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Coronavirus:Wie weltweit nach einem Impfstoff gefahndet wird

Coronavirus-Impfstoff. Forschung bei Curevac

Forschung bei Curevac. Die Tübinger Biotechnologie-­Firma geriet nicht nur wegen ihrer Arbeit an einem Impfstoff in die Schlagzeilen, sondern auch wegen Gerüchten, die USA wollten Curevac kaufen.

(Foto: Andreas Gebert/Reuters)
  • Es ist ein globales Wettrüsten um einen Coronavirus-Impfstoff im Gange.
  • Nur einen Tag nachdem sich in den USA jemand einen potenziellen Impfstoff freiwillig spritzen ließ, meldete das chinesische Staatsfernsehen, dass ein Forschungsteam eine klinische Studie durchführen soll.
  • Allein in China arbeiten 1000 Wissenschaftler an mindestens neun unterschiedlichen Behandlungsansätzen.

Jennifer Haller, 43 Jahre alt, Mitarbeiterin eines Start-ups und Mutter zweier Teenager, war am vergangenen Montagmorgen die Erste, der am Kaiser-Permanente-Forschungsinstitut in Seattle das Mittel mRNA-1273 mit einer Spritze in den Arm verabreicht wurde. Sie ist nun weltweit Versuchsperson Nummer eins auf der Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Das völlig zufällig gewählte Gesicht eines Milliardenrennens.

Anders als bei der Entwicklung von Impfstoffen oft üblich, gewinnt die amerikanische Biotechnologiefirma Moderna mRNA-1273 nicht aus Bestandteilen des eigentlichen Erregers. Vielmehr kopierten Forscher den Teil des Corona-Gencodes, der für die Entstehung eines Proteins mit dem treffenden Namen "Stachel" sorgt, und ermöglicht, dass das Virus an menschliche Zellen andocken kann. Die künstlich gewonnene Boten-RNA ist nun Hauptbestandteil des Impfstoffs. Wird dieser injiziert, stellt der Körper das für sich genommen wohl harmlose Protein selbst her - und im Anschluss die zugehörigen Antikörper gleich mit. Infiziert sich der Geimpfte mit dem Coronavirus, so die Idee, warten die Antikörper schon auf den Feind und machen ihn unschädlich. Mithilfe Hallers und drei weiterer Probanden wollen die Forscher in den kommenden Wochen herausfinden, ob sich ihr Weg als gangbar erweist. Ob das gut geht? Für eine solche Prognose ist es noch viel zu früh.

Sehr wenige Firmen werden vorne dabei sein, weltbekannt werden

Fest steht aber: Es ist ein globales Wettrüsten um einen Coronavirus-Impfstoff im Gange. Nur einen Tag nachdem Haller sich den potenziellen Impfstoff freiwillig spritzen ließ, meldete das chinesische Staatsfernsehen, dass ein Forschungsteam unter der Leitung von Generalmajorin Chen Wei, einer führenden Epidemiologin an der Akademie der Militärmedizinischen Wissenschaften, eine klinische Studie durchführen soll. Alleine in der Volksrepublik arbeiten 1000 Wissenschaftler an mindestens neun unterschiedlichen Behandlungsansätzen.

Weltweit sind nach Angaben des Verbandes der forschenden Pharma-Unternehmen sogar mindestens 47 Impfstoffprojekte angelaufen. Nicht nur Biotechnologiefirmen in Asien, den Vereinigten Staaten und Europa suchen nach einem wirksamen Mittel, auch Universitäten und wissenschaftliche Institute, darunter das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung, das vom schwedischen Karolinska-Institut geführte Konsortium "Opencorona", das israelische Biological Research Institute, die australische University of Queensland und die britische University of Oxford.

Sie alle eint, dass sie das größte medizinische Problem dieser Tage lösen wollen, vor allem aber ist es auch eine gewaltige ökonomische Wette. Ein, zwei, vielleicht drei Unternehmen werden am Ende vorne dabei sein und einen Impfstoff in Rekordzeit entwickelt haben. Aus einem eingesetzten Forschungsbudget von einigen Millionen Euro wird ein Milliarden-Deal, Firmen und Labore, die heute vielleicht noch kaum einer kennt, werden womöglich über Nacht zu Börsen-Schwergewichten.

In Kalifornien fehlen Test-Affen. Zu viele Labore haben gerade Bedarf

Bereits Anfang Januar ging dieser Wettstreit los. Kurz nachdem chinesische Wissenschaftler die Genomsequenz des neuartigen Coronavirus entschlüsselt und im Internet veröffentlicht hatten, luden sich Forscher überall auf der Welt den Datensatz herunter und speisten ihn in ihre Computer ein. Was früher Monate dauerte, können heute spezielle Programme in Tagen, wenn nicht gar in Stunden berechnen: Ein digitales Modell des Impfstoffs. Wenig später werden dann im Labor die ersten Liter hergestellt. Die großen Hürden sind die notwendigen Testreihen.

In Deutschland berät das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) Unternehmen bei der Entwicklung von Impfstoffen und biomedizinischen Arzneimitteln zur Therapie. Das PEI ist für die Genehmigung klinischer Studien zuständig, also der Anwendung am Menschen von Impfstoffen in Deutschland sowie für die Zulassung und Prüfung von Impfstoffen in Deutschland und Europa. Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, hält es für ausgeschlossen, dass noch in diesem Jahr ein Impfstoff in Europa zugelassen wird.

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Meist wird zunächst an Mäusen getestet und dann an Primaten. In Kalifornien, erzählt ein Investor, sei es gerade sehr schwierig, an Affen zu kommen. Zu viele Labors, die zur selben Zeit auf einem ähnlichen Stand sind. Wer jetzt ein paar Wochen verliert, für den kann das Rennen rasch vorbei sein. Auch das Coronavirus selbst ist ein Problem für die Forscher. Zu zweit oder zu dritt arbeiten sie nun in vielen Laboren, streng von einander getrennt. Nicht, dass die Forschung ausfällt, weil wegen eines Verdachtsfalls die gesamte Mannschaft für 14 Tage in Quarantäne muss.

Auch bei Curevac, einem Unternehmen aus Tübingen, haben sie sich abgeschottet.

An den Schiebetüren am Firmensitz hängt ein Plakat: "Wir sind nicht unhöflich, wir sind umsichtig", steht darauf in Hellblau-Orange, den Farben des Unternehmens. "Derzeit verzichten wir auf das Händeschütteln und schenken allen ein Lächeln."

Gesprochen wird nur am Telefon: "Das hat uns am Sonntagmorgen getroffen wie ein Bus", erzählte der Interims-Chef Franz-Werner Haas, in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am vergangenen Dienstag. Er meint den Bericht der Welt am Sonntag, wonach US-Präsident Donald Trump einen von Curevac entwickelten Impfstoff exklusiv für die Vereinigten Staaten kaufen wollte - oder gleich das ganze Unternehmen. Die Aufregung war entsprechend groß. Inzwischen haben die Investoren eine Absage erteilt. Curevac kennt man seitdem im ganzen Land.

"Wir wollen unter den Ersten sein und einer der besten", sagte Haas, dennoch sei er froh, dass es viel Konkurrenz gebe: "Wenn mehrere Produkte auf den Markt kommen könnten, gäbe es nichts Besseres." Die anderen Firmen verfolgten teilweise einen anderen technologischen Ansatz, es sei also nicht ausgeschlossen, dass fast gleichzeitig verschiedene Patente angemeldet werden.

Dass der Allererste auch das allergrößte Geld machen wird, steht jedoch wohl außer Zweifel.

© SZ vom 23.03.2020/hgn
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