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Biontech und Pfizer:Zwischen Hoffnung und Fakten

Corona-Impfstoff: Labor von Biontech in Mainz

Das Labor von Biontech: Das Unternehmen hat zusammen mit Pfizer bereits eine erste Zulassung für den Corona-Impfstoff erhalten.

(Foto: Michael Probst/AP)

Wie viele Dosen des Corona-Impfstoffs von Pfizer und Biontech können in diesem Jahr ausgeliefert werden? Die Börsen reagieren irritiert auf einen Bericht über die Unternehmen.

Von Elisabeth Dostert

Aktienkurse sind sensibel. Der Preis von Wertpapieren beruht auf Prognosen, Annahmen und Hoffnungen. Nichts davon muss sich erfüllen. Ein Bericht der US-Zeitung Wall Street Journal über Lieferschwierigkeiten hat die Papiere von Biontech und Pfizer deshalb nun spürbar belastet. Das Biotechnologieunternehmen aus Mainz und der Pharmakonzern aus New York sind in Sachen Corona seit Mitte März ein Paar. Sie entwickeln, produzieren und vermarkten gemeinsam Biontechs Impfstoff BNT162b2 gegen das neue Virus. Vor wenigen Tagen hat das Corona-Vakzin als weltweit erstes eine Notfallzulassung in Großbritannien erhalten. Auch in den USA und in der EU sind vorläufige Zulassungen beantragt. Die Hoffnung ist groß, dass diese noch vor dem Jahreswechsel erteilt werden könnten.

Nie zuvor wurde ein Impfstoff gegen einen neuen Erreger so schnell entwickelt. Seit Jahresbeginn, als die erste Meldungen aus China über Sars-CoV-2 kursierten, haben weit mehr als 200 Impfstoffprojekte begonnen. Zur Spitzengruppe, gemessen am Stand der klinischen Entwicklung und der Zulassung, zählen neben Biontech und Pfizer die US-Firma Moderna und die britische Paarung Astra Zeneca/Universität Oxford. Wie ein Seismograf reagierten die Kurse in den vergangenen Monaten auf neue Studiendaten, unerwartete Zwischenfälle - aber auch auf Berichte über Lieferkapazitäten und Produktionsprognosen.

Das zeigte sich nun: Das Wall Street Journal berichtete, Pfizer könne in diesem Jahr nur 50 Millionen Impfstoffdosen ausliefern, das sei etwa die Hälfte der "ursprünglich" geplanten Menge. Biontechs Aktienkurs sank um vier Prozent, auch der Kurs von Pfizer büßte spürbar ein. Doch was steckt eigentlich hinter der Nachricht von den Lieferschwierigkeiten?

Änderungen schon im November

Ein genauer Blick auf den Text des Wall Street Journal zeigt: Der Bericht bezieht sich auf Äußerungen von Pfizer "im vergangenen Monat". So neu, wie sie auf den schnellen Blick wirkt, ist die Nachricht also nicht. Dabei hatten Biontech und Pfizer im Sommer tatsächlich zunächst angekündigt, dass sie dieses Jahr 100 Millionen Dosen ausliefern wollten. So heißt es in der Mitteilung vom 22. Juli über eine Liefervereinbarung für bis zu 600 Millionen Dosen mit den USA am Schluss: "Die Unternehmen gehen derzeit davon aus, abhängig von der in klinischen Studien ermittelten endgültigen Dosishöhe weltweit bis Ende 2020 bis zu 100 Millionen Dosen und bis Ende 2021 möglicherweise mehr als 1,3 Milliarden Dosen herstellen zu können."

Diese Prognose hängt allerdings mit einer anderen zusammen, der für die Zulassung. "Wenn die laufenden Studien erfolgreich verlaufen, gehen Pfizer und Biontech davon aus, bereits im Oktober 2020 eine Notfallzulassung oder eine andere Form der behördlichen Genehmigung beantragen zu können." Die Prognose gilt deshalb auch noch am 27. Juli, als Pfizer und Biontech mitteilen, welchen der ursprünglich vier Impfstoffkandidaten sie für die klinische Phase 2/3 ausgewählt haben. Sie gilt auch noch am 31. Juli, als die beiden Firmen die Liefervereinbarung mit Japan über 120 Millionen Dosen veröffentlichen. Die Prognose hält sich den ganzen August und auch noch - jedenfalls so weit das die offiziellen Mitteilungen offenbaren - im September. Im Oktober veröffentlichen Biontech und Pfizer nur eine Pressemitteilung, in der sie bekannt geben, dass der sogenannte "Rolling-Review-Prozess" zur fortlaufenden Überprüfung des Impfstoffs bei der europäischen Arzneimittelbehörde Ema beginne. Angaben zur Produktion enthält diese Pressemitteilung nicht.

Wohl aber die vom 9. November. In der Mitteilung über eine "Zwischenanalyse" des Impfstoffkandidaten in der laufenden Phase 3 heißt es: "Auf der Grundlage aktueller Lieferprognosen gehen wir davon aus, weltweit bis zu 50 Millionen Impfstoffdosen im Jahr 2020 und bis zu 1,3 Milliarden Dosen im Jahr 2021 herzustellen." Seither ist offiziell bekannt, dass aus den ursprünglichen Plänen nichts wird.

Auf diese Mitteilung bezieht sich auch die Stellungnahme, die Biontech am Freitag veröffentlichte. Die Entscheidung sei damals "aufgrund sich ändernder Zulassungs- und Genehmigungspläne und anderer Faktoren getroffen worden". Ursprünglich "hatten wir angenommen, im Oktober aufgrund von erteilten Zulassungen beginnen zu können".

Das Wall Street Journal liefert auch die Gründe, warum sich die ursprüngliche Prognose zerschlagen hat. Es zitiert eine Sprecherin von Pfizer, der zufolge es länger gedauert habe, die Lieferkette für die Rohstoffe aufzubauen. Die Ergebnisse der klinischen Studien hätten sich verzögert. Einige der ersten Rohstoffchargen hätten die Qualitätsanforderungen nicht erfüllt, zitiert das Blatt eine beteiligte Person. Diese Probleme seien gelöst, hätten aber dazu geführt, dass das ursprüngliche Produktionsziel 2020 nicht mehr zu erreichen sei. Anders als gewöhnlich haben die Unternehmen noch vor der Zulassung des Impfstoffes mit dem Aufbau der Lieferketten und der Produktion begonnen, um schnell liefern zu können.

Aufgrund der aktuellen Prognosen "gehen wir nach wie vor davon aus", heißt es in der Stellungnahme, "dass wir im Jahr 2020 50 Millionen Dosen zur Verfügung stellen können und im Jahr 2021 bis zu 1,3 Milliarden Dosen produzieren werden". Es stünden Dosen für die Auslieferung nach Großbritannien und in andere Länder bereit. Die Unternehmen prüften weitere Möglichkeiten, die Kapazitäten 2021 "über die 1,3 Milliarden Dosen hinaus zu erhöhen".

Seit Jahresbeginn hat der Kurs von Biontech im Frankfurter Handel um mehr als 210 Prozent auf rund 97 Euro zugelegt. Das Unternehmen ist erst seit Herbst 2019 an der US-Technologiebörse Nasdaq notiert. Der Ausgabepreis lag damals bei 15 Dollar. Am Freitagabend hiesiger Zeit, dem Tag nach der Aufregung, lag er im Plus, bei etwa 120 Dollar.

© SZ
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