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Ansteckungsgefahr:Wie das Virus die deutsche Wirtschaft trifft

Wuhan Huoshenshan Hospital Completed As Planned

Bauarbeiter mit Mundschutz: Unter Hochdruck wird in der chinesischen Stadt Wuhan ein Krankenhaus gebaut. Es soll 1000 Betten fassen und vor allem Menschen helfen, die an dem Coronavirus erkrankt sind.

(Foto: Getty Images)

In China dürfen viele Beschäftigte derzeit nicht in ihre Arbeit gehen - sie könnten sich dort infizieren. Das hat Folgen für deutsche Firmen.

Von Elisabeth Dostert und Thomas Fromm

Selbst in Zeiten des Coronavirus, in denen Börsen abstürzen können, weltweit Mitarbeiter von betroffenen Firmen zu Hause bleiben und Fluggesellschaften nicht mehr nach China fliegen, selbst in solchen Zeiten gibt es aus der Wirtschaft noch ein paar Meldungen, die durchaus positiv gemeint sind. Zum Beispiel diese hier des Kölner Unternehmens Lanxess. In einer Mitteilung vom Montag pries der Spezialchemie-Konzern ein hauseigenes Desinfektionsmittel mit dem Namen "Rely+On Virkon". Da es "derzeit keinen Impfstoff gegen den Erreger gibt, ist Desinfektion entscheidend", teilt das Unternehmen mit. Das betreffende Produkt sei "wirksam gegen das Coronavirus", und so arbeite man "mit Hochdruck" daran, "zusätzliche Produktmengen" zu liefern.

Ein Virus tobt, und ein Unternehmen mit dem richtigen Desinfektionsmittel zur richtigen Zeit kommt kaum noch nach mit der Produktion. Und ist damit dann doch eher die Ausnahme.

Denn am Montag, dem ersten Börsentag in China nach der einwöchigen Feiertagspause wegen des chinesischen Neujahrsfests, zeigte sich erst einmal, wie ansteckend diese Lungenkrankheit auch für die Wirtschaft ist. Um acht bis neun Prozent stürzten Chinas Aktienmärkte ab - die Angst, eine weitere Verbreitung des Coronavirus könnte die chinesische Wirtschaft längere Zeit abwürgen, sitzt tief. Experten rechnen für die nächste Zeit sogar mit weiteren Panikverkäufen.

Milliarden für Finanzmarkt

Um das Schlimmste zu vermeiden, setzt die Regierung in Peking auf eine Reihe von Stützungsmaßnahmen, unter anderem eine Riesen-Geldspritze - laut dem Finanzdienst Bloomberg die größte des Landes seit 2004: Insgesamt 1,2 Billionen Yuan, rund 174 Milliarden Dollar, pumpt die Zentralbank in den Markt.

Längst spüren auch ausländische Unternehmen die Probleme. Es beginnt damit, dass China wegen der Ausbreitung des Virus immer isolierter ist. Lufthansa etwa will China-Flüge noch länger ausfallen lassen: Lufthansa sowie die Töchter Swiss und Austrian Airlines nehmen ihre Verbindungen von und nach Peking bis 29. Februar aus dem Plan, hieß es am Montag. Die Ziele Nanjing, Shenyang und Qingdao sollen sogar bis zum Ende des Winterflugplans am 28. März nicht mehr angeflogen werden. Konkret heißt das nun für den gesamten China-Betrieb: 54 China-Flüge in der Woche aus Deutschland, der Schweiz und Österreich fallen ersatzlos aus.

Auch für den Maschinenbaukonzern Kuka aus Augsburg, der etwa 1400 Mitarbeiter in China beschäftigt, ist das, was in China passiert, nicht unwichtig. In der besonders stark betroffenen Provinz Hubei mit der Hauptstadt Wuhan hat Kuka zwar kein Werk, dafür aber Standorte in Shanghai, Kunshan und Foshan. "Wir nehmen die Sache ernst. Wir haben eine Fürsorgepflicht für die Mitarbeiter", sagt eine Sprecherin. Sie warnt allerdings vor Panikmache. Kuka habe "Vorkehrungen" getroffen. Die arbeitsfreien Tage seien bis zum 10. Februar verlängert worden. "Soweit möglich, arbeiten die Kolleginnen und Kollegen in China in dieser Woche aus dem Homeoffice."

Webasto-Zentrale eine weitere Woche geschlossen

Schon in der vergangenen Woche habe das Unternehmen ein Reiseverbot nach China verhängt. Auch Besuche aus China - von Kuka-Mitarbeitern, von Beschäftigten des chinesischen Eigentümers Midea, von Besuchern und Kunden - seien abgesagt worden oder würden verschoben. Mitarbeiter, die sich in den vergangenen zwei Wochen dienstlich oder privat in China aufgehalten hätten, seien gebeten worden, zwei Wochen zuhause zu arbeiten. Für entsandte Mitarbeiter von Kuka, die in China arbeiten und ausreisen wollten, organisiere Kuka die Rückkehr und übernehme auch die Kosten. Bislang haben wenige dieser Mitarbeiter den Wunsch geäußert.

Beim bayerischen Autozulieferer Webasto aus Stockdorf bei München, wo sich das Virus bereits im Januar über eine chinesische Kollegin verbreitete, hat man nun beschlossen: Wegen der aktuellen Entwicklung soll die Zentrale in Stockdorf mindestens noch bis einschließlich 11. Februar geschlossen bleiben. "Inzwischen sind insgesamt sieben unserer Mitarbeiter in Deutschland positiv auf den Coronavirus getestet", sagt Webasto-Chef Holger Engelmann. Man habe "daher beschlossen, dass ein Großteil der mehr als 1 000 Mitarbeiter weitere neun Tage von zuhause arbeitet". Nur ein Krisenstab von höchstens 20 Leuten, alle auf das Virus getestet, sei in der Zentrale, wo nach wie vor die Fäden für das internationale Geschäft zusammenliefen. Die Bayern gehören zu jenen Unternehmen, die direkt in Wuhan eine große Fabrik betreiben. Allerdings sei das wirtschaftliche Leben in der Stadt weitgehend stillgelegt. Und da auch die Arbeit von Webastos wichtigstem Kunden vor Ort, dem französischen Autobauer PSA (Peugeot), stark eingeschränkt sei, müsse man auch nicht auf alternative Lieferketten zurückgreifen, so eine Sprecherin.

Zu spüren dürften die Virus-Krise viele bekommen - vom Einzelhandel bis hin zur Autoindustrie. Vor allem die deutschen Autobauer, für die China längst wichtigster Absatzmarkt und Produktionsstandort zugleich ist. BMW und Volkswagen hatten ihre Werksferien zum chinesischen Neujahr bereits verlängert. Aber je nachdem, wie lange Chinas Straßen und Städte nun leer bleiben, dürfte sich dies schwer in den Bilanzen von Audi und Co. niederschlagen.

Einem Bericht des Nachrichtensenders CNBC zufolge sollen inzwischen mindestens 24 Provinzen und Regionen Chinas betroffenen Unternehmen empfohlen haben, ihre Arbeit nicht wieder vor dem 10. Februar aufzunehmen. Nun soll es nicht um irgendwelche Regionen gehen: Zusammengenommen sollen sie im vergangenen Jahr für 80 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts und 90 Prozent aller Exporte gestanden haben.

© SZ vom 04.02.2020/hgn

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