten in der Gastronomie. "Die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten haben die Wiedereröffnung des Gastgewerbes durchgesetzt und tragen jetzt die Verantwortung, dass dabei in ihren Ländern nichts schiefgeht", so Adjan. Was die Kontrolle der Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen angehe, müsse "akribisch geplant" werden. Es brauche klare Regeln, wer, wann und wie die Vorgaben in den Restaurants, Hotels und Biergärten kontrolliert.

© SZ vom 08.05.2020/mxh
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