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Corona:Wie selbsternannte Unternehmensberater an Hilfsgeld gelangen wollen

Ein neues Programm des Bundeswirtschaftsministerium lockt Trittbrettfahrer an: Plötzlich tauchen Tausende Geschäftsleute auf, die sich Berater nennen und den Staat anzapfen wollen.

(Foto: Ben Rosett/Unsplash)

Die Krisen-Hilfe vom Staat hat eine Schattenseite: Das Geld lockt windige Geschäftsleute an. Mit einfachen Anträgen und professionellem Auftritt versuchen sie, Millionen zu kassieren.

Von Klaus Ott und Jörg Schmitt

Die beiden Berliner Berater, die Sorte, die ihre Kunden gerne auch mal duzen, gerieten schier aus dem Häuschen. "Du kriegst ... 4000 Euro geschenkt", jubelte das Duo in einem Video auf ihrer Webseite. Das mache "lukrative" Geschäfte in Corona-Zeiten möglich, heißt es bei einer Unternehmensberatung aus Ostdeutschland. Was kann Berater in wirtschaftlichen schweren Corona-Zeiten nur solche Glücksgefühle entlocken? Die Antwort lautet: Geld vom Staat. Firmen und Selbständige, die unter der Krise leiden, müssten sich dieser Tage nur einen passenden Berater suchen. Und dann diese 4000 Euro beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle beantragen. Als Zuschuss für die Beratung durch Spezialisten, um halbwegs gut und sicher durch die Krise zu kommen.

Doch das "Programm zur Förderung unternehmerischen Know Hows", das vom Bundeswirtschaftsministerium verantwortet wird, hat seine Schattenseiten. Die Aussicht auf schnelles und leicht verdientes Geld lockt nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR viele Geschäftemacher an, die sich Unternehmensberater nennen, deren Qualifikation aber zweifelhaft ist. Andere Beraterfirmen wiederum lassen nichts unversucht, möglichst viele Kunden zu möglichst vielen Zuschuss-Anträgen zu überreden. Fragwürdig ist beides. Start des Programm war Anfang April; bis zum 11. Mai sind nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums 27 534 Anträge eingegangen.

Das macht, legt man den maximalen Förderbetrag von 4000 Euro zugrunde, mehr als 100 Millionen Euro aus. Das Ministerium spricht von einer "unerwartet hohen Zahl an Anträgen". Im Bundeshaushalt sind laut Ministerium dieses Jahr 15,34 Millionen Euro für das neue Programm vorgesehen. Also nur ein kleiner Teil dessen, was viele Berater abgreifen wollen. Ausgezahlt worden sei bislang noch nichts, versichert das Ministerium.

Ein seriöser Vertreter der Branche spricht von "grandiosem Beschiss auf breiter Ebene"

Mehrere Unternehmensberater erzählen, das Angebot des Bundesamtes locke viele unseriöse Anbieter. Geschäftsleute eben, denen es nur darum gehe, die 4000 Euro zu kassieren. Jan Steinbauer, der seit 2009 als Unternehmensberater in Fürth arbeitet und zuvor bei der Industrie- und Handelskammer tätig war, schildert einen solchen Fall. Eine Verbund von selbständigen 30 Finanzberatern habe einen Unternehmensberater gesucht, der für jeden dieser 30 einen Zuschussantrag beim BAFA stelle. Um auf diese Weise gemeinsam 30 mal die 4000 Euro kassieren und einen Teil des Geldes dann in einen "neuen Marketingauftritt" für den eigenen Finanzberaterverbund stecken zu können.

Steinbauer weiß auch von einer Unternehmensberatung, die ihren Kunden "Massenmails" geschickt habe, um die 4000 Euro möglichst oft abgreifen zu können. Ein Berater will gleich eine ganze Berufsgruppen von Selbständigen abgrasen, damit jede Menge Förderanträge gestellt werden. Eine andere Unternehmensberatung wiederum verspricht ihren Klienten ein "kostenfreies Marketingkonzept". Die BAFA mache das möglich. So wird aus der Corona-Hilfe plötzlich etwas ganz anderes. Eigentlich sei das BAFA-Programm ein "tolles Instrument", um Unternehmen zu helfen, sagt Steinbauer. "Es wäre schade, wenn es jetzt, durch einige Scharlatane, dazu kommt, dass diese Form der Beratungsförderung in Verruf kommt".

Bei den Industrie- und Handelskammern wird bereits überlegt, wie man einem Missbrauch vorbeugen kann. Etwa indem Berater, die negativ aufgefallen seien, beim Bundesamt für Wirtschaft von der Liste der dort zugelassenen Anbieter gestrichen würden. Da gäbe es dann wohl viel zu streichen. Für die Beraterbranche ist das Programm aus zwei Gründen besonders attraktiv. Das Geld soll direkt an die Berater überwiesen werden; also nicht erst an die kleinen und mittelgroßen Firmen und Selbständigen, die gute Tipps in der Krise brauchen und sich deshalb von Fachleuten helfen lassen sollen. Und gefördert werden soll die Beratung zu 100 Prozent. Firmen und Selbständige müssen also nichts beisteuern, anders als sonst üblich.

Das lockt jede Menge Trittbrettfahrer an. Die Anträge sind ja schnell gestellt, sie kosten so gut wie nichts; außer Zeit. So finden sich plötzlich jede Menge Geschäftsleute, die sich Berater nennen und als solche nun beim BAFA akkreditiert werden wollen. Wer die 4000 Euro haben will, muss dort registriert sein. Laut Wirtschaftsministerium sind neben den vielen Zuschussbegehren auch 8505 Anträge "von neuen Beratern auf Akkreditierung" eingegangen. 8505 neue Berater quasi über Nacht.

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Gedacht war das nicht so. Deshalb will das Wirtschaftsministerium nun verhindern, dass das Programm außer Kontrolle gerät. In der zweiten Aprilhälfte erging eine "interne Anweisung", keine weiteren Zuschüsse in Aussicht zu stellen. Es sind aber weiter viele Berater unterwegs, und viele, die sich so nennen, um Zuschussanträge am laufenden Band einzusammeln. Ein seriöser Vertreter dieser Branche spricht von "grandiosem Beschiss auf breiter Ebene". Dem will das Wirtschaftsministerium mit strengen Kontrollen vorbeugen. Vor einer Auszahlung müssten die Beratungsdienste erbracht sowie "die entsprechenden Nachweise beim BAFA eingereicht und geprüft werden". Wie das alles angesichts der jetzt schon mehr als 27 000 Anträge genau in Augenschein genommen werden soll, bleibt unklar. Gefördert werden dürfen laut Ministerium nur "konzeptionelle, individuelle Beratungsleistungen, wie Wiederherstellung der Liquidität, Suche neuer Geschäftsfelder oder Maßnahmen zur Digitalisierung". Also nur Vorhaben, die über den Tag hinausreichen.

Bei den eingangs erwähnten Berliner Beratern, die bei ihren Kunden per Video für Zuschussanträge werben, klingt das teils anders. Die Berliner Unternehmensberatung behauptet auf ihrer Homepage, der BAFA-Zuschuss könne dazu verwendet werden, sich bei der Beantragung Anträgen von Kurzarbeitergeld, Arbeitslosengeld und staatlichen Corona-Hilfen unterstützen zu lassen. Sprich: Wie könne man mit den 4000 Euro vom Staat an weitere Staatshilfen kommen. Das Wirtschaftsministerium stellt das anders dar: "Förderberatungen sind nicht förderfähig."

Das BAFA teilt dazu mit, falls Berater nicht im Sinne der Richtlinie tätig seien, werde "die Listung sofort ausgesetzt". Gemeint ist offenbar die Akkreditierung für das neue Programm. Gleichwohl dürften sich noch viele Berater wie jener aus Hessen finden, der eine "Profesionelle Beratung" verspricht, ab Null Euro, dank des Zuschusses. Dass ausgerechnet bei "Profesionell" ein "s" fehlt, macht nichts. Hauptsache, es gibt 4000 Euro. Pro Kunde.

© SZ vom 15.05.2020/mxh
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