Süddeutsche Zeitung

Corona-Krise:Tag der Kurzarbeit

Für unglaubliche 10,1 Millionen Menschen wurde Kurzarbeit beantragt. Das zeigt: Die Wirtschaftskrise könnte noch viel heftiger werden, als viele Prognosen bisher schon schätzen.

Kommentar von Bastian Brinkmann

24 Stunden vor dem Tag der Arbeit findet in diesem Jahr der Tag der Kurzarbeit statt. Deutsche Firmen haben für 10,1 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Kurzarbeit angemeldet. Diese Zahl ist enorm hoch, sie übersteigt viele Prognosen. Bei rund 45 Millionen Erwerbstätigen entspricht sie fast jedem vierten Arbeitnehmer in Deutschland. Der überraschend hohe Wert steht für einen Trend in der Corona-Krise: Der ökonomische Schaden der Pandemie wird erst nach und nach sichtbar - und viele Prognosen könnten sich leider als zu optimistisch erweisen.

Auf die Kurzarbeit-Statistik der Bundesagentur für Arbeit haben viele gewartet. Sie ist eine der ersten belastbaren Rückmeldungen, wie schlimm diese Krise tatsächlich ist. Bislang müssen sich Wirtschaftsforscher vor allem auf Umfragen in Unternehmen stützen. Das ist eigentlich eine gute Methode, um möglichst früh herauszufinden, ob die Wirtschaft wächst oder schrumpft. Doch die Corona-Krise erschüttert die Unternehmen so sehr, dass die Ergebnisse dieser Umfragen stark schwanken und recht unsicher sind. Mehrere Umfragen haben die Zahl der Kurzarbeit nur halb so hoch prognostiziert, wie sie nun ist. Wobei auch die amtliche Statistik noch Unsicherheiten in sich trägt, wie alle Daten. Die 10,1 Millionen Menschen sind für Kurzarbeit angemeldet, das heißt: Die Firma kann immer noch entscheiden, ob dann auch tatsächlich kürzer gearbeitet wird oder nicht. Wie viele Menschen wirklich betroffen waren, weiß auch die Bundesagentur für Arbeit erst später.

Die 10,1 Millionen zeigen aber auch etwas Positives: Das Modell Kurzarbeit funktioniert. 308 000 Menschen haben sich wegen der Corona-Pandemie bislang arbeitslos gemeldet, die Zahl wird steigen. Das sind 308 000 schmerzhafte Schicksale. Die Betroffenen haben es jetzt besonders schwer, einen neuen Job zu finden. Oft wird es unmöglich sein, solange die Krise andauert. Das ist bitter. Für die Volkswirtschaft gilt trotzdem: Der Ansprung der Arbeitslosigkeit ist weit entfernt von amerikanischen Verhältnissen, wo bereits Dutzende Millionen Menschen arbeitslos geworden sind. Die Kurzarbeit hilft, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer aneinander festhalten, auch wenn der Betrieb gerade geschlossen wurde oder die Nachfrage kollabiert ist. Die Kurzarbeit kostet den Staat viele Milliarden Euro. Sie sind gut investiert.

Die Bundesregierung hat diese Woche beschlossen, das Kurzarbeitergeld zu erhöhen, wenn Beschäftige länger betroffen sind. Für die ersten Monate bleibt es dabei, dass der Staat 60 Prozent der Lohnlücke übernimmt. Nach vier Monaten kompensiert der Staat nun 70 Prozent, nach sieben Monaten 80 Prozent (wer Kinder hat, bekommt sieben Prozentpunkte mehr). Es wäre besser gewesen, hätte Schwarz-Rot beschlossen, das genau andersherum zu staffeln. Jetzt das Kurzarbeitergeld zu erhöhen, würde den Menschen in der Krise direkt mehr Geld bringen. Das stützt die Nachfrage, die sonst unter den sinkenden Löhnen leidet. Und schmilzt der staatliche Zuschuss über die Zeit hinweg, ist das ein Anreiz, sich nach ein paar Monaten in Kurzarbeit nach einem neuen Job umzuschauen, falls es dann welche gibt.

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Es ist für alle die erste globale Pandemie - auch für Wirtschaftsprognostiker

Wie schwer das Virus die deutsche Wirtschaft treffen wird, hängt von vielen Fragen ab, die derzeit keiner abschließend beantworten kann. Wann gibt es einen funktionierenden Impfstoff? Trifft Deutschland vorher eine zweite Infektionswelle? Wann können die besonders betroffenen Branchen wieder arbeiten, die Tourismusindustrie, die Fluggesellschaften, die Gastronomie? Wie viele Firmen gehen während der Pandemie pleite, wie viele Arbeitsplätze verloren?

Viele Konjunkturprognosen gehen davon aus, dass die Wirtschaft jetzt dramatisch abstürzt - aber sich dann in hohem Tempo erholt. Das gilt aber nur, wenn die relativ besseren Szenarien eintreten. Man kann es den Konjunkturforschern nicht vorwerfen, dass sie diese Fragen nicht beantworten können und für ihre Rechnungen schätzen müssen, wie es ausgehen könnte. Anders geht es nicht. Die Ökonomen sagen auch stets, dass ihre Prognosen unsicher sind (ob dabei auch immer zugehört wird, liegt nicht nur an ihnen).

Kommt ein Impfstoff später, gehen viele Firmen insolvent, geraten gar Banken und EU-Staaten in Not, dann sehen die Rechnungen viel düsterer aus. Wichtig ist es, zu bedenken, dass es auch schlimmer kommen kann, als derzeit von vielen Prognosen angenommen. Es ist für alle die erste globale Pandemie - auch für Wirtschaftsprognostiker.

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