Süddeutsche Zeitung

Konjunktur:Wie die Politik die Folgen der Jahrhundertseuche mildern kann

Corona hat das Land wirtschaftlich beschädigt - aber es geht schon wieder aufwärts. Die Regierung muss sich nun um Gruppen kümmern, die besonders leiden: Frauen, Ungelernte, Leiharbeiter.

Kommentar von Alexander Hagelüken

So etwas hat die Bundesrepublik noch nicht erlebt. Durch Corona brach die Wirtschaft von April bis Juni so stark ein wie noch nie seit 1970, seitdem die Statistiker Quartalsdaten berechnen. Es gibt aber Hoffnung. Die Lage bessert sich bereits. Der ökonomische Schaden für die Deutschen lässt sich begrenzen, falls die Bundesregierung weiter das Richtige tut - und sich besser um die Verlierer der Pandemie kümmert.

Statistiken bleiben in vielen Fällen für die Menschen abstrakt, aber diese hier sind sehr konkret. Weil die Wirtschaft im zweiten Quartal um zehn Prozent schrumpfte, wird es ein bis zwei Jahre dauern, um wieder auf den alten Stand zu kommen. Das bedeutet weniger Einkommen für viele Deutsche. Es war trotzdem richtig, das öffentliche Leben und die Firmen stark einzuschränken, um die Pandemie einzudämmen. Länder wie die USA oder Brasilien, die das versäumten, leiden auch ökonomisch stärker. In Deutschland dagegen geht es schon wieder aufwärts.

Das liegt auch daran, dass die Bundesregierung viel mehr Geld als andere Länder ausgibt, um die Rezession zu bekämpfen. So ist der Absturz am Arbeitsmarkt bereits gestoppt. Im Juli nahm die Arbeitslosigkeit nur um wenige Zehntausend zu, was nichts mit Corona zu tun hatte. In den Sommerferien beschäftigen die Unternehmen stets weniger Leute als sonst.

Die Pandemie trifft einige Gruppen stärker als andere

Jetzt kommt es darauf an, dass sich die Volkswirtschaft dauerhaft erholt. Dafür muss die Bundesregierung ihre Milliardenhilfen überprüfen und klären, ob sie noch zielgenau wirken. Nicht alles hat sie in der Hand, die Exporte etwa. Aber wenn der EU-Wiederaufbauplan beschlossen wird, wäre der wichtigste Exportmarkt stabilisiert: Europa.

Als größtes Risiko erscheint im Moment eine flächendeckende zweite Infektionswelle. Es ist daher wirksame Wirtschaftspolitik, Maskenverweigerer zu stoppen und Urlauber zu testen. Dann geht auch die ökonomische Wette auf, dass die Firmen ihre Beschäftigten in Kurzarbeit schicken statt sie zu entlassen.

Die Bundesregierung hat noch eine Aufgabe. Es zeichnet sich ab, dass die Pandemie manche Gruppen ökonomisch stärker trifft. Leiharbeiter und Ungelernte verloren als erste ihre Jobs. Wer schlecht bezahlt im Restaurant oder Geschäft arbeitet, kommt mit Kurzarbeitergeld oft kaum über die Runden. Und das Verhältnis der Geschlechter erlebt einen Rückschritt. Vor allem Mütter reduzierten ihre Arbeitszeit, um den Kita- und Schulausfall zu kompensieren.

Aktiv und konsequent bleiben

Bei all dem sollte die Regierung gegensteuern, damit Corona keine dauerhaften wirtschaftlichen Narben hinterlässt. Viele Arbeitnehmer brauchen bessere Qualifizierung, um durch den digitalen Wandel nicht im Abseits zu landen. In der Gastronomie und bei anderen Dienstleistern braucht es mehr Tariflöhne, damit diese Beschäftigten mehr zum Leben haben. Und die Schulen müssen leisten, was der Rest der Gesellschaft vormacht: Präsenz zur Not durch Videoangebote zu ersetzen, damit gerade Mütter ihrem Beruf nachgehen können. Auch ist es höchste Zeit, arbeitende Eltern steuerlich zu fördern statt wie heute die Alleinverdiener-Ehe.

Kein Zweifel: Die Pandemie hat die Volkswirtschaft in einer Weise verwüstet, die sich vor wenigen Monaten niemand vorstellen konnte. Die Politik kann jedoch die Folgen der Jahrhundertseuche mildern. Dafür muss die Regierung allerdings aktiv bleiben - und konsequent.

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Quelle:
SZ vom 31.07.2020
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