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Corona:Adrenalin für die Pharmabranche

Adlon Kongress 2020, Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

Nie zuvor haben sich Forscher schneller an die Entwicklung eines Impfstoffes gemacht als in dieser Pandemie. Das könnte sich bald auszahlen.

Von Elisabeth Dostert, München

Wann das Rennen begann, von dem viele sagen, es sei keines oder bestenfalls eines gegen die Zeit, lässt sich nicht genau sagen. Erste Berichte aus China über ein neues Virus gab es im Dezember 2019. Damals dachten viele noch, es werde wohl bei einem lokalen Ereignis bleiben. Aber das Virus breitete sich über das Land aus und zog von der Volksrepublik aus in die ganze Welt.

Ugur Sahin, Mitgründer der Mainzer Firma Biontech, sah schon im Januar 2020 die Pandemie voraus, lange bevor die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 11. März Corona zu einer solchen erklärte. Sahin und seine Frau Özlem Türeci machten sich ans Werk. Sie sind Unternehmer, aber vor allem Ärzte und Wissenschaftler. Sie wollen heilen oder zumindest Schmerzen lindern. Auf Basis der Boten-RNA, einer ihrer Technologien im Kampf gegen Krebs, entwickelten sie vier Impfstoffkandidaten gegen Sars-CoV-2. Die Boten-RNA enthält als genetische Information die Bauanleitung für einen kleinen, ungefährlichen Teil des Virus und löst dann im Körper eine Immunreaktion aus.

"Ich kenne keinen Fall in der Geschichte der Impfstoffentwicklung, in der Unternehmen schon einmal so schnell auf einen neuen Erreger reagiert haben", sagt Rolf Hömke vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Am 12. Januar veröffentlichte China die Gensequenz des Virus Sars-CoV-2. Nicht einmal zwei Wochen später meldete die ersten Firmen, einen Impfstoff entwickeln zu wollen, darunter die US-Konzerne Moderna, Novavax, Johnson & Johnson und Inovio. Auch das Tübinger Unternehmen Curevac preschte vor. Mittlerweile gibt es nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation weltweit mehr als 210 Impfstoffprojekte, knapp ein Viertel schon in einer klinischen Phase. Für die Pharmabranche wirkt das Virus wie Adrenalin.

Normalerweise zieht sich die Entwicklung von Arzneimitteln über Jahre und Jahrzehnte hin. Jetzt muss alles schnell gehen. Eine globale Krise im Ausmaß von Covid-19 habe die Entwicklung und die Zulassung von Impfstoffen komplett verändert, lässt sich Pfizer-Manager Peter Honig in einer Mitteilung von Biontech zitieren. Der US-Konzern und das deutsche Biotechunternehmen arbeiten zusammen. Der Dritte im Bunde ist der chinesische Konzern Fosun, ein Mischkonzern, der auch Medikamente macht. Kaum ein Unternehmen ist bei der Impfstoffentwicklung allein unterwegs.

Deutschland zähle zu den Nationen mit besonders vielen Projekten, sagt VFA-Mann Hömke. Biontech und Curevac mögen die prominentesten Beispiele sein, aber nicht die einzigen. Das Unternehmen Leukocare zum Beispiel, aus der Nähe von München, liefert die Formulierung für den adenoviralen, vektorbasierten Impfstoff der italienischen Firma Reithera. Wie eine Fähre transportiert ein lebendes Virus - es stammt in diesem Fall von Gorillas - ein Stück der Boten-RNA des Coronavirus in die Zellen, um dort eine Immunreaktion zu erzeugen. Ebenfalls mit Vektorviren arbeitet Prime Vector Technologies, eine Ausgründung der Universität Tübingen. Ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist der Impfstoff, an dem das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, die Universitäten München und Marburg, die Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf und die Firma IDT Biologika aus Dessau arbeiten.

Biontech könnte die erste Firma sein, die die Zulassung für einen Impfstoff bekommt. Genau genommen muss man sagen: die erste Firma aus der westlichen Welt. Schon Mitte August verkündete Russlands Präsident Wladimir Putin medienwirksam die Zulassung des Impfstoffes Sputnik V. Der Impfstoff gegen das Corona-Virus offenbart auch die Unterschiede zwischen Demokratien und Autokratien. Auch in China wird schon fleißig geimpft.

© SZ
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