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Corona-Infodemie:Prof. Dr. Verschwörung

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Stefan Homburg, hier fotografiert am vergangenen Samstag am Rande der Demonstration in Stuttgart, ist Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen der Leibniz-Universität Hannover.

(Foto: Arnulf Hettrich/imago)

Wilde Behauptungen, keine Belege: Der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg hat sich unter die Querfront gemischt, die die Corona-Kontaktbeschränkungen für Willkür hält. Er bekommt dort viel Applaus.

Von Bastian Brinkmann

Stefan Homburg ist ein kluger Kopf, er formuliert druckreif und zitiert an der passenden Stelle Aristoteles. Homburg leitet das Institut für Öffentliche Finanzen der Leibniz-Universität Hannover, seine Stimme wird in der wirtschaftspolitischen Debatte gehört. Kurz: Homburg ist kein ungehobelter Covidiot, keiner von denen, die die ganze Corona-Krise für eine irre Verschwörung halten. Aber er tritt vor ihnen auf, sie applaudieren ihm. Auf Demos und in Youtube-Videos greift Stefan Homburg die von Bund und Ländern beschlossenen weitgehenden Kontaktbeschränkungen an und wird dafür von den querfrontlerischen Gruppen beklatscht, die sich um dieses Thema sammeln. Viele sind erfreut, einen "Prof. Dr." auf ihrer Seite zu haben. Homburg spricht in seinen Äußerungen in der Regel nicht von "Kontaktbeschränkungen". Er nennt die Maßnahmen einen "Lockdown".

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Am vergangenen Wochenende war Homburg als Redner bei einer Demonstration auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart, an der laut Polizei rund 5000 Menschen teilnahmen, laut Veranstalter waren es deutlich mehr. Über die derzeit viel beachteten Veröffentlichungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) sagte Homburg auf der Bühne: "Diese ganzen Statistiken sind Lügen." Homburgs Auftritt wurde von Fans auf Youtube geteilt. Schon die Erwähnung seines Namens bei der Ankündigung löste auf dem Wasen Jubel aus. Am Ende seines Auftritts verglich er die jetzige Situation mit der Anfangszeit des Nationalsozialismus in Deutschland. "Wir haben jetzt leider gesehen, wie fragil unsere demokratische Ordnung ist, und wie schnell so etwas, was in den 1930er-Jahren passiert ist, jederzeit wieder passieren kann", sagte er.

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In einer Youtube-Sendung behauptete Homburg, die am 22. März beschlossenen Kontaktbeschränkungen hätten keinerlei Auswirkungen auf die Verbreitung des Virus gehabt. Das Video wurde Mitte April veröffentlicht und mittlerweile mehr als 1,1 Millionen Mal aufgerufen. Homburg berief sich für seine Behauptung auf einen vom RKI errechneten Wert der Reproduktionszahl R. Sie zeigt an, wie viele Menschen eine infizierte Person im Schnitt ansteckt. Laut der RKI-Rechnung lag R unter der entscheidenden Schwelle von eins, kurz bevor Bund und Länder sich auf Rahmenbedingungen zur Kontaktbeschränkungen einigten. Homburg ignorierte, dass der gezeigte R-Wert aus diversen Gründen ungenau sein kann, also lediglich eine Schätzung darstellt. Andere Modelle kommen zudem zu anderen, höheren R-Werten vor den Kontaktbeschränkungen. Und viele Leute haben schon in Erwartung des Beschlusses freiwillig Abstand gehalten, was den Wert ebenfalls vermutlich fallen gelassen hat. All das ist gut dokumentiert und öffentlich ausführlich diskutiert. Doch solche Abwägungen berücksichtigte Homburg nicht in seinem Youtube-Auftritt. Stattdessen baute er auf dieser einen Infografik seine Argumentation auf, dass die Kontaktbeschränkungen nicht nötig gewesen seien. Die selektive Wiedergabe von Informationen ist ein typisches Mittel in Verschwörungsmythen.

Homburg behauptete in dem Video, dass die Bundesregierung die Lage so sehe wie er. "Die Eliten wissen um den wahren Sachverhalt", sagte er. "Bundesgesundheitsminister Jens Spahn weiß: Das Ganze ist für ihn oder mich überhaupt nicht gefährlich", behauptete er. Das Video bewirbt Homburg über einen Link auf seiner offiziellen Universitätswebseite.

Ende April trat Homburg auf einer Demo in Hannover auf, ein Fan hat ein Video davon bei Youtube veröffentlicht. Darin rückte Homburg die deutsche Regierung in die Nähe einer Diktatur. "Wir haben jetzt hier eine Art chinesisches Politikmodell", sagte er, die Zuschauer applaudierten, einer rief "Faschismus"; auf Nachfrage am Telefon sagt Homburg, er teile diese Einschätzung.

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In seiner Rede schürte er auch Angst vor Impfungen, ein häufiger Bestandteil von Corona-Verschwörungsmythen. Er legte einen Zusammenhang zwischen anderen Impfungen und der Corona-Pandemie nahe und berief sich - ebenfalls typisch für Verschwörungsmythen - auf scheinbare Autoritäten, deren Angaben aber nicht überprüft werden können: Ein norditalienischer Arzt habe ihm gemailt, erzählte Homburg, es habe in Bergamo im Januar Massenimpfungen gegeben. Homburg sagte, das könne ein Grund für den Covid-19-Ausbruch sein, das müsse man mal genauer recherchieren. Verschwörungsmystiker stellen häufig rhetorische Fragen, um Hypothesen öffentlich zu machen, für die es keinerlei belastbare Indizien gibt: Das wird man doch wohl noch fragen dürfen.

Er mischte unbelegte Vorwürfe mit legitimen Kritikpunkten und Abwägungen

In Hannover sagte Homburg außerdem: "Es wird garantiert zu einer Zwangsimpfung kommen." Dabei wird das von allen zuständigen Politikern bestritten. Nach Belegen für diesen vermeintlichen Plan gefragt, antwortet Homburg, dass er auf Twitter den SPD-Politiker Karl Lauterbach dazu gefragt hätte, und Lauterbach hätte nicht reagiert. Homburg hat, wie alle Anhänger der Impfpflicht-Behauptung, keine Belege.

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In einem Interview am Rande der Demonstration in Hannover Ende April warf Homburg den regierenden Politikern vor, einen Aufstand zu provozieren. "Irgendwann führt das in eine schlimme, bürgerkriegsartige Situation, wenn die Landesregierungen und die Bundesregierung nicht endlich einlenken", sagte Homburg in einem Video, das ein Fan online gestellt hat. Dass Virologen und Politiker das Tragen von Gesichtsmasken erst ablehnten und dann empfahlen, ist für ihn kein Ausdruck von Lernfähigkeit, von Reflexion oder von einem politischen Diskussionsprozess. Er vermutet etwas anderes dahinter: "Für mich sind das Sklaven-Masken, mit denen die Bevölkerung psychisch niedergehalten werden soll", sagte er in die Kamera. Wie in vielen Verschwörungsbeiträgen mischte Homburg unbelegte Vorwürfe mit legitimen Kritikpunkten und Abwägungen, er erwähnte etwa das zeitweise lokal geltende Verbot, auf einer Parkbank ein Buch zu lesen, oder die schwierigen Entscheidungen darüber, ob und welche Operationen verschoben werden sollten oder nicht.

Homburg kann seine Behauptungen sehr eloquent vortragen und ausführlich darüber reden, für das Gespräch mit der SZ nahm er sich eine Stunde und 45 Minuten Zeit, um viele Punkte zu besprechen. Die entscheidende Frage beantwortet er aber nicht: Warum hat die Bundesregierung Kontaktbeschränkungen beschlossen, wenn sie doch angeblich weiß, dass das nichts bringt? "Das ist eine Frage für Untersuchungsausschüsse und Staatsanwaltschaften", sagt Homburg. Er wolle nicht Vermutungen in die Welt setzen. Auch auf Nachfrage will er keinen Grund nennen. "Wenn hinterher herauskommt, es ist ein ganz anderer Grund, stehe ich im Regen und bin in meinem Beruf beschädigt", sagt er. Diese für sein ganzes Konstrukt so entscheidende Stelle bleibt damit offen. Auch bleibt ohne Erklärung, warum so viele Regierungen der Welt zum gleichen Schluss gekommen sind und auf Kontaktbeschränkungen setzen. Dazu sagt Homburg, dass auch alle in den Ersten Weltkrieg gerutscht wären.

Homburg tritt nicht nur offensiv auf. Ein paar Tage nach dem Auftritt in der Youtube-Sendung war Homburg dort wieder zu Gast. Diesmal gab er sich beschwichtigend. Er habe nicht alle Maßnahmen zur Eindämmung kritisiert, etwa die Absage von Großveranstaltungen, sondern er wende sich nur gegen den "Lockdown". Welche der sonstigen Maßnahmen gegen den Keim geholfen hätten, das könne er nicht einschätzen, da müssten "Fachwissenschaftler" ran.

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Keine drei Wochen nach Veröffentlichung dieses beschwichtigenden Videos trat Homburg in Stuttgart auf, vor den Tausenden Menschen auf dem Wasen, viele von ihnen kamen mit Verschwörungsplakaten und Anti-Impf-Zeichen - und Homburg sprach auf derselben Bühne wie ein anderer Redner nach ihm, der die Corona-Pandemie mit Auschwitz verglichen hatte.

© SZ vom 14.05.2020
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