bedeckt München 23°

Covid-Bekämpfung:EU will rasch neue Corona-Arzneien entwickeln

Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides will die Entwicklung neuer Corona-Arzneien fördern.

(Foto: John Thys/AP)

Schon im Oktober sollen drei neue Medikamente zugelassen sein. Zudem will die EU-Kommission Forschung und Fabriken fördern, damit sich Probleme bei der Impfstoffbestellung nicht wiederholen.

Von Björn Finke, Brüssel

Aus eins mach vier - und dann ganz schnell sechs. Bislang haben die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA und die EU-Kommission nur ein Arzneimittel gegen Corona zugelassen: Remdesivir des US-Konzerns Gilead. Bis Oktober sollen drei weitere folgen, bis Jahresende vielleicht noch zwei. Diese ehrgeizigen Ziele gab Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides aus, als sie am Donnerstag in Brüssel eine Strategie für Covid-Arzneien vorstellte. Die Behörde will unter anderem klinische Studien fördern, die Genehmigungsverfahren vereinfachen und den Aufbau von flexibel einsetzbaren Fertigungskapazitäten unterstützen.

Bisher hat sich die Kommission vor allem auf die Förderung und Beschaffung von Covid-Vakzinen konzentriert. Die neue Arzneimittel-Strategie soll diesen Ansatz ergänzen. "Vakzine sind wichtig, aber können nicht unsere einzige Antwort sein", sagte Kyriakides in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung und einigen ausländischen Medien. "Das Virus wird weiter zirkulieren, und wir müssen damit klarkommen, genau wie mit dem Grippevirus." Impfungen reichten nicht, Fortschritte bei der Behandlung seien ebenfalls nötig: "Wir müssen die Genesung beschleunigen und Krankenhausaufenthalte verkürzen, wir müssen Leben retten und denen helfen, die langfristige Beeinträchtigungen davongetragen haben."

Über diese Langfristfolgen - Long Covid genannt - habe sie im persönlichen Gespräch viel erfahren, sagte Kyriakides: "Ich hatte im vergangenen Jahr die Möglichkeit, mit Leuten zu reden, die Covid überstanden haben, und da wurde mir sehr klar, dass eine bedeutende Zahl von Patienten Wochen oder sogar Monate nach Ende der Infektion Symptome wie Müdigkeit, Schlaf- oder Konzentrationsstörungen zeigt." Die Strategie solle auch bei der Entwicklung von Medikamenten gegen diese langfristigen Symptome helfen.

Neben Geldspritzen für klinische Studien sieht dieses Konzept vor, vielversprechende Wirkstoffe zu identifizieren und deren rasche Markteinführung zu unterstützen. Nach Angaben der Kommission steht die Arzneibehörde EMA bei 57 potentiellen Covid-Arzneimitteln in Kontakt mit Herstellern. Bis Juni will die Kommission die fünf besten Kandidaten auswählen.

Die Behörde will wieder für alle Staaten bestellen

Kyriakides möchte auch Lehren ziehen aus dem Ärger bei der Impfstoffbeschaffung: "Bei den Vakzinen haben wir die Erfahrung gemacht, dass es nach Bewältigung der schwierigen Phasen mit Forschung und klinischen Studien genauso herausfordernd sein kann, Produktionskapazitäten zu finden." Die Impfkampagne der EU lief schleppend an, weil der Pharmakonzern Astra Zeneca viel weniger Dosen als vereinbart geliefert hat. Grund waren Probleme in einem belgischen Werk - und die Tatsache, dass es nicht möglich war, schnell woanders die Fertigung hochzufahren.

Die Kommission möchte daher analysieren, wo bei Arzneilieferketten und -fabriken Schwachpunkte liegen. Die Behörde will Pharmakonzerne, die Kapazitäten frei haben, mit jenen zusammenbringen, die welche suchen. Außerdem wird die Kommission 40 Millionen Euro Startfinanzierung leisten, um flexible Fertigungskapazitäten in Europa aufzubauen. Schon im Februar hatte die Kommission versprochen, in Europa verteilt solche Kapazitäten zu schaffen, auf welche die EU im Krisenfall rasch zugreifen kann, um Medikamente oder Vakzine zu produzieren. Diese Notreserve soll Teil von Hera sein - das ist die englische Abkürzung für die geplante Europäische Behörde für die Krisenvorsorge und -reaktion bei gesundheitlichen Notlagen. Hera soll sicherstellen, dass Europa bei einer künftigen Pandemie besser vorbereitet ist.

Daneben kündigte Kyriakides an, bis Jahresende drei weitere Gemeinschaftsbestellungen für Covid-Arzneien aufzugeben, die dann an die Mitgliedstaaten verteilt werden. Bereits im vorigen Jahr hatte die Behörde auf diese Weise Remdesivir geordert. Doch wenn die Strategie aufgeht, sollen ja bald auch andere Mittel zugelassen sein.

© SZ/shs
Zur SZ-Startseite

Report
:Heilende Substanz

Impfstoffe sind wichtig, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Aber das reicht nicht. Es wird Menschen geben, die an Covid-19 erkranken. Sie brauchen Medikamente, die lindern und heilen. Viele Unternehmen arbeiten daran - wie Origenis und Immunic.

Von Elisabeth Dostert

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB