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Konsum:Wie jeder lokalen Geschäften helfen kann

COVID-19 - EINSCHRÄNKUNGEN DES ALLTAGS IN JENA 17/03/2020 - Jena: Das Kartoffelhaus Nr. 1 in Jena weißt mit einem Schil

Immer mehr Geschäfte und Cafés, wie dieses in Jena, schließen auf unbestimmte Zeit - weil sie müssen.

(Foto: Jacob Schröter/imago images)
  • In Corona-Zeiten wird nicht nur gehamstert - viele versuchen auch, Rücksicht zu nehmen und sich gegenseitig zu unterstützen.
  • Hilfreich kann es zum Beispiel sein, sein Buch online im heimischen Buchhandel zu bestellen. Oder kleine Läden mit dem Kauf von Gutscheinen zu unterstützen.

Es klingelt, doch statt den Bildschirm hinzuhalten für die Unterschrift, bittet der Paketbote den Kunden, einen eigenen Stift zu holen. Es sind sonderbare Zeiten als Konsument: längst gekaufte Tickets für Konzerte verfallen, die Lieblingsbuchhandlung hat zu. Das ist für die Produzenten schwierig, wirft aber auch für die Verbraucher große Fragen auf. Wie in diesen Tagen verantwortungsvoll mit Dienstleistern, Verkäufern, Anbietern umgehen? Die Unklarheiten, die sich dabei ergeben, haben unterschiedliche Ebenen. Die eine lautet: Wie kann man die Menschen, die in Supermärkten oder beim Paketdienst trotz allem immer noch arbeiten müssen, vor dem Virus schützen und ihnen das Leben erleichtern? Und die andere: Was kann jeder einzelne Verbraucher tun, um die Geschäftsleute zu unterstützen, die gerade um ihre Existenz kämpfen?

Wenn die Geschäfte und Restaurants geschlossen haben, tätigen tendenziell noch mehr Menschen ihre Einkäufe im Internet, rufen für ihr Abendessen den Lieferdienst. In beiden Branchen haben die Arbeitgeber erste Maßnahmen eingeleitet, um ihre Mitarbeiter und die Kunden zu schützen - und das geht über die Bitte nach dem eigenen Stift hinaus. Die Paketzusteller der DHL bestätigen gerade bis auf Weiteres selbst die Zustellung für die Kunden, die normalerweise eigenhändig auf einem Scangerät unterschreiben müssen. Damit soll vermieden werden, dass der Eingabestift durch viele Hände gereicht wird.

Im Supermarkt geht es nicht ganz ohne Kontakt: Äpfel, Milch und Pasta wandern zwangsläufig durch die Hände von Kunden und Kassierern. Umso mehr sieht die Gewerkschaft Verdi jetzt auch die Kunden in der Pflicht, das Risiko einer Ansteckung zu verringern. Jeder sollte beim Einkaufen jetzt Abstand halten, in den Ellenbogen niesen und wenn möglich bargeldlos bezahlen, heißt es bei Verdi. Zudem solle man den Frust über fehlende Waren nicht bei den ohnehin oft schon unter Tarif bezahlten Beschäftigten abladen. "Sie müssen gerade ausbaden, was passiert, wenn viele Leute hamstern."

Während sich Konsumenten im Supermarkt mit Lebensmitteln eindecken wie selten zuvor, bangen kleine Cafés, Boutiquen und Handwerksbetriebe um ihre Existenz.

Weil sie schließen müssen - oder weil keine Kunden mehr kommen. Doch auch ihnen können die Verbraucher in dieser schwierigen Zeit einen Dienst erweisen, sagt Jens Christopher Ulrich vom Bayerischen Handwerkskammertag. Für kleine Gewerke wie einen Goldschmied oder Hutmacher könne man derzeit direkt bei den Handwerkern Gutscheine erwerben, auch lang anstehende Reparaturarbeiten würden von vielen jetzt angenommen.

Was der Verband deshalb von den Kommunen fordert, nämlich für später geplante Aufträge vorzuziehen, könnte er sich auch als Unterstützung von normalen Kunden vorstellen, sagt Ulrich: "Wenn man sich etwas ohnehin anschaffen wollte, warum nicht schon jetzt?" Die SZ hat mehrere von den Corona-Folgen betroffene Menschen gefragt, wie Verbraucher ihnen gerade helfen können.

Musik direkt vom Künstler

Die Pianistin und Sängerin Olivia Trummer hatte ihre kleine Tour schon durchgeplant: erst einige Termine in Österreich, dann in ihrer früheren Heimat Baden-Württemberg. Doch an einem Abend vergangene Woche war klar: Weiter geht es nicht. "Das wäre eine lukrative Tour gewesen", sagt Trummer. Nun sind die nächsten Monate ungewiss: Einige Festivals wurden verschoben, bei anderen Veranstaltungen ist unklar, ob sie überhaupt noch dieses Jahr nachgeholt werden können. Dass Ausfallhonorare gezahlt werden oder künftige Honorare vorgezogen werden, kann sie derzeit nicht erwarten.

Eine Möglichkeit, Künstler wie sie zu unterstützen, sagt sie, sei zwar, Tickets für spätere Konzerte zu kaufen oder CDs. Aber finanziell einträglich sei das vor allem dann, wenn beispielsweise Alben direkt über die Website erworben werden und nicht über Streamingdienste oder Onlinehändler. Eine andere Möglichkeit finanzieller Hilfe sei, bei Künstlern, die beispielsweise auch Musikunterricht übers Web geben, Kurse zu buchen. "Man sollte einfach Ausschau halten nach dem, was die Künstler sich einfallen lassen", sagt Trummer. Am wichtigsten findet sie aber derzeit moralische Unterstützung. So freut sie sich, wenn sie Anfragen für Veranstaltungen in etwas fernerer Zukunft bekommt. "Alles was sich nach Normalität anfühlt, tut gut."

Der Online-Buchhändler um die Ecke

Der Online-Buchhändler um die Ecke In 20 Jahren, die sie die Glockenbachbuchhandlung in München betreibt, habe sie so einiges umschifft und überlebt, aber das sei dann doch neu, sagt Petra Schulz. Sie hat in den vergangenen Wochen viele neue Bücher bestellt, die auf der ebenfalls abgesagten Leipziger Buchmesse vorgestellt werden sollten. Nun hat sie nicht nur diese Bücher vorliegen, sondern auch unzählige, die Kunden bereits bestellt, aber nicht abgeholt haben. Denn was gar nicht so viele Menschen wissen: Bücher können ähnlich schnell wie bei den großen Versandhändlern auch bei vielen kleinen Buchhändlern bestellt werden.

Auch Schulz hat einen eigenen Onlineshop. Wer auf ihrer Website bestellt, bekommt das Buch direkt vom Grossisten zugeschickt, dennoch erhält Schulz einen Teil des Umsatzes - und übernimmt ab 20 Euro Bestellwert sogar die Kosten. Wie für viele Buchhändler ist das auch bei ihr schon seit Jahren das Mittel, um der wachsenden Onlinekonkurrenz etwas entgegensetzen zu können. Nun hofft sie, dass dieses Modell sie durch die Krise trägt, und empfiehlt auch gleich in den sozialen Netzwerken auf ihren eigenen Kanälen, welche Bücher sich derzeit besonders lohnen. Denn Krise hin oder her, sie ist überzeugt: "Das Lesen geht weiter."

Virenfrei zum Haare schneiden

Der Friseursalon von Jennifer Haas in Bayreuth gehört nicht zu den Geschäften, die geschlossen bleiben müssen, um eine weitere Verbreitung des Virus zu verlangsamen. "Ich finde es merkwürdig, dass die Politik uns für systemrelevant hält", sagt die 30-jährige Friseurmeisterin. Am Dienstag öffnete sie ihren Salon trotzdem zum vorerst letzten Mal, als freiwillige Vorsichtsmaßnahme. "Es kann nicht sein, dass die Kunden jetzt eineinhalb Meter voneinander entfernt sitzen sollen, aber wir weiterhin bis 30 Zentimeter an sie heranrücken müssen, um ihnen die Haare zu schneiden", sagt Haas. Sie müsse sich und ihre Auszubildende schützen.

"Man kann sich noch so sehr die Hände waschen, aber wenn beim Pony schneiden plötzlich jemand niesen muss, verteilen sich die Viren trotzdem." Zunächst schließt sie den Salon bis zum 30. März. Viel finanziellen Spielraum habe sie nicht mehr: "Länger als vier bis sechs Wochen schaffe ich es nicht", sagt sie. Was ihr jetzt hilft? "Die Steuerstundungen sind eine gute Idee", sagt Haas. Die Kunden könnten sie zurzeit vor allem unterstützen, indem sie ihre Entscheidung zu schließen akzeptierten. Und indem sie sich auch künftig nicht krank zum Friseur schleppten und andere ansteckten. Die Idee, sie mit dem Kauf von Gutscheinen zu unterstützen, überzeugt Haas nicht ganz. "Die Arbeit müssen wir dann geballt im Sommer oder Herbst reinholen."

Hausmannskost to go

Normalerweise öffnet Marc Windhorn seine Gaststätte "Zur Eiche" in Garbsen bei Hannover immer erst um 16 Uhr. Doch da er nun schon um 18 Uhr schließen muss, bietet er seit Dienstag einen Mittagstisch an. Dennoch ist auch abends weiterhin ein Koch im Einsatz. Denn Windhorn bietet wegen Corona jetzt einen Lieferdienst an - "wie ein Pizza-Taxi, nur mit deutscher Küche", berichtet er. Das Essen fährt er ab einem Bestellwert von 12,50 Euro für 1,50 Euro Liefergebühr selbst mit seinem Auto aus, die Einweghandschuhe hat er immer dabei. Auch in vielen anderen Lokalen kann man bislang abends noch Essen abholen.

© SZ vom 19.03.2020/hgn
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