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Kunststoffe:Die Welt braucht Plastik, aber anders

Coronavirus - Schutzmasken aus dem 3D-Drucker

Eine Schutzmaske wird von einem 3D-Drucker produziert. Gedruckt werden die Masken aus einem biegsamen Kunststoff.

(Foto: dpa)

Spuckschutz, Maske, Elektronik: Ausgerechnet das umstrittene Plastik hat in der Corona-Krise gezeigt, wofür es gut ist. Umso wichtiger, dass Kunststoff künftig nachhaltiger produziert und verwendet wird.

Kommentar von Benedikt Müller-Arnold

Plastik, war da was? Seit langem gilt es als geboten, gar als modern, den Verbrauch von Kunststoff im Alltag zu reduzieren. Die EU erhöhte schon voriges Jahr den Druck und beschloss erste Verbote von Einwegplastikartikeln; sie sollen 2021 in Kraft treten. Denn die Herstellung und der Umgang mit Kunststoffen stehen - oft berechtigt - in der Kritik.

Und doch hat die Corona-Pandemie gezeigt, wie wichtig und akzeptiert Plastik auch sein kann: Wenn Firmen Plexiglasplatten aufstellen, um Infektionen zu vermeiden. Wenn 3-D-Drucker Atemschutzmasken aus Kunststoff formen. Wenn Gastronomen ihre Mahlzeiten in Plastik verpackt ausgeben. Wenn viele Menschen Elektronik für das Home-Office kaufen, die zu einem Gutteil aus Kunststoff besteht. Ganz zu schweigen von Einmalhandschuhen und sterilen Verpackungen im Gesundheitswesen.

Ausgerechnet das umstrittene Plastik hat in der Krise bewiesen, wofür es gut ist: Es ist leicht, bruchsicher und dank glatter Oberflächen einfach zu reinigen. Im Anbetracht der Pandemie scheint eine Welt ohne Plastik in noch weiterer Ferne als ohnehin schon - wenn man bedenkt, wie viel Kunststoff die Industrie benötigt für Auto- oder Flugzeugteile, als Baustoff oder Dämmung. Mit der Weltbevölkerung könnte auch der Bedarf an Plastik weiter steigen. Doch umso wichtiger bleibt der Appell, dass Kunststoffe dringend nachhaltiger produziert und verwendet werden sollten. Denn die Corona-Krise hat auch dazu geführt, dass etwa zehn Prozent mehr Plastikmüll in hiesigen Tonnen gelandet ist, wie es vom Grünen Punkt heißt. In Deutschland wird bislang aber nur weniger als die Hälfte allen Plastiks am Ende wieder verwendet. Weltweit funktioniert der Kunststoffkreislauf noch viel zu schlecht. Stattdessen landet zu viel Müll auf Deponien oder im Meer.

Die EU legt nun abermals nach und plant eine Abgabe von 80 Cent je Kilogramm nicht recycelten Plastikverpackungsabfalls. Diese soll von nächstem Jahr an gelten und ist ein Teil des neuesten Corona-Hilfspakets. Dies kann freilich nur ein Element des Wandels sein, der auf vielen Ebenen gleichzeitig nötig ist. Zum einen auf der individuellen Ebene: dass Plastikprodukte möglichst mehrmals anstatt nur einmal verwendet werden und möglichst lang- statt kurzlebig sein sollten. Ein weiteres Problem ist, dass viele Menschen ihren Abfall noch immer ungenügend trennen, auch in Deutschland. Allerdings sollten zum anderen auch große Plastikverwender weiter daran arbeiten, ihre Produkte so zu designen, dass der Kunststoff am Ende überhaupt wiederverwertbar ist. Dies scheitert bislang etwa an komplexen Kombinationen mehrerer Schichten oder Materialien.

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Der niedrige Ölpreis infolge der Corona-Krise setzt das falsche Signal

Und vor allem: Recycling sollte weltweit attraktiver - und ja: auch lohnender - werden. Große Hoffnungen ruhen etwa darin, Plastikabfälle in ihre chemischen Bestandteile zu zerlegen. Derlei Anlagen brauchen aber nicht nur Energie, idealerweise erneuerbare. Es muss sich zudem lohnen, Müll zu Recyclingfabriken und das sogenannte Rezyklat zurück zu Herstellern zu transportieren. Tatsächlich brauchen Produzenten künftig größere Anreize, solche Rezyklate einzusetzen, anstatt immer neues Plastik aus Erdöl herzustellen. Der niedrige Ölpreis infolge der Corona-Krise setzt da genau das falsche Signal. Der Markt für Rezyklate sollte größer und stabiler werden.

Große Verwender - beispielsweise Hersteller von Autos, Elektronik oder Kosmetik - können diesen Wandel vorantreiben, indem sie gezielt nachhaltige Kunststoffe nachfragen. Das kann wiederverwertetes Plastik sein - oder auch Kunststoffe, die aus CO₂-Emissionen anderer Fabriken oder nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Und sollte all das nicht ausreichen, könnte der Staat neben der nun geplanten EU-Abfallsteuer den Markt mit steigenden Mindestquoten für nachhaltiges Plastik ins Laufen bringen. Die Menschheit wird auch in Zukunft Plastik brauchen, das zeigt die Corona-Krise. Doch sie ist dafür verantwortlich, Kunststoffe künftig nachhaltiger herzustellen und zu nutzen.

© SZ vom 22.07.2020

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