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Volkswagen:Was der Auftritt von VW-Chef Diess über die Autobranche sagt

VW: Vorstandsvorsitzender Herbert Diess

VW-Chef Diess geht gerne mal zwischendurch ins Fernsehstudio, um den Zuschauern seine Meinung zu sagen.

(Foto: Silas Stein/dpa)

Das Gespräch in den "Tagesthemen" dreht sich um Boni, Dividenden und Milliardengewinne im vergangenen Jahr. Trotzdem fordert Herbert Diess Corona-Hilfen für die Automobilindustrie.

In der schon per se nicht gerade zimperlichen Autobranche gilt VW-Chef Herbert Diess als jemand, der eher zur härteren Sorte gehört. Vor Jahren zum Beispiel wollte der langjährige BMW-Manager mal Chef in München werden. Als das nicht klappte, wechselte er 2015 zu VW, wo er drei Jahre später Konzernchef wurde. Warum in München ewig in der zweiten Reihe stehen, wenn man es beim viel größeren Konzern in Wolfsburg nach ganz oben schaffen kann? Wenn es um große Ambitionen, Macht und Einfluss gehe, sagen Insider, sei man bei VW eh viel besser aufgehoben als bei den Kollegen im Süden. Immerhin wurde das Autoimperium aus Niedersachsen in den vergangenen Jahren von ebenso selbstbewussten und machtvollen wie auch stilprägenden Männern regiert. Von Chefs wie Ferdinand Piëch oder Martin Winterkorn.

Allerdings ist Diess einer, der sich nicht nur um Bilanzzahlen, Motoren, Fugen und Radstände kümmert. Es zieht ihn, anders als seine Vorgänger, regelmäßig auch ins Fernsehen. Von den Talkshows einer Maybrit Illner oder eines Markus Lanz bis zu den "Tagesthemen" - der 61-Jährige macht jedes Format. Und wenn er auftritt, geht es meistens nicht nur um Volkswagen, sondern oft auch ums große Ganze. Dann ist der Manager nicht nur Lobbyist in eigener Sache, sondern gleich irgendwie auch der Sprecher einer ganzen Branche. Dann spricht der Chef des weltgrößten Autobauers, der zuletzt gut zehn Millionen Fahrzeuge verkaufte, auch ein bisschen für die Kollegen von Daimler, BMW oder Opel mit.

So war das auch an diesem Montag, als er im "Tagesthemen"-Interview staatliche Förderungen der Autoindustrie forderte. "Wir brauchen dringend ein Konjunkturprogramm für die Autoindustrie", sagte Diess. Deutschland sei nun mal ein Autoland, und wenn man die Wirtschaft ankurbeln wolle, dann am besten bei den Autos. Der Verkauf eines Autos habe den Vorteil, dass er gleich eine ganze "Bestellkette" in Gang setze, sagte der VW-Chef. Das Auto als Mittelpunkt und Fixstern der deutschen Volkswirtschaft sozusagen.

Besonders neu waren weder Forderung noch Argumente. Interessant war vielmehr der Gesprächsverlauf, bei dem auch über Boni, Dividenden und die Milliardengewinne im vergangenen Jahr diskutiert wurde. Und die Frage, warum ausgerechnet wieder das Auto im Zentrum der Politik stehen soll. Ob eine allgemeine Senkung der Mehrwertsteuer im Grunde nicht sinnvoller wäre, will der Moderator wissen. Sie wäre zumindest branchenübergreifend. Und da wären schließlich noch sehr stark von der Krise betroffene Branchen wie die Gastronomie oder der Tourismus - sollte man denen nicht "den Vorzug lassen"? Insgesamt sei das alles eine "zulässige Diskussion", findet auch Diess. Natürlich könne man Konjunkturprogramme auch anders gestalten. Aber die Autoindustrie habe nun mal den größten Effekt mit all ihren Mitarbeitern, Zulieferern und Autohäusern. Außerdem sei die Senkung der Mehrwertsteuer eine "relativ teure Maßnahme".

Über all das ließ sich noch kontrovers diskutieren. Dann aber wurde das Ganze inhaltlich doch etwas komplexer. So bei der Frage, wie es denn mit Milliarden-Dividenden und Bonuszahlungen weitergehe in diesem Konzern, der mit den Großaktionären der Familien Porsche und Piëch außerordentlich wohlhabende Aktionäre hat. Müsse man das alles nicht vielleicht kürzen? "Als letztes Mittel" werde man sich das noch überlegen, antwortete Diess. Man habe "die endgültigen Beschlüsse noch nicht gefasst". Als letztes Mittel?

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Schließlich lobte der VW-Chef: Trotz seines milliardenschweren Abgasskandals hatte VW im Jahr 2019 schon wieder eines der erfolgreichsten Jahre in der Geschichte geschrieben - 20 Milliarden Euro Gewinn habe der Konzern aus Wolfsburg eingefahren. Dann bräuchte das Unternehmen ja eigentlich gar keine Hilfe, so der Einwand. Und was ist mit den Zehntausenden von Kurzarbeitern? Auch hier ist für Diess die Sache klar: Schließlich handele es sich um Milliardenbeiträge, die man in den vergangenen Jahren eingezahlt habe. Da müsse es in der jetzigen Krisensituation "erlaubt sein", Kurzarbeitergeld in Anspruch zu nehmen.

Der Mix aus Milliardengewinnen, Dividenden und der Forderung nach Absatzhilfen blieb nicht folgenlos. Der SPD-Politiker Kevin Kühnert twitterte, das VW-Management spiele "mit dem Feuer". Auch, weil man sich nun die gesamte Fahrzeugflotte mit Benzinern und Dieselfahrzeugen subventionieren lassen wolle - und nicht nur die umweltfreundlicheren Elektro- oder Hybridmodelle. Unterstützer in der Politik hat Diess jedenfalls. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern twitterte vor einigen Tagen: "Ich fordere 4000 Euro Neuwagenprämie, damit wir die Autoproduktion wieder hoch bekommen!" Eine der interessantesten Reaktionen auf Aiwanger kam von jener Hamburger Rechtsanwältin, die twitterte: "Ich fordere bedingungsloses Grundeinkommen, Kulturprämien für Theater und Co. und ein niedliches Alpaka für jeden!"

© SZ vom 29.04.2020/mxh
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