Süddeutsche Zeitung

Corona-Opfer:Drei Kunden in zehn Stunden

Ohne Messen, Volksfeste und Geschäftsleute stehen bis zu 90 Prozent der Taxi-Unternehmen vor der Pleite. Die Verbände fordern deshalb einen staatlichen Rettungsschirm für die Branche. Den Bund könnte das einen dreistelligen Millionenbetrag kosten.

Von Benjamin Emonts

Rüfat Cakir zündet sich noch eine Zigarette an - die Zeit dazu hat er locker. Sein Taxi steht auf Platz neun von elf in einer parkenden Kolonne am Münchner Hauptbahnhof. Es ist kurz nach 14 Uhr, der nächste Kunde, so schätzt er, werde wohl nicht vor fünf in sein Auto steigen. Drei Fahrgäste in zehn Stunden seien inzwischen leider die bittere Realität, sagt Cakir, pro Schicht mache er höchstens 50 bis 60 Euro. Er klingt fast schon fatalistisch. "Ich komme nur noch, weil mir sonst langweilig zu Hause ist."

Cakir fährt seit 20 Jahren Taxi, er hat schon andere schlechte Zeiten, etwa in der Finanzkrise, überstanden, doch die Corona-Krise stelle das alles in den Schatten. Das Unternehmen seines Sohnes, für das er heute fährt, habe inzwischen eines von zwei Fahrzeugen stillgelegt, damit es keine Kosten mehr produziert. Wenn ein Wagen vor der Krise noch 7500 Euro Umsatz gebracht habe, so seien es jetzt 1500. "Es ist schlimm", sagt Cakir. Doch in der Familie hielten jetzt alle zusammen. "Wir sind sehr glücklich, dass meine Frau noch in Vollzeit arbeiten darf."

Die Taxi-Branche durchlebt in diesen Wochen ihre bislang wohl schwierigste Zeit. "Angesichts der jetzigen Umsatzeinbrüche müssen wir zahlreiche Unternehmensinsolvenzen befürchten. So eine Situation gab es noch nie", sagt Michael Müller, der Präsident des Bundesverbandes Taxi und Mietwagen. Nach Zahlen der Genossenschaft Taxi Deutschland fürchten die etwa 250 000 Taxifahrer, eine der größten Niedriglohngruppen des Landes, um ihre Existenz. Ein Großteil der 21 000 Taxi-Kleinunternehmer steht vor der Pleite. Ohne weitere Staatshilfen, so schätzt Müller, müssten bis zu 90 Prozent ihre Konzessionen zurückgeben. In Zeiten ohne Partys, Volksfeste, Messen, Konzerte, Sportveranstaltungen, Berufsreisende und Gastronomie hat die Branche wesentliche Existenzgrundlagen verloren.

Viele Betriebe können den Mindestlohn ihrer Angestellten nicht mehr zahlen

Die Zahlen klingen entsprechend verheerend. Taxi-Präsident Müller schätzt den Umsatzrückgang der Branche auf 75 bis 85 Prozent; von 90 000 Taxis sei nur noch etwa die Hälfte in Betrieb. Manche Unternehmen haben ihr Geschäft ganz aufgegeben, andere ihre Belegschaft in Kurzarbeit geschickt. Den Mindestlohn geschweige denn die Umsatzbeteiligungen für ihre Angestellten können die meisten Unternehmer jedenfalls nicht mehr zahlen. Während sich Einzelunternehmer durch Selbstausbeutung noch eher über Wasser halten können, trifft die Krise die größeren Taxi-Betriebe besonders schwer.

Das gilt auch für den 57-jährigen Unternehmer Frank Benner. Seine Heimatstadt Frankfurt am Main war bisher kein schlechtes Pflaster für seinen mehr als 30 Jahre alten Betrieb. Die Finanzmetropole besuchten 2019 fast sechs Millionen Geschäftsleute und Touristen, die vom Flughafen oder Bahnhof chauffiert werden wollten. Allein Geschäftsleute hatten an Benners Tagesumsatz einen Anteil von 80 bis 85 Prozent; die Besucher der Frankfurter Messen sorgten für bis zu 50 Prozent zusätzlichen Umsatz. Die Krise aber ließ sie nun alle verschwinden, ganz abgesehen von Nachtschwärmern, Fußballfans und den Nutzern des vielfältigen Kulturprogramms der Stadt.

Die laufenden Kosten drohen Benners Betrieb nun zu erdrücken: Er könne die Fahrzeugflotte nicht mehr lang finanzieren, sagt er. Benner hat den Großteil seiner 55 Mitarbeiter bereits in Kurzarbeit geschickt, weil die wenigen Fahrten überwiegend mit Dialysepatienten und Krebskranken, die zur Bestrahlung oder Chemotherapie müssen, zur Auslastung nicht mehr reichten. Seine Flotte aus zwölf Mercedes- und zwei Elektro-Autos der Marke Tesla ist kaum noch zu finanzieren. Pro Auto zahlt Benner monatlich Raten von 1000 Euro an den Hersteller. Hinzu kommen 500 Euro Versicherung, 500 Euro Taxi-Vermittlung, 200 Euro Kfz-Steuer und jeweils 100 Euro Platzgebühren für Bahnhof und Flughafen. Inklusive aller Löhne sowie der Miete für sein Geschäft summieren sich die monatlichen Kosten auf 55 000 Euro.

Die staatliche Soforthilfe von bislang 70 000 Euro werde die laufenden Ausgaben folglich nur eine kurze Zeit decken und auch seine über Jahrzehnte angesparten Rücklagen seien spätestens Ende Juni aufgebraucht, sagt Benner. "Ich kann meine Angestellten dann nicht mehr bezahlen."

Der Druck lastet nicht nur auf ihm. Viele Kollegen seien depressiv und verzweifelt, weil sie nicht wüssten, wovon sie ihre Familien ernähren sollen. Das lange Warten auf Kundschaft mache den Mitarbeitern zu schaffen, gleichzeitig hätten manche Angst, sich an den Fahrgästen mit dem Coronavirus zu infizieren. "Ich versuche, Zuversicht zu vermitteln und psychische Aufbauarbeit zu leisten", sagt Benner. "Ich will nicht in Panik geraten."

Die Taxi-Unternehmer bauen Trennscheiben ein, um vor Ansteckung zu schützen

Um die Krise zu überstehen, suchen die Taxifahrer bereits neue Wege. Bundesweit übernehmen sie Kurierfahrten, besorgen Medikamente und erledigen Einkäufe für ihre Kunden, wobei lediglich die Warenkosten und der Taxitarif berechnet werden. Auch das bargeldlose Zahlen per App oder Karte wird forciert. Der Schutz vor Ansteckung steht dabei über allem. Fast alle Dienstleister haben zwischen vorderer und hinterer Sitzbank Trennscheiben einbauen lassen. Sie achten penibel auf Desinfektionsmaßnahmen, die Maskenpflicht ihrer Mitfahrer und die geltenden Fahrgastbeschränkungen. Erlaubt sind pro Fahrzeug derzeit lediglich zwei Gäste, die hinten Platz nehmen müssen. Kommt eine dritte Person hinzu, muss ein Großraumtaxi bestellt werden.

Die Kundschaft bleibt trotz der Maßnahmen aus. Viele arbeiteten nun im Homeoffice und hätten schlichtweg keinen Bedarf, berichten die Fahrer. Auch nach der Krise, so befürchtet Benner, werden die Leute wohl weniger Geld für das Taxifahren ausgeben. Als erstes, das habe schon die Finanzkrise 2009 gezeigt, sparten die Leute beim Essengehen und bei Taxis. "Wir spüren konjunkturelle Krisen immer zuerst."

Wie also soll es weitergehen? Die Autohersteller kommen den Taxi-Betrieben teilweise entgegen, indem sie Raten stunden - doch die Probleme schiebe das lediglich auf, sagt Benner. Aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden von Taxi Deutschland, Dieter Schlenker, reichen die staatlichen Soforthilfen und Kreditprogramme nicht aus. "Die Situation ist gruselig, ein Albtraum für alle", sagt er. Schlenker fordert vom Staat einen Rettungsschirm, um das Überleben der Branche zu sichern. Sie sei genauso "systemrelevant" wie etwa der öffentliche Nahverkehr, der staatliche Subventionen erhalte. Bundesverbandspräsident Müller sieht die Sache ähnlich. "Die notwendige Grundabsicherung mit Mobilität liegt im öffentlichen Interesse."

Der Bundesverband arbeitet jetzt an einem Konzept, wie ein solcher Rettungsschirm aussehen könnte, das dann den zuständigen Ministerien vorgelegt werden soll. Um das Überleben zwölf Monate zu sichern, sei ein mittlerer dreistelliger Millionenbetrag nötig. Müller denkt dabei auch über langfristige Ausfallbürgschaften der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) nach. Kompensationen könnte es für Unternehmer geben, die ihren Betrieb mit umweltfreundlicher Technik modernisieren.

Die Politik, so hat es die Branche länger gefordert, hat die Beschränkungen des öffentlichen Lebens inzwischen gelockert. Der Frankfurter Unternehmer Benner aber kann bislang keinen Aufschwung erkennen. Die Zeit tickt gegen seinen Betrieb. Wann und wie es wieder aufwärts gehen soll, kann ihm keiner sagen, auch der Münchner Rüfat Cakir nicht. Er verbringt gerade viel Zeit mit Kaffeetrinken und Gesprächen mit den Kollegen. Das Oktoberfest, auf das sie sich in München immer verlassen konnten, fällt dieses Jahr aus. Cakir und den anderen bleibt nur abzuwarten. Wie so oft, in diesen Tagen.

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Quelle:
SZ vom 12.05.2020
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