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Forum:Mit neuen Ideen durch die Krise

Jessica Espinoza arbeitet für die DEG. Die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft gehört zur Staatsbank KfW. Espinoza leitet ein Projekt der G-7-Staaten, das Frauen in Entwicklungsländern stärken will.

(Foto: DEG)

Wie Unternehmerinnen in Entwicklungsländern in der Pandemie Jobs sichern.

Von Jessica Espinoza

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind weltweit der Motor der Wirtschaft - allein in Entwicklungsländern sorgen sie für 70 Prozent der Jobs und 40 Prozent des Wirtschaftswachstums. Die Corona-Krise stellt nun auch sie vor nie dagewesene Herausforderungen. Besonders stark betroffen sind dabei frauengeführte KMU, weil sie oft strukturell benachteiligt sowie häufiger im Dienstleistungssektor (zum Beispiel im Tourismus, Einzelhandel und in der Gastronomie) tätig sind.

Die bisher umfassendste Umfrage unter 150 000 KMU in 50 Ländern durch OECD, Weltbank und Facebook 2020 zeigt, dass diese KMU Umsatzverluste von durchschnittlich 49 Prozent verzeichneten und drei von fünf Mitarbeitenden entlassen mussten. Während alle Unternehmen Gehaltssubventionen, Steuerstundungen und Zugang zu Finanzierung als Top-Prioritäten zur Bewältigung der Krise nannten, unterschied sich das Ranking der von Frauen geführten Betriebe: Für fast ein Viertel zählte die Unterstützung bei der Sorge-Arbeit zu den Top 3 Prioritäten. Denn 23 Prozent der Unternehmerinnen (im Vergleich zu elf Prozent der Unternehmer) berichteten, dass sie in der Pandemie sechs Stunden oder mehr pro Tag mit Care-Arbeit beschäftigt sind.

"Die Frauen haben jetzt die dreifache Belastung: ihr Business, den Haushalt und die unbezahlte Sorge-Arbeit für die Kinder - Stichwort Homeschooling - und kranke Familienangehörige. Natürlich ist es da schwer, mit Unternehmen von Männern mitzuhalten, die sich ganz auf ihr Business konzentrieren. Die Corona-Pandemie ist ein großer Rückschritt für die Gleichberechtigung", so Sofia Gasque, Leiterin der Handelskammer der frauengeführten KMU in Mexiko.

Die Frauen schaffen Stellen - ohne staatliche Hilfe

Der Entwicklungsfinanzierer DEG - Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft hat sie und weitere Unternehmerinnen, unter anderem aus Indonesien, Peru und Sambia, mit einer Recherche durch die Pandemie begleitet. Diesen Frauen gelang es, ihre Unternehmen mit innovativen Anpassungsstrategien durch die Krise zu steuern und so Arbeitsplätze zu sichern. Und dies ohne staatliche oder andere externe Unterstützungsangebote wie in den Industrieländern.

Ein Beispiel für Anpassungsfähigkeit und Innovation in der Krise ist die sambische Unternehmerin Mercy Chewetu Mukupa. Ihr Modeunternehmen "Queen of Chitenge Fashion" ist auf Design und Produktion von Fashion- und Berufskleidung spezialisiert und beschäftigt sechs Mitarbeitende in Vollzeit und 18 weitere in Teilzeit. Als die Pandemie Sambia im März 2020 erreichte, hatte ihr Unternehmen bereits die Umstellung auf Maskenproduktion vorbereitet. "Als die ersten Corona-Fälle in Afrika bekannt wurden, informierte ich mich über die Situation in anderen Teilen der Welt - zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass in Europa klinische Masken und Schutzkleidung Mangelware waren", so Mukupa.

Schon im Juni wurde der Business-Plan des Gesamtjahres übertroffen

Ihr Modeunternehmen entwickelte sich zum ersten und schnellsten Maskenlieferant für Krankenhäuser, Ärzte und Unternehmen in Sambia, das auf dem Höhepunkt der Pandemie 40 000 Masken pro Monat produzierte. Gleichzeitig investierte Mukupa in digitale Innovationen: in neue Online-Vertriebskanäle, digitales Marketing und digitale Zahlungssysteme, um auch in Zeiten des Lockdowns pünktlich Gehälter zahlen zu können. Während im Frühsommer 2020 weltweit bereits 60 bis 90 Prozent aller KMU Umsatzverluste erlitten und viele Einzelhandelsunternehmen existenzgefährdet waren, hatte das Unternehmen von Mukupa im Juni den Business-Plan des Gesamtjahres übertroffen. So konnte sie nicht nur alle Mitarbeitenden weiterbeschäftigen, sondern mitten in der Krise neue Arbeitsplätze schaffen und so dazu beitragen, dass ihre Mitarbeitenden weiter ihre Familien ernähren und ihre Kinder zur Schule schicken konnten.

Auch Oriana Carrera, Taxifahrerin in Peru, einem der weltweit von der Pandemie am stärksten betroffenen Länder, veränderte ihr Geschäftsmodell. Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und geschlossene Schulen stellten ihr Taxi-Business in der Hauptstadt Lima vor große Herausforderungen. Sie investierte in Sicherheitskonzepte und baute einen Lieferservice für Unternehmen über mobile Apps auf. Dabei stellt sie fest: "Für meine männlichen Kollegen ist es einfacher. Sie bekommen Lieferaufträge von Baumärkten und ähnlichen Unternehmen. Für uns Frauen ist es deutlich schwieriger, an solche Aufträge zu kommen."

Ein Unternehmerinnenbeispiel für Indonesien ist Svida Alisjahbana, CEO der Femina Group, einer führenden Frauen- und Lifestyle-Verlagsgesellschaft in Asien mit etwa 150 Mitarbeitenden und Fokus auf Unternehmerinnen und Karrierechancen für Frauen. Unterbrochene Lieferketten und Kontaktbeschränkungen durch Corona stellten das Geschäftsmodell auf den Kopf und erforderten eine digitale Neuausrichtung, um weiterhin bestehen zu können. 2020 gründete Alisjahbana deshalb Juanita, eine Online-Plattform, die berufstätige Frauen und Gründerinnen im ganzen Land vernetzt und langfristig auch E-Commerce-Angebote entwickeln will. Für die von ihr organisierte Jakarta Fashion Week entwickelte sie ein Online-Format, das im November 2020 mit 47 000 Besuchern zu einem digitalen Erfolg wurde.

Banken halten sich mit Krediten zurück

Bereits vor der Corona-Krise hatten frauengeführte KMU in Entwicklungsländern eine Finanzierungslücke von rund 1,7 Billionen Dollar. Der ohnehin schon eingeschränkte Zugang zu Finanzierung, Netzwerken und Märkten hat sich gerade für Unternehmerinnen in der Corona-Krise weiter verschärft. Auch Unternehmerinnen wie Mukupa hatten trotz ihres beeindruckenden Geschäftsjahrs Schwierigkeiten, einen Kredit von lokalen Banken zu bekommen. Ihre Bankbeziehung konzentriert sich auf digitale Transaktions- und Zahlungssysteme. Mukupa investierte während der Corona-Krise in drei neue Maschinen, um ihre Produktionskapazitäten zu erhöhen und Marktchancen zu nutzen - diese finanzierte sie aus ihren eigenen Gewinnen.

Oriana Carrera in Peru hingegen konnte in der Krise ihr erstes eigenes Taxi über Acceso, ein lokales Leasingunternehmen, finanzieren. Im Rahmen des "Gender Smart Opportunities Assessment", einer Initiative der DEG zur Förderung von Unternehmerinnen, entwickelte der DEG-Kunde Acceso ein neues Finanzierungsprodukt für Unternehmerinnen im männerdominierten Taxisektor. Carrera: "Bisher musste ich mein Taxi mieten - da bleibt nicht viel Gewinn übrig. Das neue Angebot von Acceso, mit dem ich mein eigenes Fahrzeug finanzieren kann, ist sehr attraktiv."

Die genannten Beispiele zeigen exemplarisch, wie wichtig es ist, Frauen als Unternehmerinnen und Führungskräfte zu stärken. Wären Frauen in der Arbeitswelt gleichberechtigt, ließe sich laut McKinsey die wirtschaftliche Performance von Unternehmen deutlich steigern und das globale Bruttoinlandsprodukt bis 2025 um jährlich 28 Billionen Dollar steigern, das ist ein Plus von 26 Prozent.

© SZ/kö
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