Nicht Nächstenliebe hält die Wirtschaft am Laufen, sondern das Eigeninteresse ihrer Mitglieder. Diese Erkenntnis, die der große Adam Smith vor 245 Jahren aufgeschrieben hat, haben Kritiker und einige Apologeten des Kapitalismus missverstanden, so als seien Egoismus und Hartherzigkeit kapitalistische Tugenden. In Wirklichkeit ist das Wohlergehen jedes Einzelnen untrennbar mit dem seiner Mitmenschen verbunden. Adam Smith selbst hat zu dem Thema ein ganzes Buch geschrieben ("Die Theorie der ethischen Gefühle").
Selten ist dieser Zusammenhang so augenfällig gewesen wie heute in der Corona-Pandemie. Für alle, die in diesen Tagen gegen das Virus geimpft werden, ist das ein großes Glück. Sie sind zu 75 Prozent oder mehr vor Ansteckung sicher. Aber erst wenn zwei Drittel (manche sagen: drei Viertel) der Bevölkerung geimpft sind, wird wieder ein normales gesellschaftliches Leben möglich sein. Auch bereits Geimpfte haben daher ein massives Interesse daran, dass die Impfquote in Deutschland von derzeit knapp zehn Prozent schnell steigt.
Umso bedrohlicher, dass es viele Länder gibt, vor allem in Afrika, in denen noch überhaupt niemand geimpft ist. Viren kennen keine Staatsgrenzen, sie bilden Mutanten, die dann im schlimmsten Fall resistent gegen die vorhandenen Impfstoffe sind. Besonders alarmierend ist die Lage in Brasilien, dessen rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro die Pandemie ein Jahr lang ignoriert hatte. Jetzt ist die Seuche in dem Land völlig außer Kontrolle geraten. Eine besonders aggressive Mutante wütet, die Zahl der Toten steigt immer schneller.
Wenn Pharmafirmen ihren Patentschutz verlieren, ist das nur auf den ersten Blick hilfreich
"Wir sind nicht wirklich sicher, solange nicht alle in Sicherheit sind", sagte Angela Merkel vor einem Jahr. Niemand würde diesen Satz in Zweifel ziehen, und die Welt handelt auch danach. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Initiative "Covax" gegründet, die armen Ländern Zugang zu Impfstoffen verschaffen soll. Geld für Covax kommt von der EU, Deutschland und, seit der Abwahl von Donald Trump, vor allem von den Vereinigten Staaten. Viel Geld stammt auch von der Bill & Melinda Gates-Stiftung. Aber selbst wenn die Initiative ihr Ziel erreichen sollte und bis Ende des Jahres zwei Milliarden Dosen an arme Länder verteilt würden, wären danach nur 20 Prozent der Bevölkerung dort geimpft. Zu wenig, um die Welt sicher zu machen.
Einige Staaten und Nichtregierungsorganisationen fordern daher eine radikale Lösung: Biontech, Pfizer, Astra Zeneca und andere sollen den Patentschutz für ihre Impfstoffe sofort verlieren. Jede Pharmafirma auf der Welt könnte sie dann als Generika selbst produzieren. Normalerweise läuft der Patentschutz nach 20 Jahren aus. Das Thema ist ideologisch aufgeladen: "Das Monopol auf Impfstoffe tötet", erklärte eine linke Initiative dieser Tage. Wahrscheinlich müsste die Gesellschaft diesen Radikalismus aber teuer bezahlen. Wer würde noch Kapital und Lebenszeit in riskante Forschungen investieren, wenn er oder sie damit rechnen müsste, im Erfolgsfall teilenteignet zu werden? Zudem: Impfstoffe zu produzieren, ist ein hochkomplexer Prozess, die Fabriken dafür müssen erst einmal aufgebaut und die Fachkräfte ausgebildet werden. Das alles kostet Zeit.
Handeln, als wäre Krieg - samt Verbündeten und viel Geld
Vor diesem Hintergrund verdient ein Artikel in der Zeitschrift Foreign Affairs Beachtung. Unter der Überschrift "Amerika kann - und sollte die Welt impfen" fordern die Autoren, dass die USA das Virus "wie den Feind in einem Weltkrieg behandeln". Konkret sollten sie sich, zusammen mit ihren Alliierten, verpflichten, das Corona-Virus so schnell wie möglich auszurotten. Dazu sollten sie Fabriken, Geld und Menschen, einschließlich der US Army, in beispiellosem Umfang einsetzen.
Die Autoren gehören zum linksliberalen Establishment Amerikas: Die Ärztin Helene Gayle leitet den Chicago Community Trust, eine traditionsreiche Hilfsorganisation, sie hat auch für die Gates-Siftung gearbeitet; Gordon LaForge ist Sozialforscher an der Universität Princeton; die Politikprofessorin Anne-Marie Slaughter schließlich hat eine Zeit lang im Planungsstab des Außenministeriums unter Hillary Clinton gearbeitet. Zwar sei es richtig, zunächst die eigenen Leute zu impfen, notwendig sei aber ein "umfassender Ansatz". Für den gebe es viele Gründe: Mutanten aus armen Ländern können in die USA zurückkehren, außerdem sind Länder, in denen das Virus wütet, schlechte Handelspartner. Und schließlich die politischen Gründe: Sowohl die Volksrepublik China als auch Russland versuchen, über den Export von Impfstoffen ihre Einflusssphäre auszudehnen. Hier sollte Präsident Joe Biden gegenhalten, aber nicht mit den gleichen Mitteln. Von der westlichen Hilfe sollten alle Länder profitieren, auch dann, wenn sie geostrategisch unwichtig sind. Amerika sollte wieder "moralisch führen", heißt es in dem Artikel.
An der Stelle fällt einem ein oft gebrauchter und missbrauchter Begriff ein: Marshall-Plan. Der Plan für den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, der den Namen des Generals George Marshall trägt, beruhte auf genau dieser Mischung aus Altruismus und Eigeninteresse. Amerikanische Hilfe sollte dazu beitragen, dass Europa ein wirtschaftlich prosperierender Partner der USA wird, sie kam Siegern wie Besiegten zugute, und sie sollte vor allem den sowjetischen Diktator Josef Stalin in die Schranken weisen. Wie der eigentliche Erfinder des Plans, der legendäre Diplomat George Kennan gehofft hatte, wurde der Plan für die Europäer zum "Katalysator ihrer Hoffnung und ihres Vertrauens".
Heute klingen diese Worte Kennans wieder sehr modern.
