bedeckt München 17°
vgwortpixel

US-Wirtschaft:Es ist naiv zu glauben, dass sich die Wirtschaft schnell erholen wird

Coronavirus Pandemic Causes Climate Of Anxiety And Changing Routines In America

Die Angst vor der Infektion fegt Kundenparkplätze leer: Die Walt Whitman Shops in South Huntington auf Long Island, New York.

(Foto: Bruce Bennett/AFP)

Die Fixierung Deutschlands auf den Export, die mangelhaften Sozialsysteme Südeuropas, der weltweit wachsende Nationalismus: All diese Dinge werden durch Corona zu großen Problemen.

Es ist ein schöner Buchstabensalat, den Konjunkturdeuter dieser Tage da auftischen: Die einen sagen voraus, dass die Wirtschaftsentwicklung im Corona-Jahr 2020 einen V-förmigen Verlauf nehmen wird, andere prognostizieren eher ein U oder ein W. Dem einfachen Arbeitnehmer konnte der kleinliche Akademikerstreit lange Zeit egal sein, denn in der entscheidenden Frage herrschte ja Einigkeit unter den Experten: Die großen Volkswirtschaften werden sich einigermaßen rasch von den Widrigkeiten der Pandemie erholen.

Womöglich werden die Fachleute jedoch schon bald feststellen, dass das Konjunkturalphabet um ein Zeichen erweitert werden muss: den Swoosh, jenes Logo des Sportartikelherstellers Nike, das zunächst kräftig nach unten schwingt und dann langsam, sehr langsam wieder nach oben strebt. Denn die Hoffnung vieler Politiker und Unternehmer, dass sich der Konjunktureinbruch zügig wird wettmachen lassen, weil das wirtschaftliche Fundament ja intakt sei und es sich "nur" um einen "externen Schock" handle, erweist sich zunehmend als naiv.

Der Corona-Absturz droht stattdessen in eine quälend langsame Erholungsphase zu münden, die sich bis Mitte des Jahrzehnts ziehen könnte. Dabei sind die direkten Folgen der Kontaktbeschränkungen, der Laden- und Fabrikschließungen noch nicht einmal das Problem. Was den Keim ökonomisch gesehen so gefährlich macht, sind vielmehr die permanente Ungewissheit, die seine schiere Existenz schürt und der mögliche Gewöhnungseffekt in Sachen Reise- und Konsumunlust. Aber vor allem auch die ungeheure Brutalität, mit der das Virus Lieferketten zertrümmert und strukturelle Defizite offenlegt: Deindustrialisierung, Importabhängigkeit und marode öffentliche Infrastruktur in den USA, die Fixierung Deutschlands und Chinas auf den Export, mangelhafte Sozialsysteme in Italien und Spanien, hohe private und öffentliche Schulden in vielen Industrie- und Schwellenländern.

Die noch größere Gefahr geht allerdings gar nicht vom Virus selbst aus, sondern von Eiferern und Populisten. Denn so sinnvoll es ist, wenn Unternehmen Lieferketten diversifizieren und Staaten medizinische Notausrüstung wieder stärker daheim produzieren lassen, so fatal wäre es, wenn das Ergebnis der Krise Nationalismus und Kleinstaaterei wären. Arbeitsplätze lassen sich ja mitnichten einfach "nach Hause holen", wie Scharlatane vom Schlage eines Donald Trump es den Menschen vorgaukeln. Realistischer ist vielmehr, dass Firmen alles tun werden, um die drastisch höheren Lohnkosten zu vermeiden, die bei einer Rückverlagerung der Produktion ins Inland drohen. Zum Beispiel indem sie die Automatisierung ihrer Fertigung massiv vorantreiben - zulasten der Arbeitnehmer.

Vielleicht - das ist zumindest ein Hoffnungsschimmer - werden die Erfahrungen mit der Pandemie aber auch dazu führen, dass die Menschen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit durchschauen und erkennen, wie wichtig ein funktionierendes Staatswesen und ordentliche politische Führung für das Funktionieren einer Gesellschaft sind. Solch ein politischer Stimmungswandel hätte auch wirtschaftliche Auswirkungen. Erste Hinweise darauf, ob die Hoffnung berechtigt oder doch naiv ist, wird der 3. November liefern: Dann müssen die US-Amerikaner entscheiden, ob sie künftig von einem kompetenten Präsidenten regiert werden möchten - oder weiter von Donald Trump.

© SZ.de/mxh/vit
Bill Gates, Melinda Gates

SZ Plus
Melinda Gates über die Coronakrise
:"Wäre ich Bürgerin von Deutschland, ich wäre schrecklich stolz"

Melinda Gates über einen weltweiten Plan für Covid-19, den deutschen Umgang mit der Krise und ihre Hoffnung, dass wir in zwei Jahren wieder in einer Art Normalität leben könnten.

Interview von Kathrin Werner

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite