Süddeutsche Zeitung

Wirtschaftsforscher:Corona trifft die deutsche Konjunktur härter als gedacht

Um sich aus der Krise zu kämpfen, braucht die Wirtschaft länger als bislang angenommen. Das schätzen die führenden Konjunkturforscher.

Von Cerstin Gammelin, Berlin

Die Pandemie trifft die deutsche Wirtschaft und den Arbeitsmarkt trotz massiver staatlicher Hilfen härter als noch im Frühjahr angenommen. Das Herbstgutachten der Bundesregierung korrigiert am Mittwoch die Prognose für dieses und kommendes Jahr um jeweils gut einen Prozentpunkt nach unten. Sie erwarten nun, dass im laufenden Jahr das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 5,4 Prozent zurückgeht, bezogen auf den Vorjahreszeitraum. Im kommenden Jahr könnte die Wirtschaft auf niedrigem Niveau um 4,7 Prozent wachsen, 2022 dann um 2,7 Prozent. Frühestens Ende nächsten Jahres werde das Vorkrisenniveau der Wirtschaftsleistung wieder erreicht, schreiben die Gutachter.

Diese Herbstprognose ist eine gemeinschaftliche Arbeit führender deutscher Wirtschaftsinstitute. Dazu gehören die Institute DIW Berlin, Ifo München, IfW Kiel, IWH Halle und RWI Essen. Sie wird im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums zweimal jährlich erstellt.

Die Konjunkturforscher führen im wesentlichen zwei Gründe für die korrigierte Prognose an. Die wirtschaftliche Erholung verlaufe deutlich langsamer als im Frühling angenommen. Das liegt vor allem daran, dass unsicher ist, wie schlimm die Pandemie verlaufen wird. Die Unsicherheit trifft vor allem Dienstleistungsbranchen, die in besonderem Maße auf soziale Kontakte angewiesen sind, dazu gehören Gaststätten und Tourismus, das Veranstaltungsgewerbe, aber auch der Luftverkehr. Viele Menschen nehmen diese Dienstleistungen gerade nicht in Anspruch, weil sie Sorge haben, infiziert zu werden.

Der zweite große Grund für die schlechtere Entwicklung ist, dass Unternehmen zögern, zu investieren. Auch hier herrscht Unsicherheit, etwa was Lieferketten betrifft, aber auch Absatzmärkte. Die Exporte sind in der Krise besonders deutlich eingebrochen, schreiben die Gutachter.

Nach ihrer Ansicht dürfte die deutsche Wirtschaft erst Ende 2022 wieder normal ausgelastet sein. Mit dem Aufholen des wirtschaftlichen Einbruchs seien die Krisenfolgen aber keineswegs ausgestanden, sagte Stefan Kooths, Konjunkturchef des IfW Kiel. Derzeit sei nicht klar, welche längerfristigen Schäden die Pandemie hinterlassen werde und wie die massiven politischen Hilfsmaßnahmen wirken.

Die Konjunkturforscher erwarten, dass sich die Arbeitslosenquote in diesem und im kommenden Jahr bei 5,5 bis knapp sechs Prozent einpendelt. Trotz der massiven Kurzarbeit seien bis zur Jahresmitte ungefähr 820 000 Stellen verloren gegangen, schreiben sie. Seither steige die Zahl der Erwerbstätigen wieder leicht an. Die Konjunkturprogramme hätten dazu beigetragen, dass die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte auch in der akuten Krise insgesamt stabil geblieben sind. Insgesamt führten die staatlichen Hilfen dazu, dass Deutschland dieses Jahr mit einem Rekorddefizit von 183 Milliarden Euro abschließen werde. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der deutsche Staat auch in den kommenden beiden Jahren mit 118 Milliarden Euro beziehungsweise 92 Milliarden Euro beträchtliche Fehlbeträge wird finanzieren müssen.

Die Gutachter betonen, dass das größte Risiko der ungewisse Pandemieverlauf ist. Grundlage für die Prognose ist, dass die Infektionsschutzmaßnahmen im kommenden Sommer soweit ausgesetzt werden können, dass sie die wirtschaftliche Entwicklung nicht mehr nennenswert beeinträchtigen. Wie viele Unternehmen in dieser Pandemie Insolvenz anmelden müssten, sowohl im In- als auch im Ausland, sei derzeit schwer vorauszusehen. Am Dienstag hatte die Bundesbank mitgeteilt, dass sie mit einer Pleitewelle im ersten Quartal des kommenden Jahres rechnet. Sie geht davon aus, dass mindestens 6000 Unternehmen in Deutschland Insolvenz anmelden könnten. Sie forderte die Banken dazu auf, sich auf diese Insolvenzwelle vorzubereiten.

Unsicherheit gibt es auch wegen der schwelenden Handelskonflikte. Die Gutachter verweisen darauf, dass die wirtschaftliche Erholung besser verlaufen könnte, wenn die angeschwollenen privaten Ersparnisse vermehrt in Konsum fließen würden. Schon vor der Pandemie hatte das deutsche Wirtschaftswachstum in besonderem Maße darauf beruht, dass private Verbraucher mehr konsumierten als in den Jahren zuvor.

Korrektur: In einer früheren Version hieß es fälschlicherweise, das Herbstgutachten werde auch von den sogenannten Wirtschaftsweisen erstellt. Richtig ist: Das Herbstgutachten wird von führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten erstellt. Die Wirtschaftsweisen sind ein anderes Gremium.

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